Spielt die Bundesliga wieder verrückt?
02.08.2011 | 12:00 Uhr 2011-08-02T12:00:58+0200
Essen. War die vergangene Spielzeit nur eine kuriose Ausnahme? Oder ist die Bundesliga tatsächlich ausgeglichener geworden? Die Behauptung, im Oberhaus spiele eine Zwei-Klassengesellschaft, steht in der kommenden Saison mehr denn je auf dem Prüfstand.
Bemerkenswert. Gianluigi Buffon, Italiens Weltmeister-Torwart, hat einen ungewöhnlichen Lieblingsverein: Er heißt Borussia Mönchengladbach. Und diese Zuneigung hat einen verrückten Grund. „Dieser Name. So lang, so schwierig, dieser Name hat mich immer gereizt”, verrät Buffon in seiner Autobiographie „Numero 1”.
Es wäre ja auch ein Wunder, wenn die Gladbacher noch wegen ihrer Titel und Trophäen beachtet würden. Alles zu lange her. Man weiß es ja: Der kleine Klub vom Niederrhein, der in den 70er-Jahren noch Inter Mailand mit 7:1 abbügeln konnte, ist abgestürzt. Die Stadt zu klein, der Klub zu arm, war die Begründung, die immer wieder vorgetragen wurde.
Vor allem mit dem Hinweis, dass die Bundesliga eine Zwei-Klassengesellschaft sei. Mit einer klaren Grenze: dort die Reichen, hier die Armen. Und diese Behauptung wurde ja auch Jahr für Jahr eindrucksvoll von der Tabelle gestützt. Es gab eigentlich immer eine Handvoll guter Klubs mit internationalen Ambitionen, die vielleicht mal gegen Finanzkrisen ankämpfen mussten, aber höchst selten gegen den Abstieg. Und um in diesen erlauchten Kreis zu kommen, war eben immer mehr erforderlich als eine wunderbare Tradition.
Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim hatten es mit dem Geldkoffer geschafft, wovon Vereine wie der 1. FC Nürnberg, der 1. FC Köln, der VfL Bochum, Arminia Bielefeld, der MSV Duisburg oder eben Borussia Mönchengladbach nur noch träumen können: sich dauerhaft in der Eliteliga zu etablieren.
So war es. Aber ist es heute noch so? War die vergangene Saison nur eine verrückte Ausnahme? War es Zufall, dass Klubs wie Bremen, Stuttgart oder die gemästeten Wölfe gegen den Abstieg gekämpft haben? Demnach Klubs, die bislang, wenn es mal ein paar Monate schlecht lief, allenfalls ins Niemandsland der Tabelle abrutschen konnten.
Oder ist die Bundesliga tatsächlich ausgeglichener geworden? Ist jetzt alles möglich? Steigt der Hamburger SV, der Bundesliga-Dino, der noch niemals in die Zweite Liga abstürzen musste, am Ende etwa ab? Oder Bremen? Oder sogar Wolfsburg?
Wer nach Anzeichen sucht, dass die etablierten Vereine nicht mehr so etabliert sind, wie man vermuten mag, der muss nur auf die aktuellen Pokalergebnisse gucken. Wolfsburg , Bremen und tatsächlich sogar Leverkusen sind bei krassen Außenseitern gescheitert. Andere, wie Hamburg , Hoffenheim oder Stuttgart, konnten eine Blamage nur knapp verhindern.
Gründe, warum die Bundesliga zuletzt verrückt spielte, sind schnell gefunden. Da sind zum einen eine aufstrebende Trainer-Generation: Männer wie Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Mirko Slomka, Dieter Hecking, Robin Dutt oder Marco Kurz, die mit flachen Hierarchien und neuen Konzepten ihren Weg zum Erfolg fanden.
