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WM-Quartier

Im Campo Bahia ist der Glanz der WM verblasst

30.12.2014 | 17:38 Uhr
Spaß beim Ausflug: Die Weltmeister bei der Entspannung. Foto: Getty

Santo André.   Nach der Abreise der Weltmeister ist im Campo Bahia Ruhe eingekehrt. Die Hotelzimmer sind nicht ausgebucht, der Kapitän der Fähre hat wenig zu tun

Deutsche Fahnen sind noch in den Boden gerammt, etwas windschief stehen sie neben dem Schild mit der Aufschrift „Wir sind stolz auf Euch!“. Das Campo Bahia in Santo André, vom 8. Juni bis zum 11. Juli das Basislager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist zum fast normalen Hotel geworden. „Dort entspannen, wo die Nationalmannschaft schwitzte“ – so wirbt ein Reiseveranstalter für einen Aufenthalt im „Hotel der Weltmeister“, das nach einer Idee von DFB-Teammanager Oliver Bierhoff in diesem Jahr aus dem Boden gestampft wurde. Stolze Preise werden für die Zimmer in den vier Villen, in denen die 23 Nationalspieler logierten, und neun weiteren Häusern des Luxus-Resorts aufgerufen. 460 Euro pro Tag und pro Person sind der günstigste Preis, 1200 Euro der teuerste. Es herrscht Ferien-Hochsaison in der Region, das Campo aber ist nicht ausgebucht.

„Wieviele Deutsche bisher gekommen sind, weiß niemand genau. Brasilianer, die sich in der Gegend gut auskennen, finden sehr gute Quartiere für günstigere Preise“, sagt eine Nachbarin der Anlage. Fünf WM-Wochen lang patrouillierten brasilianisches Militär und vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) angeheuerte Sicherheitskräfte vor dem Komplex. Nun ist der Sandweg davor, die Lebensader des Ortes, für jeden wieder passierbar. „Im Dorf herrscht ein normales Leben wie vor der WM“, sagt Vivian da Cunha, eine aus New York stammende Lehrerin, die seit 30 Jahren in Santo André lebt.

Die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze

Der Stolz der Gemeinde, die Weltmeister beherbergt zu haben, ist ungebrochen. Die Hoffnungen, dass der WM-Aufenthalt der Deutschen viele neue Arbeitsplätze schaffen würde, haben sich allerdings nicht erfüllt. Nur im Campo Bahia entstanden Jobs für die Einheimischen, doch nach der WM fielen etliche Stellen wieder weg. Aber auf die Deutschen lässt niemand etwas kommen.

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Die Andenken, die die Nationalspieler zurückließen, werden wie Reliquien gehütet. Cavaco Moreno Sampaio, der im deutschen WM-Quartier arbeitete, zeigt seine rot-schwarze Trainingsjacke mit dem DFB-Adler und den eingestickten Initialen „BS“. Bastian Schweinsteiger habe sie ihm geschenkt, erzählt er stolz.

Ein Loblied auf die Deutschen

Kollegen von ihm würden die Ex-Badeschlappen der Spieler oder T-Shirts mit den Unterschriften vieler Weltmeister tragen, sagt Sampaio. Ein großer brasilianischer Fernsehsender brachte kürzlich in den Nachrichten eine Reportage aus Santo André mit dem Titel „Die Hinterlassenschaften der Deutschen“. Es war ein wahres Loblied auf die Gäste. Der DFB ließ den sandigen Fußballplatz im Dorf mit einem Rasen versehen, was aber wegen mangelnder Pflege des kargen Grüns eine eher sinnlose Aktion war. Drei Jahre lang spendet der Verband zudem je 20 000 Euro für die Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen des Ortes.

In der 800-Seelen-Gemeinde entstand nur kurz nach der WM ein kleiner kollektiver Kater. Mit dem Trubel um die berühmten Gäste und dem Tross der begleitenden Medienvertreter war Santo André bekannt geworden. „Aber auf einen Schlag war alles wieder ruhig. Wir hatten kaum noch etwas zu tun“, berichtet Manuel de Conceicao, der alte Fährmann des rostigen Schiffes „Bom Jesus“, das auch die Nationalspieler auf ihrem Weg zu den sieben WM-Spielen über den Rio Joao de Tiba brachte.

Ein Segen in der Nebensaison

Als Joachim Löw und seine Spieler im Campo den Teamgeist entwickelten, der sie schließlich zum Titel trug, war Winter im Süden von Bahia mit viel Regen für brasilianische Verhältnisse und Temperaturen um die 20 Grad. Dass die Deutschen die sonst tote Nebensaison belebten, war ein Segen für die Region. In diesen Tagen bis in den Februar hinein läuft nun die touristische Hochsaison. Der brasilianische Hochsommer zu Weihnachten und Neujahr zeigt sich mit 32 Grad, Sonne von früh bis spät, der Atlantik glitzert blau und nicht wie im Juni nach Regen trübbraun.

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Viele Unterkünfte in Porto Seguro und Umgebung sind bis auf den letzten Platz belegt. Auf der 30 Kilometer langen Straße vom Flughafen, den das deutsche Team während der WM nutzte, nach Santa Cruz Cabralia, wo die Fährverbindung nach Santo André beginnt, bildet sich von Morgen bis in die Nacht ein einziger Stau.

Die Hotelbetreiber sind schweigsam

Santo André hat in Brasilien den Ruf eines alternativen Urlaubsorts, der dennoch sündhaft teuer ist. Dazu trägt neuerdings das Weltmeister-Campo bei. 460 Euro werden für zwei Personen in der billigsten Suite der Villa Taba verlangt. In der Villa Ocara sind für zwei Personen sogar satte 16.800 Euro fällig. Dass es kompliziert ist, eingefleischte und zugleich betuchte Deutschland-Fans in das brasilianische Hinterland zu locken, war den Hotelbetreibern vom ersten Tag an klar. Sie geben ungern Auskunft, wie das Geschäft läuft. Aber sie hoffen weiter. Nämlich darauf, dass der Weltmeister-Bonus das Hotel irgendwann füllt.

Gregor Derichs

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Im Campo Bahia ist der Glanz der WM verblasst
Im Campo Bahia ist der Glanz der WM verblasst
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2014-12-30 17:38
Fußball