Warum die Polizei beim Revier-Derby härter durchgreift

Die Ultras Gelsenkirchen unterstützen das Schalke-Team in Dortmund diesmal nicht.
Die Ultras Gelsenkirchen unterstützen das Schalke-Team in Dortmund diesmal nicht.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
  • Einflussreiche S04-Ultragruppe verzichtet auf Fahrt zum Revierderby
  • Ultras beschweren sich über die strikten Sicherheitsmaßnahmen
  • Revierderby findet am 8. November in Dortmund statt

Gelsenkirchen.. Der einflussreiche Schalke-Fanklub "Ultras Gelsenkirchen" (UGE) verzichtet in diesem Jahr auf die Auswärtsfahrt zum Revierderby bei Borussia Dortmund (Sonntag, 8. November, 15.30 Uhr). Das gaben die Ultras am Sonntagabend auf ihrer Homepage bekannt. Sie begründeten ihren Schritt damit, dass "die Reduzierung des Kartenkontingents und die vorgeschriebenen Anreisemöglichkeiten nicht hinnehmbar sind." Die Ultras sehen "das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt."

Der Fanklub bemängelt, dass Schalke nicht mehr das komplette Gästekartenkontingent von etwa 8000 Tickets verteilen kann, sondern nach Absprache mit der Polizei und dem BVB nur noch 6500. Zudem bewirbt Schalke nach Ultra-Angaben "massiv die geschlossene Anreise per Bus". Eine alternative Anreisemöglichkeit wäre eine Fahrt mit der S-Bahn vom Dortmunder Hauptbahnhof zum Stadion. "Allerdings werden immer nur so viele Personen in die Bahn gelassen wie Sitzplätze zur Verfügung stehen. Aus Erfahrungen der Vergangenheit (...) führt dies zu einer erheblichen Verzögerung der gesamten Anreise", schreiben die Ultras.

Fans, die weder mit dem Bus noch mit dem Zug anreisen, müssten nach Ultra-Angaben "umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und werden das Spiel aller Voraussicht nach nicht besuchen dürfen". Das wollen die Ultras nicht hinnehmen: "Es muss möglich sein, selbst entscheiden zu können, wie man zu einem Fußballspiel anreist." Die Ultras hoffen, dass sich weitere Fanklubs dem Boykott anschließen.

Das sagt die Polizei Dortmund

Die Polizei in Dortmund erklärt auf Nachfrage, dass sie für die Derby-Planungen vor allem die Ereignisse des letzten Derbys in Dortmund im Februar 2015 berücksichtigt hat. Obwohl die Behörde selber von einer "gewaltbereiten Minderheit" spricht, müssten die Sicherheitsanforderungen weiter erhöht werden.

Die Polizei erklärt, dass Schalker Ultragruppierungen "zum wiederholten Male die aus Sicherheitsgründen vom Arbeitskreis Derby empfohlenen und umfangreich kommunizierten Anreisewege" missachtet hätten. So hätten der Ausstieg mehrerer hundert Angehörige von Schalker Ultras an der S-Bahn-Haltestelle in Dortmund-Barop und der sich anschließende "rechtswidrige Fanmarsch in Richtung Stadion" dazu geführt, dass der Verkehr massiv gestört worden sei. "Die Ultras überrannten anschließend unkontrolliert eine Kontrollstelle an der Westfalenhalle und konnten erst am Stadionvorplatz angehalten und überprüft werden. Hier kam es zu erheblichen Behinderungen anderer Stadionbesucher", so die Polizei.

Weil außerdem mehrere U-Bahnen durch "Schalker Gewalttäter" beschädigt worden seien, was zu "massiven Behinderungen des gesamten Dortmunder ÖPNV" geführt habe, habe die DSW 21 angekündigt, zukünftig deutlich weniger Personen in ihren U-Bahnen zum Stadion zu befördern. Deshalb könnten in dem üblichen Zeitfenster vor dem Spiel deutlich weniger Gästefans in Richtung Stadion befördert werden.

Mehr Gewalttaten beim Derby

Die Dortmunder Polizei betont überdies, dass es beim Derby im Februar "zu einem erheblichen Anstieg der Straftaten gekommen war". Während des Derbys im Jahr 2014 zählte die Dortmunder Polizei 35 Straftaten, davon neun Gewalttaten. Bei der Begegnung im Februar 2015 wurden 119 Straftaten zur Anzeige gebracht, darunter 51 Gewalttaten. Deshalb seien die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen nötig, die im Einzelnen so lauten:

  • Reduzierung des Gästekartenkontingents auf gut 4000 Karten.
  • Durchführung einer organisierten Anreise von Fans von Schalke 04, insbesondere mit Bussen und PKW direkt in den Veranstaltungsbereich
  • Nutzung eines Vouchersystems und einem personalisierten Ticketing, um hiermit eine koordinierte Anreise zu garantieren
  • Ausschluss von Problemfangruppierungen des Gastvereins.

Diese Forderungen, die im Einklang mit den Forderungen des Innenministeriums stünden, konnte die Behörde bei den Vereinen BVB 09 und Schalke 04 jedoch nur zum Teil durchsetzen, erklärt die Dortmunder Polizei.

UGE-Boykott: Fanforscher sieht Gefahr für Fankultur

Harald Lange, Sportwissenschaftler und Direktor des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg, findet den Boykott der UGE "hoch interessant". Mit dieser Aktion würden sowohl die Polizeieinsätze und Auflagen, aber auch die Möglichkeiten und die Bereitschaft der Kommunikation zwischen Fans und Polizei in den Vordergrund gerückt.

Boykott Dabei kann Lange beide Seiten verstehen: "In diesem Derby beziehungsweise am Rande des Derbys gab es einerseits regelmäßig Gewalt, andererseits auch jedes Mal überdurchschnittlich viel Polizeiaufkommen. Letztlich befinden wir uns da in einem Dilemma, denn es gibt einerseits gute Gründe für den massiven Polizeieinsatz an sich, andererseits muss kritisch danach gefragt werden, was seitens der Einsatzleitung in Hinblick auf Deeskalation unternommen wird. Einfach mehr Polizei und ein drastischeres Vorgehen seitens der Polizei wird das Gewaltproblem niemals lösen. Wir brauchen neue Lösungen. Ansonsten leidet die Fankultur darunter."

Gladbach-Fans boykottierten Derby in Köln

In dieser Bundesliga-Saison gab es schon einmal einen Derby-Boykott. Während des Spiels zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach (1:0) am fünften Spieltag blieb es in der Gladbach-Kurve still - und viele FC-Fans zeigten sich solidarisch.