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Willkommen in Bennys Biotop

03.07.2009 | 20:25 Uhr
Willkommen in Bennys Biotop

Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebte Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Teil acht: Willkommen in Bennys Biotop.

Benny Reichert, der Kapitän von RWO, wohnt in einer ehemaligen Bergbaudirektoren-Villa, und äußerst verkehrsgünstig. Nur die Konrad-Adenauer-Allee trennt das elterliche Haus von Schloss Oberhausen, Kaisergarten und Stadion Niederrhein. Der Sohn ist mittlerweile 25 Jahre alt und lebt immer noch daheim. Seine Hobbys heißen: Fußball, Familie und "Counterstrike".

RWO auf dem Titel der Fachzeitschrift 11 Freunde

Einst repräsentierte er die Speerspitze der bundesdeutschen Ego-Shooter-Szene, unter dem Pseudonym "Kane". Sie waren ein Clan damals, wie das unter Elektrosportlern heißt, weltweit bekannt, weltweit unterwegs. Wenn man in der Saison 2008/09 das heimelige Domizil des Profis betritt, steht man sofort im geräumigen Wohnzimmer. Vater Reichert liest gerade den Sportteil der "Bild"-Zeitung, Mutter Reichert klebt Zeitungsartikel in ein Fotoalbum. Die kleine Bildergalerie, die entlang der Kellertreppe angebracht ist, beginnt mit einem Werbeplakat für ein RWO-Match. Motiv: der nackte Hintern des Präsidenten.

Während der Kapitän die erste Etage bewohnt, leben zwei Mitspieler – Bennys Bruder Tim und Kim Falkenberg – in den Gartenhütten, die in ihrer Art an den Bungalow des Achtziger-Jahre-Ermittlers Magnum erinnern. Falkenberg, vor der Saison aus Leverkusen an die Emscher gewechselt, hat seine "Ein-Zimmer-Laube mit Familienanschluss" gar nicht erst für ein längeres Bleiben eingerichtet. Ein einzelner Bilderrahmen mit dem Foto seiner Freundin steht auf der Fensterbank. T-Shirts und Socken liegen gewaschen, gefaltet und gestapelt auf dem Glastisch. Im Eingangsbereich hängt eine Kreidetafel, die an die nächsten Termine bei der Sportförderkompanie der Bundeswehr erinnert – und an ausstehende Prämien aus Leverkusen.

Der U20-Nationalspieler, ein typischer Perspektivspieler der Marke Bruns, ist im Sommer als Nachmieter von Dimi Pappas eingezogen, der eine andere Wohnung gefunden hat. Pappas wohnt jetzt über dem RWO-Fan-Shop. Der Startvorteil für die temporären Untermieter in der Gartenkolonie liegen auf der Hand: Wer in der Spieler-WG lebt, ist schneller integriert. Reichert und Pappas teilten sich sogar den PKW: einen alten Mercedes-Benz.

Pokern mit Angelo Vier

Heimniederlage gegen Wehen Wiesbaden - Der Manager streitet sich mit Spielerberatern

Angelo Vier, der Berater von Leistungsträger Benny Reichert, steht am Trainingsplatz an der Landwehr. Prompt ist der Ex-RWO-Profi von alten Kollegen umringt: Mannschaftsarzt und Masseur fragen nach Zustand von Schulter und Knie. Zwischendurch winkt ihm die führende Geschäftsstellenleiterin. Und nach dem Training geht kaum ein Spieler an ihm vorbei, ohne ihn zu begrüßen. Das Trainerteam verweilt etwas länger, macht gute Miene zum geschäftigen Spiel. Schließlich ist Vier gekommen, um ihnen eventuell den Kapitän wegzunehmen. Manager Bruns sagt: "Ich habe in all den Jahren im Fußball gelernt: Jeder ist zu ersetzen. Aber wenn der Benny gehen würde, würde mich das persönlich treffen."

