Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Interview

Von Glückspilz Klinsmann und überschätzten Trainern

02.02.2009 | 14:19 Uhr
Von Glückspilz Klinsmann und überschätzten Trainern

Essen. Kann man dem Fußball den Zufall austreiben? Managementberater und Sportphilosoph Dr. Reinhard K. Sprenger gibt im Interview Erklärungsansätze und erläutert seine Sicht über die Rolle des Trainers und warum in Schalke mit Rudi Assauer und Ralf Rangnick zwei Welten aufeinander geprallt sind.

Herr Sprenger, Sie haben einst auf Schalke Ralf Rangnick beraten. Hätten Sie gedacht, dass er mit Hoffenheim Herbstmeister wird?

Reinhard K. Sprenger: Nein! Ich hätte getippt, dass die Mannschaft im Mittelfeld landet. Der Erfolg war nicht abzusehen. All die Interviews, die zu diesem Thema gegeben werden, sind der verzweifelte Versuch, mit etwas Unerklärlichem klarzukommen. Hoffenheim dementiert vieles, was über viele Jahrzehnte für den Fußball galt.

Rangnick, der Erneuerer. Auf Schalke trieb er Manager Rudi Assauer mit seiner Innovationslust zur Weißglut.

Ralf Rangnick hat nach Ansicht von Dr. Reinhard K. Sprenger das Fußballweltbild im Ruhrgebiet aufgebrochen. Foto: WAZ, Felix Hoffmann

Sprenger: Assauer repräsentiert all das, was das Ruhrgebiet an Fussballgeschichte mit sich herum schleppt: Wadenbeißen, Schwitzen, Malochen. Er hat ein Fußballweltbild, das im vorigen Jahrhundert wurzelt und an allzeit gültige Wahrheiten und Erfolgsrezepte glaubt. Rangnick hat das aufgebrochen. Er sagt: Es gibt nur Möglichkeiten, den Erfolg wahrscheinlicher zu machen. Ohnehin wird der Einfluss des Trainers überschätzt. Es geht vor allem darum, Kontraste zu setzen und sowohl Spieler als auch das Umfeld unter Spannung zu halten. Damit stieß er bei einem Menschen wie Assauer auf kaum verhohlene Feindschaft.

Bei Hoffenheims Präsident Dietmar Hopp stieß er hingegen auf offene Ohren.

Sprenger: Hopps Motto ist: »Wir machen alles neu! Neu! Neu! Neu!« Diese Mischung aus einem arrivierten Sport wie Fußball und Innovationsbereitschaft ist für jeden modernen Trainer reizvoll.

Rudi Assauer wusste auf Schalke eine riesige Fangemeinde hinter sich, die genauso dachte wie er. Ist es der entscheidende Vorteil des Projekts »1899 Hoffenheim«, dass es diesen Ballast aus Verantwortung und Tradition nicht mitschleppen muss?

Sprenger: Wer etwas Neues will, hat alle zu Feinden, die aus dem Alten ihre Vorteile zogen. Wenn Rangnick gegen die Bewahrer des Status Quo hätte ankämpfen müssen, dann wäre er niemals in so kurzer Zeit so weit gekommen. So etwas ist nur im Rahmen einer Neugründung möglich und bei einem Traditionsverein unwahrscheinlich.

Hinzu kommen die finanziellen Möglichkeiten, die Dietmar Hopp zur Verfügung stellt.

Sprenger: Dietmar Hopp ist Eigentümer seines Geldes und kann damit machen, was er will. Man kann meines Erachtens mit seinem Geld schlechtere Dinge tun. Aber das steht mir gar nicht zur Beurteilung an. Wichtiger ist: Sein privates Geld senkt den Rechtfertigungsdruck. Er schuf einen Rahmen, in dem man experimentieren, Fehler machen und etwas in den Sand setzen darf. Das nennt man Vertrauen. Und das genießt Ralf Rangnick in Hoffenheim.

Wie kommt es, dass so viele Spieler unter Rangnick einen sagenhaften Leistungsschub erlebt haben?

Sprenger: Das ist immer eine Gemengelage. Zum einen geht Rangnick hervorragend mit seinen Spielern um und, soweit ich das beurteilen kann, bringt ihnen großes Vertrauen und großen Respekt entgegen. Zum anderen hat er Fachleute um sich versammelt, die auf ihrem Gebiet state of the art sind.

