Spanien gegen Deutschland ist das Duell der Sorgenkinder

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht am Dienstag nicht sonderlich selbstbewusst in das letzte Testspiel des Jahres. Gegen Spanien gibt sich der Weltmeister nicht weltmeisterlich.
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht am Dienstag nicht sonderlich selbstbewusst in das letzte Testspiel des Jahres. Gegen Spanien gibt sich der Weltmeister nicht weltmeisterlich.
Foto: Getty Images
Im Testspiel am Dienstag empfängt der amtierende Europameister den frisch gebackenen Weltmeister. Doch wenn Deutschland in Vigo gegen Spanien antritt, ist es momentan eher das Duell der Sorgenbeladenen. Bundestrainer Joachim Löw erhofft sich Erkenntnisse für das nächste Jahr.

Vigo.. Die Stadt Vigo muss einst so entstanden sein: Irgendwer hat an der Hanglage vor der spanischen Atlantikküste eine riesige Menge Beton als Modelliermasse abgeladen. Und erst als man das salzige Meerwasser förmlich riechen konnte, gab man sich Mühe, den Häusern zum Teil wunderschöne Jugendstilfassaden zu schenken. So hat wenigstens der Hafenbereich der 300.000 Einwohner zählenden Industrie- und Fischereistadt Charme. Das Hotel Ciudad de Vigo, in dem Toni Kroos im Konferenzsaal sitzt, muss in der Schlange ganz weit hinten gestanden haben, als die Ästhetik verteilt wurde. Aber der Weltmeister, im beruflichen Alltag angestellt bei Real Madrid, muss ja auch nicht lange bleiben.

Er soll ja nur vor dem Freundschaftspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Dienstagabend (20.45 Uhr/ARD und in unserem Ticker) gegen Spanien den einheimischen Journalisten in den Block diktieren, wie sehr ihn die Verletzung seines königlichen Teamkollegen Luka Modric getroffen hat, und ob er denn mit Iker Casillas und Sergio Ramos vor der Partie gesprochen habe. Das Spiel gegen Deutschland, es scheint auf der iberischen Halbinsel am nächsten nur bedingt die Schlagzeilen der Zeitungen zu beherrschen.

Weltmeister gegen den Europameister

Spanien-Test “Hier war ich auch noch nicht”, sagt Kroos, der erst im Sommer die Stelle in Madrid angetreten hat. Und nur, wer dem Ex-Bayern nicht wohl gesonnen ist, unterstellt ihm Desinteresse an dieser Partie, wenn Kroos sagt: “Ich habe vor allem eine kurze Heimreise.” Mit beinahe schlechtem Gewissen schiebt der Mittelfeldstratege noch hinterher, dass im Estadio Balaidos “zwei große Mannschaften aufeinander treffen - in welcher Besetzung auch immer.” Lukas Podolski hätte viel lieber in Barcelona oder Madrid gespielt, aber der spanische Verband gab nunmal Vigo den Vorzug. “Es spielt der Weltmeister gegen den Europameister”, sagt Bundestrainer Joachim Löw und unterbricht für eine kleine Denkpause, “wir haben es zur Kenntnis genommen.”

Der kastilische Schnauzbartträger Vicente del Bosque und der badische Schalliebhaber Joachim Löw haben ja auch andere Sorgen als den Austragungsort.

Beim Aufeinandertreffen des Weltmeisters a.D. und des Weltmeisters 1b, was die aktuelle personelle Lage betrifft, erkennt Toni Kroos beim Titelträger von 2010 “ein paar Probleme, wenn man auf die Ergebnisse schaut”. Das überraschende WM-Vorrundaus in Brasilien hat “La Roja” einen herben Schlag versetzt. Und Löw hätte “es so krass nicht erwartet”, nach dem Triumph von Rio wieder mit den Alltagsproblemen fertig zu werden. Auf höherem Niveau lässt sich nicht klagen.

Podolski und Kruse haben ihre Chance vertan

Auch nach Galicien sind große Teile der DFB-Erstbesetzung nicht mitgereist. Maximal kann Löw am Dienstag mit Thomas Müller, Mario Götze, Toni Kroos und Benedikt Höwedes vier Spieler aufbieten, die im WM-Finale gegen Argentinien zum Einsatz kamen. Der Wert des deutschen Kaders hat jüngst enorm gelitten, obwohl Löw einige neue Spieler mit der Berufung in den weltmeisterlichen Zirkel aufgewertet hat und Reservisten ihr Können zeigen durften. Podolski und Max Kruse haben ihre Chance beim dürftigen 4:0 gegen Gibraltar am vergangenen Freitag vertan; gegen Spanien können sich der Hoffenheimer Kevin Volland und Stuttgarts Antonio Rüdiger versuchen. Löw erhofft sich “Erkenntnisse, die wir vielleicht im nächsten Jahr gebrauchen können”.

Dabei habe der Ausgang der Begegnung keine großen Auswirkungen auf die künftige Arbeit. Selbst eine deutliche Niederlage “wäre keine Hypothek für das neue Jahr”, macht Löw beim Versuch, Spanien erstmals seit 14 Jahren zu besiegen (damals 4:1 in Hannover), vorab Abstriche. Die Ballhoheit und ständige Spielkontrolle erwarte der Bundestrainer nicht, er wolle geistige Bereitschaft, mal wieder Stabilität in der Abwehr sowie Ballgewinne im Mittelfeld sehen, um dann selbst bei Kontern gefährlich zu sein. Das klingt nicht nach der Nummer eins der Welt, die ihre Macht demonstriert. Das klingt eher nach einem Weltmeister, der den ganz einfach Anfängen wehret.

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