Tim Wiese

Warum über den Fall Wiese kein Gras wächst

In die umstrittene Trainingsgruppe zwei verbannt: Tim Wiese (zweiter von rechts).
In die umstrittene Trainingsgruppe zwei verbannt: Tim Wiese (zweiter von rechts).
Foto: dpa

10 Millionen Euro für Nichtstun zu kassieren, klingt auf den ersten Blick nach Skandal. Tim Wiese dafür an den Pranger zu stellen, dass er seinen Vertrag in Hoffenheim aussitzt, wäre jedoch unredlich. Ein Kommentar von Reinhard Schüssler.

Essen.. Die Spielvereinigung 1899 Hoffenheim hätte es gerne, aber über diesen für den Bundesligisten ebenso kostspieligen wie imageschädigenden Fall wird so schnell kein Gras wachsen: Tim Wiese, in die „Trainingsgruppe 2“ („Strafbataillon“ wäre treffender) abgeschobener ehemaliger Nationaltorwart, hat angekündigt, seinen noch drei Jahre laufenden Vertrag zu erfüllen. Im Klartext: ihn auszusitzen.

Sollte irgendjemand in Hoffenheim über diese Entwicklung überrascht oder gar über Wiese empört sein, müsste er sich Realitätsverlust vorhalten lassen. Indem der Verein den 31-jährigen Ex-Bremer nachhaltig und medienwirksam demontierte, hat er sich selbst um die Chance gebracht, noch einen Käufer für den ausgemusterten Star zu finden. Jedenfalls keinen, der dessen kolportiertes Jahresgehalt von 3,5 Millionen Euro übernehmen würde. Dass der Spieler auf das vereinbarte Salär verzichtet, wäre wohl zu viel verlangt. Zumal in einem Alter, da das Ende der Karriere absehbar ist.

Abneigung der Fans trifft nur "Abzocker" Wiese, selten den Verein

Der erste namhafte Bundesliga-Profi, der sich partout nicht vom Hof jagen ließ, war Thomas Berthold. Für sein „Tribünenjahr“ in München ist der – wie Wiese – nie durch Minderwertigkeitskomplexe aufgefallene Nationalspieler („Ich und arrogant? Dass ich nicht lache“) viel gescholten worden. Nicht zuletzt, weil er keinen Hehl daraus gemacht hatte, während dieser Zeit sein Golf-Handicap signifikant verbessert zu haben.

Auf Berthold folgten noch andere „Aussitzer“ wie der Schalker Albert Streit. Alle verbindet die herzliche Abneigung vieler Fans gegenüber den vermeintlichen „Abzockern“. Merkwürdigerweise richtet sich der Zorn kaum gegen die Vereine. Als ob diese mit den opulenten Vertragsabschlüssen nichts zu tun hätten und die bedauernswerten Opfer wären. Wer jedoch mit einer langen Vertragslaufzeit auf einen üppigen Zugewinn bei einem vorzeitigen Wechsel des Spielers spekuliert, muss auch das Risiko tragen.

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