Die Mannschaft eilt von Sieg zu Sieg, einige Spieler haben sogar gemeinsam Silvester in New York gefeiert. Zu schön, um wahr zu sein.

Sprenger: Selbstverständlich wird das nicht ewig so weitergehen. Andere Mannschaften werden nachziehen und das Erfolgskonzept kopieren. Der Innovationsvorsprung wird schmelzen. Aber Dietmar Hopp hat ja nicht von Ungefähr auf Kontinuität gesetzt – im Bewusstsein, dass es auch Rückschläge geben kann. Das im Rücken zu haben, gibt Trainer und Spielern ein enormes Selbstvertrauen.

Lassen Sie uns den Clash der Kulturen ein für alle Mal auflösen. Womit kann man eine Fußballmannschaft eher vergleichen: mit einer militärischen Kompanie, wie Assauer sie sich erträumt, oder mit der Belegschaft einer Firma, wie Rangnick sie zu führen meint?

Sprenger: Ich habe keinen Zweifel, dass die Kompanie ein völlig unpassender Vergleich ist. Beim Militär haben wir es mit einer hochgradig dekomplexen Situation zu tun, die zudem das Kollektive betont. Der Fußball ist komplexer, schneller und situativ zugespitzter. Da geht es nicht weniger um Befehl und Gehorsam, sondern vorrangig um die Verantwortung und Entscheidungskraft des Einzelnen.

Die überkommene Vorstellung von einer Mannschaft ist aber die eines geschlossenen Kollektivs.

Sprenger: Das ist eine unterkomplexe Vorstellung, die sich an ein simples »Entweder-Oder« anlehnt. Natürlich ist richtig, dass kein Einzelspieler aufsteigt, er braucht die Mannschaft. Diese braucht aber wiederum die Kreativität des Einzelnen. Umso mehr, als im Fußball – ähnlich wie in den Wirtschaftsunternehmen – die Mannschaften beraterinduzierte Organisationsklone sind, also tendenziell alle gleich spielen. Der konstruktive Ungehorsam des Einzelnen macht, wenn Sie so wollen, den Unterschied. Wir müssen aus weg vom »Entweder-Oder« und hin zum »Sowohl-als-auch«.

Fußball ist von Taktik und Positionsspiel geprägt. Wie viel Platz bleibt da dem Einzelnen, sich zu entfalten?

Sprenger: Immens viel! Strategie und Taktik bilden nur Hohlformen. Als solche sind sie indifferent gegenüber dem Einzelnen: Eine Viererkette ist eine Viererkette, egal ob da Per Mertesacker steht oder sonst wer. Insofern scheinen die Leute austauschbar zu sein. Aber wie eine Viererkette spielt, wie hoch das Vertrauen der Spieler untereinander ist und wie sicher sie letztlich steht, das verantworten die Individuen.

Sie sprachen vom Vertrauen, das Rangnick seinen Spielern entgegen bringe. Wie kann ein solches Vertrauensverhältnis im Fußball überhaupt aussehen, wo doch der Konkurrenzkampf schon im Training anfängt?

Sprenger: Vertrauen ist multikausal. Eine Quelle für Vertrauen ist Vertrautheit, das heisst langjährige Bekanntschaft. Man kennt einander, die Laufwege des Nebenmannes, weiß, was der andere in bestimmten Situationen tut. Doch wir wissen alle, dass Fußballer moderne Zeitarbeiter sind. Sie haben Kooperationsinteressen, die einen Zeitraum von zwei Jahren oftmals nicht überschreiten. Deshalb ist Vertrauen heute eine Entscheidung.

Es muss also etwas anderes geben, das Vertrauen stiftet.

Sprenger: Ja. Dem Trainer muss es gelingen, die Spieler bei aller mannschaftsinterner Konkurrenz auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Das Motto muss sein: »Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen«. Nur unter der Bedingung eines Ziels, für das man einander braucht, fallen Egoismus und Hilfe zusammen.

Schauen wir nach Berlin. Bei Hertha BSC ist das Verhältnis zwischen Trainer Lucien Favre und Stürmer Marko Pantelic offenbar zerrüttet. Pantelic trifft trotzdem. Wieso das?

Sprenger: An dieser Stelle würde ich Opportunitätskosten einklagen: Unter einem anderen Trainer wäre Pantelic wahrscheinlich sogar noch erfolgreicher – und umgekehrt.

Wie können Trainer und Spieler ein Vertrauensverhältnis, das einmal ramponiert ist, reparieren?

