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Union-Präsident Zingler kritisiert Politik in Sicherheits-Debatte

24.10.2012 | 11:52 Uhr
Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin, wünscht sich eine stärkere Einbindung der Fans durch die DFL.Foto: Getty Images

Berlin.  Nach der Randale rund um das Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 (1:2) ist die Debatte um die Sicherheit im Fußball neu entflammt. Dirk Zingler, Präsident des Zweitligisten Union Berlin, setzt sich für einen stärkeren Dialog mit den Fans ein - und kritisiert Forderungen nach einem harten Durchgreifen.

Unsere Geschichte über den Dialog zwischen Fans und Verbänden trägt den Titel »Der tiefe Graben«.

Dirk Zingler: Das passt.

Inwiefern?

Dirk Zingler: Ich finde, dass seit einigen Monaten aneinander vorbei geredet wird. Die Verbände verstehen nicht, welche Probleme die aktive Fanszene sieht. Es fing an mit der abrupten Beendigung der Gespräche zum Thema Pyrotechnik, es ging weiter mit der Bewertung der Vorfälle um das Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC und mündete in die Sicherheitskonferenz in Berlin, die wiederum eine Diskussion über die angeblich von Stehplätze ausgehende Gefahr nach sich zog.

Sie können also die massive Kritik am DFB, die sich mittlerweile szeneübergreifend über  Wechselgesänge oder gemeinsame Banner äußert, demnach verstehen.

Fußball
Fan-Anwälte halten Sicherheitskonzept für rechtswidrig

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) erhält für den Entwurf ihres Sicherheitskonzepts auch von der "Arbeitsgemeinschaft Fananwälte" Gegenwind. Die Anwälte der Fans, die regelmäßig Fußball-Anhänger vertreten, benennen zahlreiche Kritikpunkte.

Dirk Zingler: Ich kann sie nachvollziehen, wenngleich ich die Wortwahl nicht angemessen finde. Ein Plakat wie "Fick dich DFB" ist sicher nicht zielführend. Ich sage: Es muss von beiden Seiten verbal abgerüstet werden, man kann nicht vor einer Schule für »Tempo 30« protestieren und dann mit 100 km/h da durchheizen. Allerdings drücken eben solche Plakate auch eine gewisse Ohnmacht und Resignation aus. Für mich ist das sehr alarmierend.

Wir haben mit verschiedenen Fanvertretern gesprochen, die uns erzählten, dass sich die Szenen mehr und mehr spalten. Hardliner vertreten mittlerweile die Meinung, dass die letzten Spielzeiten der Fankultur angebrochen seien. Wie sehen Sie das?

Dirk Zingler: Das meine ich mit alarmierend. Die schlechte Kommunikation hat dazu geführt, dass die Hardliner in den Szenen mehr Zuspruch bekommen. Wenn sich in den Maßnahmen und in der Ansprache vonseiten der Verbände nichts ändert, wird sich die Situation weiter verschärfen. Man muss endlich mal einen richtigen Dialog starten - nicht mit dem immer wieder ins Feld geführten Großvater und seinem Enkel und nicht nur mit den Fanprojekten, sondern direkt mit der aktiven Fanszene. Das muss in den Vereinen beginnen, und zwar auf sachlicher Ebene. Da kann man sich auch nicht hinstellen und die eigenen Anhänger als »Arschlöcher« bezeichnen.

Der DFB sagt, es gibt weiterhin einen intensiven und konstruktiven Dialog. Die Fans behaupten allerdings, der Dialog sei in keiner Weise zufriedenstellend.

Dirk Zingler: Das Problem ist, dass die meisten Verbands- oder Vereinsvertreter sich nicht in die Lage der aktiven Fans versetzen können. Ein Beispiel: Der Maßnahmenkatalog, den man auf der DFL-Tagung Ende September vorgestellt hat, wurde von erfahrenen Kollegen aus den Vereinen, so zumindest die Aussage der DFL, erarbeitet. Da stelle ich mir die Frage: Welche Art von Erfahrungen sind da eingeflossen? Wer von diesen Kollegen ist denn das letzte Mal in einem Auswärtszug mitgefahren und wurde von mehreren Hundertschaften schwer bewaffneter Polizisten empfangen? Wer erlebt denn Fußball in der Kurve? Wer sieht denn die Repressalien? Bei einem Auswärtsspiel Union gegen Frankfurt fuhren etwa 1500 Fans im Zug mit, davon wurden vielleicht 80 der Kategorie »gewaltbereite Anhänger« zugeordnet. Trotzdem wurden alle 1500 gleich behandelt: wie Kriminelle.

Video
Berlin, 18.07.12: Das Verbot der Stehplätze in Fußballstadien ist vorerst vom Tisch. Beim Sicherheitsgipfel von DFB und DFL am Dienstag einigten sich die Vereine auf einen Maßnahmen-Katalog gegen Gewalt und Pyrotechnik – ohne Beteiligung der Fans.

Sie gelten als Klub-Präsident, der sehr viel mit aktiven Fans spricht. Was erzählen Ihnen diese Anhänger nach solchen Auswärtsfahrten?

