Warum sich BVB- und Schalke-Fans total ähnlich sind

Freundschaft zwischen Schwarz-Gelb und Blau-Weiß: Im Jahr 2012 schauten Evelyn Pazdyka und Carolin Beyer das Derby gemeinsam in Bochum.
Freundschaft zwischen Schwarz-Gelb und Blau-Weiß: Im Jahr 2012 schauten Evelyn Pazdyka und Carolin Beyer das Derby gemeinsam in Bochum.
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Autor und Derby-Experte Gregor Schnittker sieht bei Schwarz-Gelben und Blau-Weißen die gleiche Art von Leidenschaft – und in dem Spiel ewige Spannung.

Dortmund.. Was macht man, wenn man ein Buch über das immergrüne Fußballduell zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 (Samstag, 15.30 Uhr, live in unserem Ticker) sucht, aber nichts findet? Man schreibt selbst eins. Der freie Fernsehjournalist Gregor Schnittker, Moderator und Fußballreporter für den WDR und das ZDF, hat ein umfangreiches, anschauliches Werk mit interessanten Reportagen und sehenswerten Fotos veröffentlicht: „Revier-Derby – die Geschichte einer Rivalität“ (Verlag Die Werkstatt, 270 Seiten, 28 Euro). Der 45-Jährige, der in Bochum geboren wurde, in Dortmund lebt und zwischenzeitlich in Gelsenkirchen wohnte, erklärt vor dem Derby an diesem Samstag in Dortmund, warum dieses Fußballspiel so außergewöhnlich und unvergleichbar ist.

Der Begriff ist zwar abgenutzt, aber wenn von der Mutter aller Derbys die Rede ist, weiß jeder Fußballkenner Bescheid: Es geht um Dortmund gegen Schalke. Warum ist dieser Derby-Ball mit mehr Bedeutung aufgepumpt als jeder andere?

Gregor Schnittker: Wenn man kleinlich sein will, ist die Mutter aller Derbys eigentlich Nürnberg gegen Fürth. Heute aber ist das Ruhrgebiets-Derby mit Sicherheit das am meisten emotional aufgeladene. Vor allem, weil es permanent stattfindet, weil es Tradition und Zukunft hat – und seit Jahren auf höchstem Niveau ausgetragen wird. Als Offenbacher wartest du ewig darauf, mal gegen Frankfurt zu spielen. Das Spiel BVB gegen Schalke aber heizt sich ständig selbst an. Aus jedem Spiel geht eine Geschichte hervor, so dass man das nächste mit Spannung erwartet. Ganz wichtig ist auch der geografische Aspekt. Dein Nachbar kann Borusse oder Schalker sein.

Aber räumliche Nähe von Rivalen gibt es anderswo auch.

Schnittker: Wenn ich in Hannover am Bahnhof ankomme, habe ich nicht das Gefühl, dass Spieltag ist. In Dortmund muss nicht einmal Spieltag sein, und trotzdem sehe ich Menschen, die ein gelbes Trikot tragen. Und in Gelsenkirchen fährt kaum ein Auto ohne S04-Aufkleber. Liebe zum Fußball gibt es in Kaiserslautern auch, aber nicht so viele Klubs. Es ist extrem anstrengend, im Ruhrgebiet zu leben und mit Fußball nichts am Hut zu haben.

Unterscheiden sich die beiden Lager überhaupt? Beide definieren sich doch über Leidenschaft, Zusammenhalt, Treue.

Schnittker: Absolut. Die Fans sind sich total ähnlich. Bei meinen Recherchen habe ich die gleiche Art von Hingabe gespürt. Man hört Sätze wie: Verliert Schalke, ist meine Woche gegessen. Die Leute sind abhängig, sie wissen, dass sie ihr Glück in die Hände von Fußball-Millionären legen – aber sie können nichts dagegen machen. Deshalb ist das Derby auch Fluch und Segen. Es kann dich runterziehen, aber auch dein Leben versüßen, obwohl dich gerade deine Frau verlässt.

Was hat Sie in Ihren Gesprächen beeindruckt?

Schnittker: Mein größter Respekt gehört denen, die es schaffen, in so genanntem Feindesland zu leben und unentdeckt glücklich zu sein. Ich habe einen Nachbarn, der als Lokalpatriot nur Dortmunder Bier trinkt, dabei ist er Schalker durch und durch – sein Vater kam aus Gladbeck. Ich habe auch viel Leichtigkeit und Humor erkannt. Die Leute nehmen sich in der Nachbarschaft oder im Betrieb auf die Schippe, ohne böse zu werden. Ich selbst bin auch BVB-Fan und hatte in Gelsenkirchen nie Probleme. Ich drehe dort auch nicht die Gebläseklappe im Auto zu, damit die Luft nicht hereinströmt.

1997 gewann Schalke den Uefa-Cup und Dortmund die Champions League. Und plötzlich hatten sich alle lieb. Ein Ausnahmejahr?

Schnittker: Ja, es gab eine Solidarität und Ruhrpott-Rufe beim ersten Derby nach den Europacupsiegen. Aber als Schalkes Torwart Jens Lehmann Ende 1997 das berühmte Kopfballtor in Dortmund gelang, stellte sich heraus, dass die Zuneigung nur ein halbes Jahr anhielt.

Analyse Trainer betonen gerne, dass es auch nur um drei Punkte geht. Wird das Derby überhöht? Von den Fans, aber auch von den Medien?

Schnittker: Ja, das wird es, allerdings völlig zu Recht. Welches Spiel hat denn schon so eine Geschichte? Wir sollten das Derby ausgiebig feiern. Künftig spielt in der Bundesliga Ingolstadt gegen Leipzig.

Kann ein Derbysieg Mängel übertünchen?

Schnittker: Ja, aber er alleine bringt es dann doch nicht. Jens Keller konnte er nicht mehr retten, der Schalker Trainer war bereits angeschlagen und wurde wenig später entlassen.

Haben die Spieler der Neuzeit noch das Ehrgefühl ihrer Vorgänger, das Derby für die Fans gewinnen zu müssen?

Schnittker: Das ist Fußball-Romantik, die kann man vergessen. Es sollte aber jedem Profi klar sein, dass es ein Privileg ist, für Schalke oder Dortmund spielen zu dürfen.