Sprenger: Das ist extrem schwierig. Man muss sich verwundbar machen und sich wirklich von der Leistung des anderen abhängig machen. Allerdings ist es angesichts der kurzen Kooperationszeiträume im Fußball sehr unwahrscheinlich, dass zwei Streithähne sich komplett aussöhnen.

Fällt ihnen ein Beispiel für eine Mannschaft ein, in der großes Vertrauen herrschte?

Sprenger: Da denke ich natürlich an Hoffenheim. Unabhängig davon, dass es hervorragende Einzeltalente gibt, siegen sie stets als Mannschaft – in einer Geschlossenheit, die ich selten zuvor gesehen habe. Mir fällt aber auch noch eine andere Mannschaft ein, bei der das Vertrauen untereinander eine andere Ursache hatte: Griechenland bei der EM 2004. Der Erfolg war mit einiger Sicherheit auch der Tatsache geschuldet, dass Trainer Otto Rehhagel kein Wort Griechisch sprach. Die Spieler wussten, dass sie vom Spielfeldrand keine Hilfe zu erwarten hatten und schalteten deshalb auf den Modus Selbstverantwortung um. Viel Hilflosigkeit auf dem Feld ist ja angebotsorientierte Nachfrage. Solange da jemand ist, der sagt, wo es lang geht, muss ich ja nicht selber denken.

Das kann aber auch schief gehen.

Sprenger: Wie immer! Das ist die »Kontingenz«, das Prinzip des »Es hätte auch alles ganz anders laufen können«. Fußball dass allerschönste Beispiel dafür. Egal, welche Erfolgs- oder Misserfolgsstrukturen man zu isolieren versucht, man findet immer 30 Gegenbeispiele. Das ist diese Überfülle von Möglichkeiten, die die Trainer mit System und Organisation zu reduzieren versuchen. Meistens vergeblich. Wie schön für den Fussball.

Ist diese Kontingenz, wie Sie es nennen, der Grund, warum wir alle so fasziniert vom Fußball sind?

Sprenger: Exakt. Fußball ist das für die Massen beobachtbare Kontingenzspiel des Lebens. Wenn wir gefragt werden: »Warum bist du so erfolgreich?« bzw. »Warum bist du so erfolglos?«, dann erzählen wir alle irgendwelche Geschichten, die so, aber auch anders hätten laufen können. Im Fußball ist all das gleichsam auf 90 Minuten komprimiert. Man weiß nie im voraus, wie es ausgeht. Erst im Nachhinein unterlegen wir Kausalitäten, glauben, Gründe zu erkennen, und kommen zu einem sinnvollen Zusammenhang, den wir Verstehen nennen. Eine Illusion, ohne die wir nicht leben können.

Kann man sagen: der Assauer-Typus negiert diese Kontingenz, der Rangnick-Typus spielt mit ihr?

Sprenger: Das kann man so sehen. Der Assauer-Typus sagt: Nur so geht es. Der Rangnick-Typus sagt: Es ist so aber auch anders möglich. Er fragt also immer, ob nicht auch eine Problemlösung denkbar ist. Das nennt die Wissenschaft »funktionale Äquivalente«. Die Verabschiedung des »one best way« ist der Scheidepunkt zwischen althergebrachter und moderner Mannschaftsführung.

Sind Trainer und Spieler, die Erfolge aneinanderreihen, in der Lage, diese Kontingenz zu beherrschen?

Sprenger: Sagen wir so: Sie sind in der Lage, unterschiedliche Lösungen für bestimmte Probleme anzubieten. Die meisten Mannschaften funktionieren nach dem Motto: Ich bin die Lösung - wo ist das Problem? Damit kann man eine ganze Zeit erfolgreich sein, aber dann landet man in der Erfolgsfalle. Erfolg macht immer lernbehindert. Wenngleich ein Bereich sowohl in der Wirtschaft als auch im Fußball dramatisch unterschätzt wird: das Glück.

Im Fußball gibt es das geflügelte Wort »Er hat das Glück des Tüchtigen«. Kann man sich das Glück erarbeiten?

Sprenger: Dieser Satz zeugt vom verzweifelten Versuch des Menschen, mit der Kontingenz klar zu kommen, etwas Regelhaftes hineinzubringen, wo keine Regeln sind. Nachvollziehbar, denn die moderne Welt droht uns mit der Fülle ihrer Möglichkeiten zu überfluten. Man kann allenfalls die Bedingungen der Möglichkeit schaffen, dass das Glück, wenn es denn einen trifft, auch auf fruchtbaren Boden fällt.

