Trainer Jens Keller erlebt auf Schalke "Kampf gegen Windmühlen"

Schalke-Trainer Jens Keller ärgern die Spekulationen um Armin Veh als sein möglicher Nachfolger.
Schalke-Trainer Jens Keller ärgern die Spekulationen um Armin Veh als sein möglicher Nachfolger.
Foto: Joachim Kleine-Büning / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Schalke-Trainer Jens Keller spürt bei S04 mehr Ungeduld als bei anderen Klubs: „Wenn ich vier Spiele in Folge verlieren würde, könnten wir die Zelte abbrechen.“ Im Interview spricht er über die Klatschen gegen Madrid und München, die aus seiner Sicht oft zu negative Berichterstattung und Armin Veh.

Gelsenkirchen.. Am Ende des Gesprächs sagt Jens Keller: „So haben Sie mich noch nicht erlebt, oder?” Schalkes Trainer ist schon leicht genervt, als er zu dem vor einer Woche verabredeten Termin kommt. Er sagt: „Kein guter Tag für ein Interview.”

Was ist passiert?

Jens Keller: Mich stört es zugegebenermaßen, dass hier im Umfeld, in Teilen der Berichterstattung schon wieder Vieles in Frage gestellt wird nach den beiden hohen Niederlagen, die wir gegen Real Madrid und Bayern München kassiert haben. Das ist doch Wahnsinn.

Eigentlich wollten wir mit Ihnen darüber reden, wie Sie die Mannschaft jetzt wieder dahin bekommen, wo sie vor dem 1:6 gegen Real Madrid war.

Keller: Ich habe manchmal das Gefühl, dass es kaum jemanden mehr interessiert, dass wir in der Rückrunde von Platz sieben auf Platz vier geklettert sind, dass wir zum Beispiel Mönchengladbach aktuell zehn Punkte abgenommen haben. Wolfsburg verliert mit 2:6 in Hoffenheim, Dortmund 0:3 in Hamburg. Aber nur bei uns wird ein Drama daraus gemacht, dass wir gegen die beiden besten Mannschaften der Welt zwei heftige Klatschen bekommen haben. Manchester City hat 1:3 gegen Bayern verloren – wollen wir uns mit denen vergleichen?

Sie haben selbst gesagt, dass die erste Halbzeit in München unterirdisch war.

Keller Keller: Das ist auch so, da gibt es überhaupt nichts schönzureden. Aber man darf wenigstens Gründe anführen: Es gibt keine andere Mannschaft in Deutschland, die auf diesem Niveau mit derart vielen jungen Spielern antritt wie wir – in München hatten wir fünf Spieler auf dem Platz, die 22 Jahre oder jünger sind. Dass diese nach dem 1:6 gegen Madrid komplett verunsichert sind, war klar. Da möchte ich mal die Mannschaft sehen, die so etwas wegsteckt, wenn sie bereits nach zweieinhalb Minuten ein Gegentor durch einen abgefälschten Freistoß kassiert. Da bricht man als junger Spieler zusammen. Das darf nicht passieren, gehört aber zum Lernprozess dazu. Wir haben uns 40 Minuten komplett in die Hosen gemacht. Punkt. Dann hältst du eine Weltklasse-Mannschaft nicht auf, wenn sie ins Rollen kommt. Nichtsdestotrotz müssen wir uns anders präsentieren.

Wie gehen Sie mit der Mannschaft nach solchen Tiefschlägen um?

Keller: Wir haben Druck gemacht. Aber man darf nicht den Fehler machen, jetzt alles niederzureden, was wir uns vorher gut erarbeitet haben. Die jungen Spieler machen das nicht extra, bei ihnen wackeln einfach die Knie. Dass wir von dem einen oder anderen gestandenen Spieler mehr erwarten müssen, darüber sind wir uns alle einig.

Zum Beispiel von Kevin-Prince Boateng, der ja den Anspruch hat, auf Bayern-Niveau spielen zu können?

Keller: Er war mit sich selbst doch auch nicht zufrieden – so wie wir mit fast keinem Spieler zufrieden waren. Aber bei Boateng hieß es nach den ersten fünf Spielen in der Rückrunde: Toll, wie er die Mannschaft als Sechser führt. Und das wird nach zwei Spielen wieder in Frage gestellt. Das ist es, was ich so unbegreiflich finde.

Wer stellt denn alles in Frage?

Keller: Das passiert nicht intern. Aber wenn ich mich im Umfeld umhöre, kann man überspitzt gesagt den Eindruck bekommen, als würden wir gegen den Abstieg spielen.

Ist das Schalker Umfeld denn so schwierig?

Keller: Ich weiß es nicht. Für mich ist es manchmal unerklärlich. Es gibt Konkurrenten, die haben von den jüngsten zehn Spielen acht verloren. Wenn ich vier Spiele in Folge verlieren würde, könnten wir die Zelte abbrechen. Es gibt auch andere Vereine, die im Gegensatz zu uns wenige Verletzte und keine englischen Wochen haben, und momentan mit Problemen kämpfen, ohne dass eine Trainerdiskussion entsteht.