Thomas Dietz und Hans-Günter Bruns. (Foto: Gerd Wallhorn)

Das erste Gespräch mit dem Kapitän haben Bruns und Dietz gemeinsam geführt, beim zweiten sitzen nur Sportvorstand und Spieler zusammen. Reichert bekommt – ebenso wie die anderen Stützen Falkenberg und Tim Kruse – eine lockere Frist von drei Wochen gesetzt. Solange sei das Vertragsangebot gültig. Dietz hat seine Hausaufgaben gemacht, fährt anschließend in den Urlaub. Doch kurz nach dem Kaiserslautern-Spiel weiß Reichert immer noch nicht, was er machen soll. Tauscht er die Bodenständigkeit und die Freunde, die er in seiner Heimatstadt hat, gegen die sportliche Perspektive eines anderen, eines aufstrebenden Zweitligisten? Wohin wechselt jemand, der mit 25 Jahren den Status eines Charly Körbel besitzt? Und wechselt er überhaupt? Einer der Bosse sagt zuversichtlich: "In Oberhausen ist er bei den Mädels beliebt, außerdem ist er ein bisschen faul – was soll er woanders?" Und dass Angelo Vier halt gerne etwas pokere.

Bruns klagt derweil bei jeder Gelegenheit über sein erhitztes rechtes Ohr. Er spricht täglich mit mindestens 15 Spielervermittlern, kann sich kaum deren Namen merken. Bei den Gesprächen erlebt er manche Überraschung: Bevor Falkenberg seine Entscheidung, nach Fürth zu wechseln, offiziell mitteilt, werden Bruns bereits Nachfolger für ihn angeboten. Und wenn über diese Gerüchtebörse bezüglich des Augsburger Stürmers Imre Szabics ein monatliches Grundgehalt von 35.000 Euro kolportiert wird, fragt sich Oberhausens oberster Werteverwalter schon einmal: "Haben die noch alle auf der Latte?" Er rechnet dann gerne schnell zusammen, dass fünf Augsburger Arbeitnehmer soviel verdienen wie hier der ganze Kader.

Wenn ihm etwas in seiner Position als Manager übel aufstößt, dann sind das die alltäglichen Unsitten des Transfergeschäfts. Gerade hat er eine Schwarze Liste angelegt. Darauf stehen jene Spielerberater, die nicht mehr in Oberhausen anrufen dürfen. Einer, der dreimal aus dubiosen Gründen abgesagt hat, um jeweils mit anderen Klubs zu verhandeln, und der sich dann – kurz vor dem vierten Termin – von der Autobahn meldete ("Wir sind gerade auf dem Weg zu Werder Bremen"), bekam bereits die volle Breitseite verpasst: "Jetzt pass mal auf! Egal was passiert, auch wenn du Ronaldinho für 5000 Euro im Monat hast, ruf mich nie wieder an!" Im nächsten Jahr soll alles anders werden, radikal anders: Dann wird in Oberhausen jedem Spieler genau eine einzige Offerte unterbreitet, eine klar definierte zeitliche Frist gesetzt und dann kann sich der Spieler entscheiden, ob er bei RWO spielen will oder nicht. Darüber sind sich Vorstand und Manager einig.

Was kurz nach Bruns’ Wutausbruch eintrudelt, ist die Zusage des Kapitäns. Benny Reichert ruft bei Dietz an und willigt endlich ein. Der Klub ist für ihn an seine monetären Grenzen gegangen. Mit Erfolg. Die Zusage kommt gerade rechtzeitig. Der Manager, in dieser Zeit ungewöhnlich schnell genervt, hatte nämlich fast schon wieder den Hörer in der Hand, um dem Kapitän mitzuteilen, dass er endgültig am Ende seiner Geduld sei bei diesem Vertragspoker. Selbst wenn ihm das persönlich besonders weh getan hätte! Hans-Günter Bruns geht es – wie so oft – auch ums Prinzip.

11 Freunde

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