Erst retten, dann reden - Goosens Appell an die VfL-Fans

Frank Goosen denkt über seine Rolle im Aufsichtsrat des VfL Bochum nach.
Frank Goosen denkt über seine Rolle im Aufsichtsrat des VfL Bochum nach.
Foto: Karl Gatzmanga / WAZ FotoPool
Kabarettist Frank Goosen hätte sich seine Aufgabe als stellvertretender Aufsichtsratschef des VfL Bochum leichter vorgestellt. Vor dem wichtigen Heimspiel gegen Erzgebirge Aue appellierte er an die Fans, ins Stadion zu kommen. Geredet werden soll nach Saisonende.

Bochum.. Frank Goosen hat immer viel um die Ohren. Nach neun Tagen Spanien-Urlaub, die er zum Lesen und damit zur Vorbereitung seiner Veranstaltung im Bochumer Schauspielhaus genutzt hat, ist der stellvertretende Aufsichtsratschef des VfL wieder in Bochum und macht sich Gedanken um die Zukunft seines Vereins. In den vergangenen Jahren, als er noch nicht bei seinem Klub verantwortlich war, schrieb der Kabarettist offene Briefe an die Anhänger des VfL. Nun sprach er vor dem wichtigen Spiel gegen Erzgebirge Aue (Freitag, 18 Uhr, live in unserem Ticker) mit WAZ.de über Ängste, Lösungen und Versprechen.

Herr Goosen, sind Sie ein ängstlicher Mensch?

Frank Goosen: Nein.

Haben Sie Angst vor dem Spiel am Freitag?

Goosen: Ich bleibe immer positiv, so lange bis mir das Gegenteil bewiesen worden ist. Und es wird nicht bewiesen. Es wird nicht eintreten. Deshalb habe ich keine Angst. Immer wenn ich mit Angst etwas angegangen bin, klappte es nicht. Das passiert mir in meinem Alter nicht mehr.

Grenzenloser Optimismus wurde beim VfL aber mehr als einmal bitter bestraft.

Goosen: Dieses Schicksal teile ich aber mit 80 oder 90 Prozent aller Fußball-Fans. Wenn man nicht gerade Fan des FC Bayern München ist, kommen für jeden Fan auch mal schlechte Zeiten und Zeiten, in denen man enttäuscht wird. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des VfL Bochum. Es gibt ganz andere Fans, die noch mehr durchmachen müssen. Da kann man mal die Fans von Hessen Kassel oder Darmstadt 98 fragen. Es gehört zum Fan-Dasein dazu, enttäuscht zu werden. Wenn immer nur die Glückserwartungen erfüllt würden, müsste man nicht mehr ins Stadion gehen.

Können Sie die Fans verstehen, die Angst haben?

Goosen: Ich kann jeden verstehen, der sich Sorgen macht. Es mag sich anhören wie eine Binsenweisheit oder wie Gelaber – aber es ist so: Wir kommen da nur gemeinsam raus. Wenn du dir Sorgen um den Verein machst, dann komm‘ ins Stadion und brüll‘ die Mannschaft zum Sieg. Das schließt aber mit ein, dass man sich nachher hinsetzen sollte, um darüber zu diskutieren, was alles schief gelaufen ist. Jeder hat das Recht, sauer zu sein und seinen Unmut zu äußern. Keiner bestreitet, dass einiges falsch gelaufen ist – das kann man ganz leicht an der Tabelle ablesen. Aber in der jetzigen Situation ist es nicht zielführend, auf den Fehlern rumzureiten. Das sollte man machen, wenn die Saison vorbei ist.

Glauben Sie, dass die allermeisten Fans den Verein am Freitag gegen Aue unterstützen?

Goosen: In der vergangenen Saison vor dem Heimspiel gegen Duisburg hatten wir eine ähnliche Situation. Da wurde vorher in Fankreisen lange diskutiert, ob man die ersten 15 Minuten der Partie boykottieren, nicht zum Spiel kommt oder nicht unterstützen soll. Letztlich wurde ein offener Brief an die Mannschaft geschrieben, im Stadion angefeuert und zusammen haben wir den MSV mit 2:1 geschlagen. Das war auch ein Sieg der Kurve und aller Fans im Stadion. Wir kommen jetzt nur zusammen dadurch und nach dem Klassenerhalt werden wir offen darüber diskutieren, was besser werden muss.

Sie haben in den vergangenen Jahren regelmäßig in unregelmäßigen Abständen „offene Briefe“ bei uns veröffentlicht. Im ersten Brief schrieben Sie: „Der Verein macht keinen Spaß mehr.“ Wie viel Spaß macht er aktuell?

