Schuh von Boss Helmut Rahn ist ein Stück Zeitgeschichte

Noch immer sehr mit seiner Heimatstadt Essen verbunden: Manuel Neukirchner (links), der Direktor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund.
Noch immer sehr mit seiner Heimatstadt Essen verbunden: Manuel Neukirchner (links), der Direktor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund.
Foto: WAZ FotoPool
Der Essener Manuel Neukirchner ist Direktor des Deutschen Fußballmuseums, das im Sommer in Dortmund eröffnet wird. Zur Standortfrage und zu den RWE-Exponaten nimmt er Stellung im großen Interview.

Essen/Dortmund.. Das Ruhrgebiet ist bald um eine Attraktion reicher, das Deutsche Fußballmuseum öffnet in Dortmund seine Pforten. Wann geht es los?

Manuel Neukirchner: Der Rohbau steht, derzeit laufen die Innenausbau-Maßnahmen. Sobald das Gebäude staubfrei ist, können wir die Ausstellung einbringen und hoffen, den „Ballfahrtsort“ Deutschlands im Sommer zu eröffnen.

Im Vorfeld gab es ein Gerangel zwischen den Standorten Gelsenkirchen und Dortmund, nun wird es ein Essener leiten. Ist das so eine Art Schlichtungsstelle?

Neukirchner: Für mich als Essener ist erst einmal wichtig, dass sich am Ende das Ruhrgebiet durchgesetzt hat. Nirgends wird der Fußball authentischer gelebt als hier, daher denke ich, dass es eine hervorragende Standort-Entscheidung gewesen ist.

War der Standort Essen jemals ein Thema?

Neukirchner: Essen hätte die Gelegenheit gehabt, sich zu bewerben, hat dann aber wohl darauf verzichtet, weil die Austragungsstädte der WM 2006 die favorisierten Standorte waren. Das Museum ist das Vermächtnis dieser Sommermärchens 2006, der DFB wollte die kulturelle Lebendigkeit dieser Sommermonate mit einem dauerhaften öffentlichen Ort für Fußballkultur bewahren.

... Und man sich endlich auch mal gegen München durchgesetzt hat, was ja ansonsten nicht selbstverständlich ist.

Neukirchner: Der DFB hat es sich nicht leicht gemacht. Entscheidend waren auch harte Standort-Faktoren, die mittels einer Studie mit Blick auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines solchen Hauses ermittelt worden ist. Das Ruhrgebiet mit seiner Bevölkerungsdichte und der Vielzahl an Vereinen ist prädestiniert.

Nun wird es in dem Haus ja nicht nur um die WM 2006 gehen, wie man im Vorfeld hört, spielt auch der Essener Fußball eine Rolle. Hat sich da das Fußballherz des Essener Direktors gemeldet?

Neukirchner: Wir inszenieren die Fußballgeschichte von den Anfängen bis heute. Da spielt natürlich Rot-Weiss Essen als Meister und Pokalsieger in den 50er Jahren mit herausragenden Spielern wie Helmut Rahn, Penny Islacker und August Gottschalk eine bedeutende Rolle. Als Bayern München der Fünfziger hat Rot-Weiss die Bundesliga-Vorzeit entscheidend geprägt. Sein traditioneller Kern wirkt bis heute fort und macht den Verein besonders.

Was bekommt der RWE-Fan denn von der guten alten Hafenstraßen-Zeit zu sehen?

Neukirchner: Wir haben als Highlights der Bundesliga-Vorgeschichte den Meisterball von 1955 und die Final-Wimpel von RWE und 1. FC Kaiserslautern, die Gottschalk und Fritz Walter getauscht hatten. Mein absolutes Lieblings-Exponat ist die bronzene Steigerfigur „Kurze Fuffzehn“, die nicht nur über die Identität von RWE etwas aussagt, sondern gleichfalls für die enge Verbindung des Fußballs mit der Bergbaugeschichte im Ruhrgebiet steht. Weiterhin haben wir den Tresor von Paul Nikelski, in dem die Tages-Einnahmen der Spiele verwahrt wurden. Und den berühmten Wandteppich, damals ein Gastgeschenk auf der Südamerika-Reise. Rot-Weiss Essen war nach dem Krieg der erste Verein, der eine solche Fußballreise unternommen hatte. Für die Nationalmannschafts-Geschichte steht natürlich als ein Kronjuwel der Ausstellung der linke Schuh von Helmut Rahn, mit dem er den 3:2-Siegtreffer gegen Ungarn „aus dem Hintergrund“ erzielte.

War es schwer, diese Gegenstände dem Verein oder den besitzenden Personen zu entlocken?

Neukirchner: Die Kooperation mit Rot-Weiss Essen, besonders mit Michael Welling und Christian Hülsmann, ist phantastisch. Ich bin sehr dankbar, dass wir die Exponate ausstellen dürfen. Die Familie von Helmut Rahn haben wir in mehreren Gesprächen überzeugen können, dass dieser fußballerische Nachlass von Boss Rahn nicht nur Fußballgeschichte, sondern auch ein ganz wichtiges Stück Zeitgeschichte verkörpert – gerade auch für die jungen Generationen. Fußballmuseum

Wie muss man sich Fußball im Museum vorstellen, ist alles strikt in den Vitrinen verschlossen?

Neukirchner: Um Himmels willen! Die Wahrnehmungs-Bereitschaft der heutigen Besucher hat sich in den letzen zehn Jahren radikal verändert. Die Wahrnehmung ist schneller, paralleler und medialer geworden. Gerade der Fußball ist omnipräsent, jeder weiß alles. So können Exponate nicht nur Wissen vermitteln, sondern mit medialen Inszenierungen, Kulissenbauten, Sound im Raum, den Fußball emotional erlebbar machen. Wir schaffen auf 7700 Quadratmetern mit der ersten Dauerausstellung zur Geschichte des deutschen Fußballs ein ganz neues Kulturformat.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Schlägt das Herz des Direktors noch im rot-weissen Takt?

Neukirchner: Auch – aber vor allem blau-gelb: Von der C2 von Fortuna Bredeney verpasse ich kein Spiel. Mein Sohn Philipp ist Käptn, wir starten als Dritter in die Rückrunde.