Auffällig dabei, dass gerade junge Fußballer oft genug entscheidenden Anteil am Höhenflug ihrer jeweiligen Klubs hatten. 15 Prozent des Ligapersonals waren in der vergangenen Saison jünger als 21 Jahre. Das sind etwa doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Die Bundesliga wird immer jünger, und da die Klubs beinahe gleichermaßen von dieser Entwicklung profitieren, mögen die Qualitätsunterschiede in der höchsten deutschen Klasse geringer geworden sein.
Perfekt ausgebildete Profis
Dortmund muss keine utopischen Summen für einen Mittelfeld-Star zahlen, wenn ein Mario Götze nachkommt. Es gibt immer mehr perfekt ausgebildete Profis von einer Qualität, die sich vormals nur reiche Vereine leisten konnten. Dortmund profitiert von Götze, Schalke von Julian Draxler, Mönchengladbach von Andre ter Stegen. Weitere Beispiele sind Mehmet Ekici, Lewis Holtby , Andre Schürrle, Sidney Sam, Ilkay Gündogan oder Julian Schieber.
Die Liste ist wirklich lang, und sie deutet an, dass es womöglich nicht nur die Nachwehen einer Weltmeisterschaft gewesen sind, die hierzulande für unglaubliche Resultate sorgten. Natürlich tat es den Bayern weh, dass Arjen Robben verletzt aus Südafrika kam, aber lässt sich mit dieser Personalie erklären, dass der Klub zeitweise 17 Punkte hinter dem BVB hinterher hinkte?
Max Eberl hält nichts davon, die vergangene Spielzeit als neuen Maßstab zu nehmen. Gladbachs Sportdirektor glaubt weiter an die Zwei-Klassengesellschaft. „Unter normalen Umständen gibt es zehn Mannschaften, die von den anderen Teams sehr weit entfernt sind“, betont er und ergänzt: „Wenn ich höre, dass andere Klubs ihren Etat von 58 Millionen auf 50 Millionen reduzieren, dann sind das Zahlen, die in Gladbach nicht zu realisieren sind.“
Muss die Borussia also wieder um den Klassenerhalt zittern? Am Freitag beginnt die neue Saison mit dem Spiel Dortmund gegen Hamburg. Und die Fans fiebern auch deshalb, weil Mannschaften wie der BVB gezeigt haben, was alles möglich ist. Gladbach ist es diesmal immerhin gelungen, Topstars wie Dante oder Marco Reus zu halten. Vielleicht steigt die Borussia auf bis ins obere Tabellendrittel? Träume sind erlaubt. Die Journalisten von sportal.de prognostizieren dem Klub einen sechsten Platz am Saisonende. Gianluigi Buffon hätte bestimmt nichts dagegen einzuwenden.
10:00
#1 EbbesRache
Wirklich gut beschrieben.
Finanziell gibt es in der Bundesliga definitiv eine Zweiklassengesellschaft, in der die Bauern das Maß aller Dinge sind.
Bislang war es eigentlich regelmäßig so, dass die finanzstärksten Vereine auch sportlich sehr erfolgreich waren. Wenn man davon ausgeht, dass sich nur die finanzstärksten Vereine die teuersten und damit vermeintlich besten Spieler leisten konnten, ist diese Entwicklung in Richtung einer Zweiklassengesellschaft konsequent.
Ausnahmen wie z.B. die Meisterschaft des 1 FC Kaiserslautern betsätigen diese Regel.
Inzwischen ist es aber so, dass nicht mehr die besten elf (Spieler), sondern die beste Elf den erfolgreichsten Fußball spielt. Es scheint offenbar nicht mehr zu reichen, sich einfach nur die besten Spieler zusammenzukaufen.
Um erfolgreich zu sein braucht man ein Konzept und ein funktionierendes Team. Beides muss nicht unbedingt teuer sein. Deshalb können in der BL inzwischen auch Vereine um den Titel mitspielen, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind.
Letztendlich wird der Aufbau solcher jungen Mannschaften wieder von den finanzstarken Vereinen sabotiert, in dem diese die neuen jungen Spieler mit hochdotierten Verträgen abwerben.