Ist man auf Schalke zu schnell zu ungeduldig?

Keller: Was Teile der Berichterstattung über uns anbelangt, habe ich manchmal das Gefühl: Bad news are very good news (schlechte Nachrichten sind sehr gute Nachrichten, die Red.). Wenn wir gegen Real Madrid gewinnen, kommen am nächsten Tag drei Kamerateams zum Training. Nach der Niederlage war es ein Dutzend.

Schalke Nehmen Sie das persönlich?

Keller: Erklären Sie es mir. In Stuttgart, Freiburg oder Mainz wird der Nachwuchstrainer zum Cheftrainer gemacht, und alle sagen: Super, genau der richtige Weg, wir wollen junge Spieler einbauen. Hier aber muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich vorher im Nachwuchsbereich gearbeitet habe. Keine Ahnung, woher das kommt. Der Verein ist überzeugt von mir - sonst wäre ich nicht seit 15 Monaten Cheftrainer.

Ihre Kritiker halten Ihnen vor, es würde keine Weiterentwicklung geben.

Keller: Interessant. Max Meyer hat vor meiner Zeit keine Minute bei den Profis gespielt – wir haben ihn nach drei Monaten „reingeschmissen“, und heute haben europäische Top-Klubs Interesse. Sead Kolasinac ist unter uns mit 20 Jahren zügig Stammspieler geworden, Leon Goretzka ist auf dem Sprung in die Mannschaft, und Kaan Ayhan führen wir jetzt auch dahin. Joel Matip, der früher mal ausgepfiffen wurde, spielt seit Monaten überragend. Und Ralf Fährmann, der vorher keine Rolle gespielt hat, haben wir zur Nummer eins gemacht. Ich will niemanden angreifen, doch ich bin es leid, mich ständig rechtfertigen zu müssen. Irgendwann muss man auch mal Fakten nennen. Und wenn ich mir dann die Tabelle vom 17. Spieltag ansehe und sie mit der aktuellen vergleiche, dann sieht das gar nicht so schlecht aus, wie ich finde. Aber uns ist natürlich allen klar, dass das Ergebnis des 34. Spieltags entscheidet.

Sie haben gesagt, dass Sie sich von da oben nicht mehr verdrängen lassen werden. Sind Sie auch nach den beiden Niederlagen davon überzeugt?

Keller: Zu 100 Prozent. Die Mannschaft hat in den vergangenen 15 Monaten gezeigt, dass sie mit schwierigen Situationen umgehen kann. Kein anderer Verein hatte in dieser Saison eine derartige Verletzungs-Problematik wie wir. Wir haben das nie zum zentralen Thema gemacht, sondern jedes Mal den nächsten reingeschmissen. Vielleicht werde ich das künftig häufiger betonen, weil mich ärgert, dass es so einfach vergessen wird.

Bei Borussia Dortmund wurden die vielen Verletzungen in der Hinrunde stets als Grund angeführt, dass es dieses Jahr nicht so rund läuft…

Splitter Keller: Mit Recht. Und wir hatten teilweise doppelt so viele Verletzte: Beim Champions-League-Spiel in Bukarest fehlten mir elf Mann – eine komplette Mannschaft. Und trotzdem lagen wir bis zum jüngsten Spieltag nur einen Punkt hinter Dortmund – dann haben wir uns die Klatsche in München abgeholt.

So denkt Schalke-Trainer Jens Keller über Armin Veh

Wie verarbeiten Sie eigentlich ganz persönlich einen solchen Doppelschlag wie gegen Madrid und München?

Keller: Am Sonntagnachmittag habe ich mir die Bundesliga im Fernsehen angesehen und damit unseren nächsten Gegner Hoffenheim. Ich bin sowohl als Privatmensch als auch als Trainer ein Kopfmensch.

Beunruhigt es Sie jetzt, dass Armin Veh im Sommer auf den Trainermarkt kommt?

Keller: Überhaupt nicht. Armin ist ein toller Kerl, ich mag ihn. Aber wissen Sie, was mich ärgert?

Verraten Sie es uns.

Keller: Dass einige Medien sofort spekulieren, ob Armin jetzt zu Schalke geht. Armin Veh wäre letzte Woche Dienstag, vor dem Spiel gegen Madrid, überhaupt nicht mit uns in Verbindung gebracht worden. Aber nach zwei Niederlagen gegen die beiden besten Mannschaften der Welt wird prompt geschrieben, ich müsse in die Nachwuchsabteilung zurück. Irgendwann ist das Maß voll.

Fühlen Sie da eine gewisse Ohnmacht?

Keller: Natürlich. Man fühlt sich an den berühmten Kampf gegen Windmühlen erinnert. Trotzdem würde ich am liebsten noch zehn Jahre bleiben, aber wenn der Verein das irgendwann nicht mehr will, geht das Leben auch weiter. 15 Monate auf Schalke haben mit solchen Problemen nicht so viele Trainer ausgehalten. Ich bin mit meiner Arbeit insgesamt nicht unzufrieden.