Goosen: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Im Moment macht es Spaß. Aber wer nur zum Spaß zum Fußball geht, der ist da sowieso falsch – bei jedem Verein. Dieser Satz entstand kurz nach dem Hannover-Spiel und dem Abstieg in die Zweite Liga. Aber um wieder in eine Phrase abzurutschen: Es ist und bleibt eine emotionale Erfahrung. Man sucht es sich ja nicht aus und kann sich „ent-fanen“. Weder als Anhänger, noch als Aufsichtsrat. Du kannst dich von einer Frau oder einem Mann trennen, aber nicht von einem Verein. Der VfL durchlebt gerade die richtig schlechten Zeiten, von denen die Rede ist, wenn man vor dem Altar steht.

Fehlen dem VfL „emotionale Identifikationsfiguren“?

Goosen: Wenn es auf dem Platz nicht läuft, nützt auch keine Identifikationsfigur. Ich weiß, dass die Fans danach lechzen. Auch von mir wird da einiges erwartet. Ich befinde mich in dem Widerspruch zwischen dieser Erwartung und der „Fraktionsdisziplin“ als Aufsichtsrat.

Wie gehen Sie damit um?

Goosen: Wer mich rund um das Stadion, rund um die Spiele offen anspricht, bekommt immer eine offene Antwort. So offen, wie irgend möglich. Ich verrate keine Interna, aber ziehe mich auch nicht hinter eine Verschwiegenheitsklausel zurück. Ich will natürlich auch etwas zurückgeben und nehme mir die Zeit für die Fans. Aber dann bleibt es in einem kleinen Kreis. Vertrauliche Gespräche sind möglich. Insgesamt habe ich aber daran zu knacken, weil der Widerspruch schwer aufzulösen ist.

Kommen wir noch mal auf die Identifikationsfiguren: Können Sie verstehen, dass noch immer viele VfL-Fans nach Peter Neururer schreien?

Goosen: Ich verstehe die Sehnsucht nach dem Gefühl von damals. Die habe ich auch. Ich glaube aber nicht, dass dieses Gefühl mit den Rezepten der Vergangenheit zurückgeholt werden kann.

Wäre es denn ein Ansatz, ehemalige Spieler wie van Duijnhoven oder beispielsweise Sören Colding zurückzuholen?

Goosen: Ich möchte jetzt ungern über konkrete Namen sprechen. Wir haben ja einige ehemalige Spieler bei uns im Verein eingebunden. Wichtig ist doch auf’m Platz und da müssen wir wieder besser werden. Dann wachsen auch wieder die Identifikationsfiguren aus dem aktuellen Kader nach.

VfL Bochum ist für Goosen "offener geworden"

Ein weiterer Satz aus ihren offenen Briefen war die Forderung, der Verein dürfe kein "closed shop" sein und müsste sich auch mal einem Chat stellen. Sie selbst waren im Fan-Forum VfL4u einmal zu Gast - und sonst hielt der Verein zweimal das „Mitgliederforum“ ab. Was sind die greifbaren Resultate?

Goosen: Der VfL ist auf jeden Fall offener geworden. Die beiden Mitgliederforen zum Beispiel haben das gezeigt. Viele Anregungen unserer Mitglieder wurden bereits umgesetzt: An Spieltagen wehen VfL-Fahnen überall in der Stadt, es gibt eine neue VfL-Bochum-Bahn, die Satzung wurde überarbeitet und die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der RUB oder dem Schauspielhaus wurde ausgebaut.. Alles gute Ideen, die uns zwar nicht direkt Punkte in der Meisterschaft bringen, aber die Verankerung des Vereins in der Stadt stärken. Da ist ein Prozess ins Rollen gebracht worden, der noch weiter geführt werden muss.

Schon im August 2011 haben Sie in Bochum und dem Umfeld des VfL eine „Resignation und Lethargie“ festgestellt? Wie kann man die Leute, wie zum Beispiel Studenten der Ruhr-Uni oder Zugreiste, wieder ins Stadion bekommen?

Goosen: In erster Linie durch Ergebnisse und eine entsprechende Spielweise. Wenn wir erfolgreichen, ansehnlichen Fußball spielen, kommen die Leute auch wieder ins Stadion. In „Schönheit sterben“, wie die brasilianische Nationalmannschaft rund um Sokrates, ist höchstens eine tolle Geschichte für das Fußball-Magazin „11Freunde“.

Mit „wichtig ist auf’m Platz“ oder „nur das Ergebnis zählt“ nutzen Sie Phrasen, die Sie nach dem Abstiegsspiel gegen Hannover kritisiert haben. Da haben Sie geschrieben: „Wir brauchen keine blutleer ins Mikrofon geblubberte Textbausteine.“ Gerade in dieser schwierigen Situation hört man doch häufig, dass die Mannschaft sich „toll entwickelt“.

Goosen: Wenn die Leute, die das sagen, es aber so empfinden und beurteilen… Und da ist ja etwas dran. Wir haben keine Mannschaft, die sich aufgibt.Klammert man das Spiel in Berlin mal aus, waren wir in den Spielen gegen Duisburg, Kaiserslautern oder Ingolstadt mindestens ebenbürtig. Gegen Braunschweig hat der VfL sogar richtig gut gespielt. Die Mannschaft hat kein Motivationsproblem, aber gute Ergebnisse sind ausgeblieben.