Deshalb gehe ich davon aus, dass die Bayern aufgrund der besseren finanziellen Basis langfristig Erfolg haben werden. Andere Vereine können aber kurzfristig mithalten. Wieder andere Vereine haben zumindest die Chance, sich auch wirtschaftlich den Bayern anzunähern.
Wenn die letzgenannten Vereine sich irgendwann eine ähnlich starke finanzielle Basis geschaffen haben wir die Vorherrschaft der Bayern enden.
15:11
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15:10
#1 EbbesRache
Gut beschrieben!
15:06
#2 Kronenschmeckt
siehe auch:
Der Titel als Geldmeister ist dem Rekordmeister sicher
http://www.abendblatt.de/sport/article1977663/Der-Titel-als-Geldmeister-ist-dem-Rekordmeister-sicher.html
14:47
Ich finde den Artikel auch gelungen.
Allerdings möchte ich so weit gehen, die Gladbacher auf einem guten und richtigen Weg einzuordnen.
Der aktuelle Trainer Favre gehört für mich mit in die Liste der oben genannten. In Berlin ist er an falschen Erwartungen gescheitert.
Für die Saison hoffe ich, dass die mir san mir Truppe nicht den gekauften Erfolg haben wird.
Denn das Auftreten der jungen Wilden belebt die Liga ungemein.
Als jemand der gerne Fußball schaut, muß ich einfach das Konzept der Zecken loben. Spielerisch sind sie für mich momentan in Deutschland das Maß, ähnlich Barcelona in Europa.
Wenn sie jetzt noch mit dem Antrag durchkommen, auf Scheunentore zu spielen, werden sie dazu auch Tore schiessen.
Blauweiß braucht Geduld, dann sehe ich auch dort den richtigen Weg.
13:35
Glaube, dass Bayerns Vormachtstellung in den kommenden Jahren bröckeln wird.
Die mittlerweile sehr gut ausgebildeten, jungen,deutschen Wilden werden so hoffe ich, die Liga weiter aufmischen und alle Können die Bayern auch nicht kaufen.
Ansonsten, guter Bericht von Artur vom Stein und ein klasse Kommentar von EbbesRache.
12:32
Natürlich existiert in der Bundesliga eine Art Zweiklassengesellschaft.
Allerdings ist diese in Deutschland weit weniger ausgeprägt wie in anderen Ländern, etwa in Spanien oder England.
Der Hauptgrund, warum es so vielen Teams nicht gelingt, dauerhaft eine positive Entwicklung zu nehmen liegt nicht nur in den unterschiedlichen finanziellen Mitteln, sondern vor allem in der mangelnden Geduld des Umfeldes.
Das gilt im Prinzip für jeden Verein, wenn man momentan mal von Borussia Dortmund absieht. Aber auch dort verursachte die Hatz nach Titeln beinahe den totalen Crash.
Selbst Branchenführer Bayern München ist seit Jahren von kontinuierlichem Arbeiten meilenweit entfernt. Entsprechend zufrieden war man in letzter Zeit mit den sportlichen Erfolgen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das von Rummenigge&Co gebetsmühlenartig wiederholte Vereinscredo sich in Wir sind der FC Bayern, wir wollen Erfolg erschöpft.
Wie in München, so macht man sich bei fast allen anderen Clubs viel zu sehr von einzelnen Personen abhängig. Fällt Robben aus, dann wars das für Bayern (zumindest in den letzten 2 Jahren - für die neue Saison hat man allerdings wirklich stark nachgelegt, allerdings kostet sowas auch).
Clubs wie Gladbach und Köln zuletzt aber vor allem Bochum und Frankfurt haben ihren Niedergang doch wie am Reißbrett geplant. Durch maßloses Überschätzen der eigenen Möglichkeiten. Bei Schalke war man auf einem ähnlichen Weg. Ob die Kehrtwende dort tatsächlich gelingt, ist auch noch lange nicht raus...