Wie verändert sich eine Mannschaft, wenn die Siege ausbleiben?

Sprenger: Sie gerät in eine Misserfolgsspirale. Wenn eine Mannschaft mit der Einstellung auf den Platz geht »Wie kommen wir hier bloß heil wieder heraus?«, kann sie nur verlieren. Als Misserfolgsvermeider kommt man über das Mittelmaß nicht hinaus. Sollte sie dann überraschender Weise doch einmal siegen, attribuiert sie das nicht für sich, sondern für günstige Umständen – eben Glück.

Sie sagen, dass es die Sache jedes Einzelnen sei, sich zu motivieren. Das muss Fußballern angesichts des Ruhms und des Geldes, die sie erlangen können, doch leicht fallen.

Sprenger: Geld und Ruhm haben mit dauerhafter Motivation nichts zu tun. Fußballer aber haben einen riesigen Vorteil gegenüber Arbeitnehmern im Unternehmen: Sie müssen nur sehr zugespitzt Leistung bringen. Ein, vielleicht zweimal pro Woche sind sie für je 90 Minuten gefordert. Sich dafür zu motivieren, das schaffen – mit Verlaub – auch Debile. Die Motivation aber, ständig an sich zu arbeiten, ist etwas anderes. Und da sind Geld und Ruhm oft sogar kontraproduktiv.

Sind die Motivationsstrukturen bei allen Fußballern gleich?

Sprenger: Das würde ich nicht unterstellen. Was öffentlich gesagt wird muss nicht unbedingt dem entsprechen, was ein Spieler tatsächlich denkt und fühlt. Ein Trainer tut gut daran, es bei den unterschiedlichen Leitungsantrieben der Einzelnen zu belassen und nicht zu versuchen, sie zu homogenisieren. Warum jemand etwas tut, ist doch irrelevant. Und niemand kann in die Köpfe seiner Spieler sehen.

Was bringt da noch die klassische Kabinenpredigt?

Sprenger: Sie bringt gar nichts – die Hoffnungen, die damit verbunden werden, sind allenfalls liebenswert. Aber nicht zu predigen ist keine Alternative. Das sind die Rituale, die der Fußball hervorgebracht hat, und die man bedienen muss. Sie sind wie afrikanische Regentänze: Da kommt ja auch kein Regen, aber tanzen muss man.

Jürgen Klinsmann sagte vor dem WM-Gruppenspiel 2006 gegen Polen den legendären Satz: »Haut sie durch die Wand«. Ein Regentanz?

Sprenger: Zu glauben, weil Klinsmann dies gesagt hat, habe man gesiegt, ist verständlich, aber naiv. Ich will es mal so ausdrücken: Das ist ein nachträglich unterschobener Erkärungsmythos, den man sich erzählt, um das Kontingente in den Griff zu kriegen, um halt sinnvolle Geschichten erzählen zu können.

Nun gilt das, was 2006 auf so magische Weise geschah, als Klinsmanns Verdienst und als sein Kapital. Ist er einfach nur ein Glückspilz?

Sprenger: Er ist sicherlich auch ein Glückspilz. Sein größtes Glück war aber, dass er mit seiner Art und Weise auf eine Fußballgesellschaft gestoßen ist, die 20 Jahre lang geschlafen hatte. Grundsätzliche Veränderungen waren nicht vorgenommen worden, weil die Nationalmannschaft gerade immer noch rechtzeitig ausreichend erfolgreich war. Dann kam Klinsmann und hat alle aufgeweckt. In kürzester Zeit hat er den Schalter auf »neu« und »innovativ« umgelegt. Das ist sein großes Verdienst. Er selbst war aber immer nur ein Projektmanager. Dass er jetzt dennoch Bayern München übernommen hat, ehrt ihn. Ich drücke ihm die Daumen.

Ist Psychologie im Fußball oft nur Effekthascherei?

Sprenger: In einer Turn-Around-Situation, wenn ein Trainer eine Mannschaft im Abstiegskampf übernimmt, ist es oftmals völlig egal, was er macht. Er muss es nur anders machen als sein Vorgänger. Dann muss er hoffen und beten, dass er Erfolg hat. Das Ganze kausal zu nennen – wenn ich diesen Knopf drücke, passiert das – das ist eben eine der treuherzigen Legenden, von denen der Fussball viele kennt.

Feuerwehrmänner wie Peter Neururer und Jörg Berger könnten also auch Telefonbücher vorlesen.