Sie sagten zuletzt, dass „die aktuelle Situation kein Schicksal ist, das uns ereilt, sondern das Produkt falscher Entscheidungen. Da müssen wir besser werden.“ Wie?

Goosen: Da muss ich tatsächlich mit einer Phrase antworten: „Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt.“ Jetzt heißt es den Hintern zusammenzukneifen und gemeinsam die Klasse zu halten. Mir ist allerdings ganz wichtig, dass wir uns nach der Saison genau diese Frage stellen: „Wie konnte das passieren?“ Und ich verspreche für meinen Teil ,dass ich mich dieser Diskussion gerne stellen werde.

Wie stellen Sie sich das vor?

Goosen: Über die genaue Form wird noch zu reden sein. Das allerschlimmste wäre aber, wenn man mit einem blauen Auge davonkommt und sagt, „es ist ja noch mal gut gegangen“ – und dann zur Tagesordnung übergeht. Es gab früher die Organisation „Wir sind VfL“, die Veranstaltungen angeboten hat, in der sich Leute, die nicht der Fanklub-Szene angehörten, artikulieren konnten. Man kann zum Namen und den handelnden Personen stehen wie man will, aber das war eine super Sache. Man kann nie zu viel diskutieren über Fußball und seinen Verein. Ich bin persönlich dazu bereit, so offen es irgendwie geht, darüber zu reden.

Zum Beispiel im Rahmen eines dritten Mitgliederforums?

Goosen: Die beiden Mitgliederforen waren eine tolle Idee und sollten dringend weitergeführt werden. Natürlich überschattet die aktuelle Situation diese Kommunikation, aber es stecken so viele Ideen und Kreativität im Verein, dass wir das unbedingt weiterführen sollten.

VfL Bochum soll die "kleine, dreckige Alternative" zu Dortmund und Schalke sein

Für viele ist der VfL immer noch „die Unabsteigbaren“ – das ist faktisch längst überholt und auch die Idee hinter dem Begriff stimmt nicht mehr.

Goosen: Der VfL ist auf der Suche nach sich selbst. Das hat der Journalist Christoph Biermann neulich geschrieben. Das ist genau der Punkt.

Sie haben in einem Ihrer Briefe geschrieben: „Hätte man den Mut, konsequent eine Image-Nische zu besetzen, weg von Billig-Discountern auf dem Trikot, hin zu der kämpferischen, vielleicht etwas dreckigen, aber immer hautnahen, leidenschaftlichen Alternative zu den Großclubs ein paar Kilometern westlich und östlich von uns.“ Ist diese Image-Suche nicht überholt?

Goosen: Man kann nicht die Konzepte anderen Vereine 1:1 kopieren. Das haben wir auch nicht nötig. Aber man kann sich angucken, wie agieren Vereine, die auch wenig Geld haben. Die kommen alle sportlich nach vorne, wenn sie ein klares Konzept und eine klare Vorstellung von sich selbst haben.

Was ist das Konzept des VfL?

Goosen: Wir können hier die kleine, dreckige Alternative zu Dortmund und Schalke sein. Das ist meine Vorstellung, mal ins grobe formuliert. Wer im Ruhrgebiet quasi fußläufig Fußball hautnah erleben will, muss zu uns ins Stadion kommen und nicht mit dem Opernglas auf dem letzten Rang in Dortmund sitzen.

Ist diese Nische nicht vielleicht bald durch Rot-Weiss Essen oder den MSV Duisburg gefährdet?

Goosen: Rot-Weiss Essen ist ein schlafender Riese, so viel ist sicher. Die Stadt hat über 600 000 Einwohner und viele große Firmen sind dort beheimatet. Der Verein hat das Potenzial, Bochum und Duisburg zu gefährden. Aber an dem Punkt sind wir derzeit nicht. Und wir haben es selbst in der Hand, dafür zu sorgen, dass es auch so bleibt. Diesen kämpferischen Ehrgeiz sollten wir weiterhin haben und auch vorleben.

Was ist Ihr Appell an die Fans für das Spiel gegen Erzgebirge Aue?

Goosen: Ich würde sagen: Kommt ins Stadion! Lasst uns zusammen die Mannschaft bis zu letzten Minute unterstützen – bis wir den Klassenerhalt geschafft haben. Und dann lasst uns reden, meinetwegen auch streiten.

Sie haben mal geschrieben, die meisten Spiele des VfL wären nüchtern nicht zu ertragen. Wie viele Kisten Bier haben Sie vor dem Spiel am Freitag schon zu Hause stehen?

Goosen: Ich habe einen ausreichenden Vorrat in meinem Keller gelagert.