Dirk Zingler: Ich muss mir das nicht erzählen lassen. Ich gehörte zu den 1500. Die Fans bekommen das Gefühl, dass ihnen die soziale Heimat Fußball weggenommen wird. Die angesprochene Solidarisierung gegen solche Maßnahmen und letztendlich gegen den DFB oder die DFL ist also nur die logische Konsequenz. Ähnlich verhält es sich mit der Diskussion um Stehplätze. Das fängt doch schon damit an, dass man ein Drohszenario entwirft. Nach dem Motto: Wenn ihr euch nicht richtig verhaltet, dann nehmen wir euch die Stehplätze weg. Damit nimmt man die Fans in Sippenhaft. Hat so etwas irgendwo mal zu Lösungen geführt? Und: Warum muss man sich als Fan die Stehplätze überhaupt verdienen?

Gefunden auf...
Gefunden auf...

In der Alten Försterei müsste es die meisten Probleme geben. Das Stadion hat über 80 Prozent Stehplätze.

Dirk Zingler: Nach der Logik einiger Innenminister müsste es in unserem Stadion jeden Spieltag Gewaltausbrüche geben. Das ist aber nicht der Fall. Vielleicht auch deshalb, weil wir seit Jahren Prävention vor Sanktionen stellen und ständig im Kontakt mit der aktiven Fanszene stehen.

DFB-Sicherheitschef Hendrik Große-Lefert sagt, der Staat stehe - gerade nach Vorfällen wie bei der Loveparade in Duisburg - ebenfalls unter Druck.

Dirk Zingler: Das ist paradox. Da wird den Kommunen immer mehr Geld entzogen und es müssen soziale Einrichtungen schließen, weil Mittel fehlen. Aber der gleiche Staat, der vor Jahren aufgehört hat, soziale Jugendangebote zu schaffen, sagt nun: So Fußball, nun löse mal bitte am Wochenende das Problem, das wir von Montag bis Freitag nicht in den Griff bekommen. 



Kommentare
25.10.2012
19:03
Union-Präsident Zingler kritisiert Politik in Sicherheits-Debatte
von Essen_OK | #4

@ RuhrpottMH
Vollkommen richtig, Ihre Aussage!

Die meisten Kommentatoren, die hier immer so schön schlau tun und sofort Ursache, Täter und eine Lösung parat haben, waren selber vermutlich noch nie im Leben in einem Fußballstadion.
Aber hier kann man so richtig folgenlos die Klappe aufreißen und seinen Frust ablassen.
Heute sind es die Fußballfans, morgen sind es bei anderen Anlässen Polizisten, dann wieder irgendwelche anderen Gruppen, die an den Pranger gestellt werden.
Es muss schön sein, ein solch schlichtes Weltbild zu haben.

24.10.2012
23:17
Union-Präsident Zingler kritisiert Politik in Sicherheits-Debatte
von RuhrpottMH | #3

Super Interview.
Empfehle einigen Forenbeiträgenschreibern mal ein paar Auswärtsspiele seines Vereins zu besuchen, auch in der Masse der Fans.
Es gibt auf jeder Seite "Schuldige", bei Fans und bei der Staatsmacht. Ein differenzierte Betrachtung von Fall zu Fall wäre toll,

24.10.2012
16:10
Union-Präsident Zingler kritisiert Politik in Sicherheits-Debatte
von Bramarbas | #2

"DFL muss auf der Seite der Fans stehen"

Stimmt. Aber die Randalebrüder sind keine Fans. @Polizei: Knüppel aus dem Sack und so lange drauf hauen, bis die Vollidioten niemand anderen mehr gefährden können.

24.10.2012
13:06
Union-Präsident Zingler kritisiert Politik in Sicherheits-Debatte
von KuKu | #1

"Tatsächlich ist es so, dass der überwiegende Teil aller Polizeieinsätze im Zusammenhang mit Fußball außerhalb der Stadien stattfindet. Dort, also außerhalb des Stadions, ist die Polizei zuständig", sagte er: "Wir sollten also aufhören, den Schwarzen Peter ständig hin- und herzuschieben, sondern gemeinsam an der Bewältigung der Probleme arbeiten." Zitat Zingler und damit meint er die Vereine aus der Verantwortung nehmen zu können, weil... mit darußen haben die Vereine ja nichts zu tun. Das ist so plump und dämlich, dass man darauf in der gleichen Art antworten sollte. Ohne Fussball keine Fans, keine Hooligans und damit keine Schlägereien der genannten Gruppen! Warum müssen Nichtfans und Nichtfussballspielbesucher eigentlich das Hobby "Schlägerei" finanzieren, indem sie den Polizeieinsatz vor, während und nach den Spielen mit ihren Steuern bezahlen?

1 Antwort
Union-Präsident Zingler kritisiert Politik in Sicherheits-Debatte
von Broncezeit | #1-1

Für die Dummheit der Menschen ist der Fußball nicht verantwortlich zu machen. Randalierer gibt es nicht nur bei Fußballspielen.
Weshalb müssen müssen friedliche Bürger den Schutz der Demos bezahlen?

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