Sprenger: Kurzfristig könnten Trainer wie Peter Neururer auch Telefonbücher vorlesen. Foto: Andreas Mangen

Sprenger: Kurzfristig ja, langfristig nein. Um ein hohes Erfolgsniveau zu sichern muss ein Trainer mit langem Atem substantiell arbeiten. Da reicht das kurzfristig Setzen von Kontrasten nicht aus.

Der Wechsel von Erfolg und Misserfolg verlangt einem Trainer hohe Flexibilität ab. Wie oft kann er sich neu erfinden?

Sprenger: Ich glaube, gar nicht. Das Sich-neu-erfinden wird meist als eine endogene, d.h. von innen kommende Leistung gedacht. Sinnvoller scheint mir, sich einem neuen Außenreiz auszusetzen. Das heißt, wenn die Rahmenbedingungen sich ändern, werden auch andere Aspekte einer Person beleuchtet, so dass diese sich wieder anders wahrnimmt. Das wäre der Fall, wenn ein Trainer den Job wechselt. Wer allerdings nur einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel.

Wenn Sie eine Mannschaft spielen sehen und hinterher den Trainer im Interview hören, denken Sie dann manchmal: »Hör doch besser jetzt auf, du schaffst es eh nicht mehr«?

Sprenger: Unterstellungen wie »Die Mannschaft spielt so schlecht, weil der Trainer sie nicht mehr erreicht« sind oft willkürlich und simpel. Natürlich muss das Präsidium ab einem bestimmten Punkt handeln, um die Fans ruhig zu stellen. Doch auch das ist ein solcher Regentanz.

Das Geschäft und seine Regentänze zu kennen muss ein riesiger Vorteil sein. Warum sind dann trotzdem so wenige ehemalige Spitzenspieler nach ihrer aktiven Karriere Spitzentrainer geworden?

Sprenger: Gerade weil sie Spitzenspieler waren. Als solche glauben sie, sie hätten einen privilegierten Zugang zu Wahrheit. Ihr Problem ist, dass die meisten genau das weiter machen wollen, was sie am besten können: spielen. Im Grunde gibt es für sie nur einen Menschen, der die Dinge richtig kann - das sind sie selbst. Zu groß ist deshalb die Versuchung, es immer noch selbst besser zu können als die Spieler. Zu groß das Unverständnis, wenn ein anderer etwas nicht kann, was man selbst perfekt beherrscht. Demotivierender kann ein Trainer sich gegenüber seinen Spielern kaum verhalten.

Läuft er auch Gefahr, ständig enttäuscht zu sein?

Sprenger: Er darf sich selbst nicht als Referenzgröße nehmen. Als er Großes geleistet hat, in den 70er oder 80er Jahren, wurde noch Standfußball gespielt. Man schaue sich die Aufzeichnungen von damals an: Wie viel Zeit man damals hatte beim Anbieten, Stoppen, Schauen, Drehen, Halten, vielleicht Dribbeln, dann lange Flanke! Willi »Ente« Lippens von Rot-Weiss-Essen hat diese Zeit auf den Punkt gebracht: »Ich habe nie eine Chance hastig vergeben, sondern lieber gemütlich vertändelt.« Das ist mit den heutigen Bedingungen nicht mehr zu vergleichen

Hat Bernd Schuster also alles richtig gemacht, als er in seiner Zeit als Trainer von Fortuna Köln zu seinen Spielern sagte: »Keiner muss so gut spielen wie ich früher«?

Sprenger: Dieser Satz ist dumm und selbstherrlich. Denn ob ein Schuster unter den heutigen Bedingungen ebenso glänzen würde wie damals ist mehr als fraglich.

Sitzen Sie oft im Stadion und denken: »In dieser Mannschaft stimmt es nicht«?

Sprenger: Das von außen extrem schwer wahrzunehmen. Es gibt so viele Möglichkeiten, warum eine Mannschaft nicht funktioniert. Das kann an ganz einfachen Passungsproblemen liegen, aber auch z.B. am Einkommensgefälle. Die Wissenschaft sagt uns: Wenn das Einkommensgefälle in einer Mannschaft stark ist, ist sie langfristig nicht so erfolgreich wie eine Mannschaft, die homogener bezahlt wird.

Liegt darin auch die Ursache für das Phänomen, dass Mannschaften, die für Furore gesorgt haben, im Jahr danach oft einbrechen? Man denke nur an die Vertragsaufbesserungen, die das Präsidium vornehmen muss, um die Spieler zu halten.

