Ter Stegen: "Das hilft mir fürs Leben"

Marc-André ter Stegen kann als fünfter deutscher Torhüter die Champions League gewinnen. Es wäre für ihn die Krönung nach einer schwierigen Saison, in der er beim FC Barcelona nur im Pokal und in der Champions League spielen durfte.

Berlin.. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht ter Stegen über sein erstes Jahr bei Barça, die Chancen im Endspiel gegen Juventus Turin und seine weiteren Ziele.

Marc-André ter Stegen, mit welchen Erwartungen gehen Sie ins Champions-League-Finale?

ter Stegen: Unser Ziel ist es, das Triple zu gewinnen. Wir haben die große Chance, das zu schaffen. Der Gewinn der Copa hat uns zusätzlich Rückenwind für Berlin gegeben.

Wie sehen Sie die Chancenverteilung?

ter Stegen: Ich glaube, die Chancen stehen 50:50. Man hat das Spiel von Juve gegen Real gesehen. Das haben sie sehr gut gemacht. Sie hatten eine hervorragende Defensivarbeit in beiden Spielen und es sich verdient, ins Finale zu kommen. Es ist ein Spiel, das richtig unangenehm wird für uns - und ich hoffe auch für Juventus.

Ist es für Sie umso spezieller, weil das Spiel in Deutschland, im Berliner Olympiastadion stattfindet?

ter Stegen: Das ist schon etwas Besonderes, auch weil es mein erstes Champions-League-Finale ist. Auch wenn Berlin relativ weit weg von Mönchengladbach ist, es ist in Deutschland. Ich freue mich drauf.

Geht für Sie mit dem Endspiel ein Jugendtraum in Erfüllung?

ter Stegen: Wenn man jung ist, denkt man darüber nicht so sehr nach, dass man so einen Riesenpokal gewinnen kann. Wir haben die Möglichkeit dazu. Aber wenn man nach Barcelona wechselt, dann ist die Chance auf Titel groß. Das war auch meine Intention, warum ich hierhin gekommen bin.

Nur den vier deutschen Torhütern Bodo Illgner, Stefan Klos, Oliver Kahn und Manuel Neuer gelang es bislang, die Champions League zu gewinnen. Was würde es für Sie bedeuten, in einer Reihe mit ihnen zu stehen?

ter Stegen: Das wusste ich noch gar nicht. Das sind auch Sachen, mit denen ich mich nicht soviel beschäftigen kann. Aber ich weiß, was für eine Bedeutung es hat, die Champions League zu gewinnen.

Es hatte den Anschein, dass Sie seit ihrem starken Spiel in München in Spanien ganz anders wahrgenommen werden. Stimmt das?

ter Stegen: Ja, ich denke schon. Die Leute in Spanien verfolgen die Bundesliga nicht so. Nur die großen Spiele zwischen Bayern und Dortmund waren hier von Interesse. Als ich gekommen bin, kannte mich der eine oder andere. Aber die Leute mussten sich an mich gewöhnen und andersherum. Die Fans wussten vielleicht auch nicht, was auf sie zukommt. Ich denke, dass sie positiv von dem überrascht waren, was ich zeigen konnte.

Sie mussten sich in diesem Jahr den Platz im Barça-Tor mit Claudio Bravo teilen und haben nur im Pokal und in der Champions League gespielt. Wie schwer war das?

ter Stegen: Es ist immer noch mein Ziel, auch in der Liga zu spielen. Aktuell muss ich mich auf die Pokalspiele konzentrieren. Das ist meine Bühne, auf der ich mich bewegen kann. Dort möchte ich mein Bestmögliches geben, damit der Verein, die Mannschaft erfolgreich ist.

Wäre diese Rollenverteilung für Sie auch in der nächsten Saison noch akzeptabel?

ter Stegen: Darüber mache ich mir weniger Gedanken. Dafür sind die aktuellen Spiele zu wichtig. Wenn ich mich damit beschäftigen würde, würde ich mich komplett verrückt machen. Ich habe danach auch noch die U21-EM, die wir auch gewinnen können. Diese Ziele gehen vor.

Wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahr Barcelona aus?

ter Stegen: Ich hatte die Möglichkeit, in sehr guten Spielen auf dem Platz zu stehen. Und wir haben die Chance, alles zu gewinnen. Ich sehe die Saison ziemlich gut. Für alle, egal wie viel er spielt. Jeder gehört dazu und tut sein Bestes, um die Mannschaft auf höchstem Niveau zu halten. Wir haben uns von Saisonbeginn an gesteigert, sind immer besser geworden und haben einen guten Lauf. Ich glaube, dass ich einen weiteren Schritt nach vorne gemacht habe. Ich wollte mich weiterentwickeln. Ich glaube, das habe ich geschafft - auch persönlich. Das hilft mir fürs Leben. Diese Eindrücke, die ich gesammelt habe, kann mir keiner mehr nehmen.

Wie gut ist Ihr Spanisch inzwischen?

ter Stegen: Es wird immer besser. Mit den Teamkollegen ist es kein Problem, sich irgendwie zu verständigen. Aber man muss sich dahinterklemmen. Viele im Verein sprechen nur spanisch. Eine Sprache zu lernen, ist für jeden etwas Supergutes.

Wie muss man sich die täglich Arbeit mit Weltstars wie Lionel Messi vorstellen?

ter Stegen: Wir geben alle 100 Prozent, um uns selber zu fordern. Es macht Spaß, mit diesen Spielern auf den Platz zu stehen. Aber es geht nicht nur um Messi, Neymar oder Suárez. Alle müssen dran ziehen. Das bekommen wir gut hin.

Ist es für Sie und Ihre Arbeit etwas anderes als zum Beispiel in Gladbach?

ter Stegen: Für mich ist die persönliche Seite wichtig. Wir haben gute Charaktere in der Mannschaft, das hatten wir auch bei der Borussia. Das ist in einem Team wichtig, nicht wer der größte Superstar ist. Wir verstehen uns gut und wissen, was für eine tolle Mannschaft wir haben.

Was macht diesen Verein so besonders?

ter Stegen: Es ist ein Weltclub. Trotz der vielen großen Spieler hat man das Gefühl, dass es sehr familiär zugeht. Keiner sieht sich zu wichtig. Das ist gut für das Team.

Wie sehen Sie die Zukunft in der Nationalelf?

ter Stegen: Das ist relativ einfach. Ich spiele bei der U21 und hoffe, dass ich meine Spiele mache und wir den Titel gewinnen. Es ist die gleiche Situation wie bei Barça. Ich beschäftige mich nicht mit dem nächsten Jahr.

Ärgert es Sie ein wenig, dass die Position im deutschen Tor womöglich noch auf Jahre hinweg durch Manuel Neuer versperrt ist?

ter Stegen: Nö, das ist doch gut für Deutschland. Ich bin Deutscher und freue mich, wenn Manu gut hält. Dann kann man auch öfter Spiele und Titel gewinnen. Er hat dieses Jahr wieder auf ganz hohem Niveau gespielt. Es hat mich für ihn gefreut, wie alles gelaufen ist. Er ist Weltmeister geworden, was er absolut verdient hat.

Wie sehr verfolgen Sie noch die Entwicklung Ihres Lieblingsvereins Gladbach?

ter Stegen: Soweit es ging, habe ich es versucht. Der Kontakt ist nie abgerissen. Ich freue mich für die Borussia. Der Verein nimmt eine hervorragende Entwicklung. Man muss den Hut davor ziehen, wie toll sie gearbeitet haben. Ich hoffe, dass sie eine schöne Gruppe in der Champions League bekommen.

ZUR PERSON: Marc-André ter Stegen (23) gab im Alter von gerade einmal 18 Jahren sein Debüt im Tor von Bundesligist Borussia Mönchengladbach, bei dem er die gesamte Jugendabteilung durchlief. 108 Ligaspiele bestritt er für den Traditionsverein, bevor er im Sommer 2014 für zwölf Millionen Euro zum FC Barcelona wechselte. Mit den Katalanen gewann er in dieser Saison die Meisterschaft und den Pokal. In der Nationalelf bestritt er bislang vier Länderspiele, beim DFB hatte er mit der U17 im Jahr 2009 die EM gewonnen.