Sprenger: Oftmals gelingt es einem Trainer nicht, die Erfolgsrezepte des ersten Jahres beiseite zu schieben und sich auf eine neue Situation einzustellen. Das Problem der »Fahrstuhl-Mannschaften«, die nach dem Aufstieg in die höhere Liga gleich wieder absteigen. Fragt man nach den Gründen, dann scheinen sie mir vorrangig im Psychischen zu liegen: Offenbar ist es leichter, erfolgreich zu werden, als erfolgreich zu bleiben.

Dann müsste der FC Bayern als Rekordmeister die größten Lernschwierigkeiten von allen haben.

Sprenger: Das wird dort durch einige Faktoren kompensiert. Zum einen wird in der Führungsriege sehr kontinuierlich gearbeitet. Hinzu kommt die Finanzkraft, die es dem FC Bayern erlaubt, sich immer wieder hochtalentierte Spieler zu holen. Und der dritte Faktor ist zweifelsohne das Glück.

Wie kommt dieser nun schon seit Jahrzehnten andauernde Bayern-Dusel zu Stande?

Sprenger: Ungefähr ab der 85. Minute greift die enorme Erfolgszuversicht der Bayern-Spieler. Und in gleichem Maße schrumpft sie bei den Gegenspielern. Der FC Bayern schafft es, diesen Mythos der Erfolgszuversicht immer wieder neu zu impulsieren. Vor diesem Hintergrund war die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann – egal ob er Meister wird oder nicht – goldrichtig. Der Verein brauchte nach der Ära Hitzfeld eine Kontrastinszenierung.

Kontrastinszenierungen, falsche Kausalitätszuschreibungen, Regentänze. Herr Sprenger, wie können Sie sich überhaupt für ein Spiel begeistern, das alles in allem Mummenschanz ist?

Sprenger: Indem ich umstelle auf reines Erleben. Dieses ozeanische Gefühl des Einsseins mit dem Geschehen genieße ich sehr. Das ist eben unsere Freiheit, für die der Fussball ein wunderbares Beispiel ist. Denn, wie gesagt, es geht auch anders.

Von Dirk Gieselmann

Erschienen am 28. Januar 2009 bei 11Freunde.de

11Freunde



Kommentare
Aus dem Ressort
Preise in der Arena erhöht - Schale Bierlaune auf Schalke
Bierpreise
Die Erhöhung des Biepreises von über acht Prozent sorgt beim ersten Saisonspiel in der Schalker Veltins-Arena am Wochenende gegen den FC Bayern für Ärger bei den Fans. Der Gutschein für ein Freibier konnte nicht darüber hinweg trösten. Der Verein bittet um Verständnis.
Hamburgs Tah verstärkt die Abwehr von Fortuna Düsseldorf
Verpflichtung
Maximilian Beister legte Jonathan Tah die Fortuna ans Herz: Düsseldorfs Neuzugang ist 1,92 Meter groß und gilt als eines der größten Talente auf der Innenverteidiger-Position. Für ein Jahr leiht der Fußbal-Zweitligist den 18-Jährigen aus Hamburg aus.
Löw mit Sorgen: Wenige «echte Kerle» beim Neustart
Fußball
Das erste Training der WM-Sieger von Brasilien wurde zum umjubelten Schaulaufen. Final-Torschütze Mario Götze und seine Weltmeister-Kollegen durften vor 45 000 meist jungen Fans in Düsseldorf den WM-Rausch nochmals genießen. Joachim Löw aber plagen schon wieder Alltagssorgen.
Fürth besiegt St. Pauli deutlich 3:0
Fußball
Die SpVgg Greuther Fürth hat durch einen klaren 3:0 (2:0)-Erfolg gegen den FC St. Pauli zur Spitzengruppe der 2. Fußball-Bundesliga aufgeschlossen.
Alles glatt gegangen - VfL freut sich auf die Neuzugänge
Neuzugänge
Am Freitag erwartet der Fairplay-Preis-Gewinner TuS Querenburg die Profis des Fußball-Zweitligisten VfL Bochum. Mit dabei sein werden auch die jüngsten Bochumer Neuzugänge Mikael Forssell und Tobias Weis. Die Verpflichtungen der vergangenen Tage sollen den internen Wettbewerb beim VfL verschärfen.
Umfrage
Wer soll Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft werden?

Wer soll Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft werden?