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Schalkes Jones wehrt sich gegen Bad-Boy-Image

Schalkes Jones wehrt sich gegen Bad-Boy-Image

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Foto: imago
Seit er vom DFB für seinen Tritt gegen den Mönchengladbacher Marco Reus gesperrt wurde, hat er geschwiegen. Jetzt spricht Jermaine Jones zum ersten Mal über das Foul, über sein Bedauern – aber auch über das Gute am Bad-Boy-Image.

Gelsenkirchen. 

Jermaine Jones (30) hat Zeit mitgebracht. Seit er vom DFB für seinen Tritt gegen den Mönchengladbacher Marco Reus gesperrt wurde, hat er geschwiegen – jetzt spricht er zum ersten Mal. Ein Interview über Schuld und Einsicht, über gesellschaftlichen Hintergrund und erhoffte Gleichbehandlung. Am Donnerstag (19 Uhr, live im DerWesten-Ticker) im Europa-League-Duell bei Viktoria Pilsen darf Jones für Schalke spielen.

Herr Jones, gibt es etwas, das Sie zuletzt als Mensch berührt oder sogar getroffen hat?

Jermaine Jones: (überlegt lange)

Es muss nichts mit Fußball zu tun haben.

Jones: Nein, eigentlich nicht. Nichts, woran ich mich jetzt spontan erinnern kann.

Wir möchten herausfinden, was für ein Mensch Sie sind. Wie sehen Sie sich selbst?

Jones: Ich bin schon ein temperamentvoller Typ, aber auf der anderen Seite bin ich auch ein eher zurückgezogener Familienvater, der die Zeit zu Hause nutzt, um liebevoll mit seinen Kindern zu spielen. Da bin ich genau das Gegenteil von dem, wie man mich auf dem Platz sieht.

Sie haben vier Kinder.

Jones: Ja.

Eine Patchwork-Familie?

Jones: Ja, die zwei Großen habe ich adoptiert, das sind jetzt meine Kinder. Das ist wichtig. Die Familie steht für mich ganz weit oben an erster Stelle.

Sie selbst hatten keine leichte Kindheit, sind in Frankfurt-Bonames aufgewachsen. Früher stand auf Ihrer Homepage, dass Sie dort durch die härteste Fußballschule überhaupt gegangen sind – die Straße.

Jones: Stimmt, auf der Straße habe ich Fußballspielen gelernt. Mit der Clique waren wir von morgens bis abends draußen, aber wir haben dort nicht rumgehangen, sondern wir haben Fußball gespielt. Vielleicht sind manchmal auch ein paar Sachen passiert, die sich nicht gehören, aber am Ende ist keiner sein Leben lang auf der Straße hängen geblieben – einer ist jetzt zum Beispiel Koch im Sterne-Hotel. Oft wird nur der Stadtteil genommen, um ein Urteil zu fällen über die Person, um die es geht. Und wenn man mich sieht, sagt man: tätowierter Typ, Bad Boy. Aber das ist oberflächlich. Das beste Beispiel ist doch David Beckham: Der ist auch tätowiert, und ich glaube nicht, dass der ein Ghettojunge ist.

Auf der Straße geht es hart zu – auch fair?

Jones: Ich hatte nie etwas mit der Polizei zu tun, und ich habe mich auch nicht mit Leuten geschlagen. Klar habe ich den einen oder anderen Fehler gemacht, aber schon damals habe ich nicht drum herum geredet, sondern die Konsequenzen getragen. Genau wie jetzt bei der Sache mit Marco Reus im Pokalspiel gegen Gladbach. Auch da sage ich: Das war ein Fehler, die Aktion war nicht korrekt, auf gut deutsch gesagt: unter aller Sau. Deswegen spende ich ja auch jetzt eine erhebliche Summe für ein Kinderheim in Herne.

Sie sprechen das Thema Reus selbst an: Was haben Sie gedacht, als Sie ihren Tritt auf den verletzten Fuß des Berufskollegen zum ersten Mal im Fernsehen gesehen haben?

Jones: Bei der Aktion selbst nimmt man das erst gar nicht so richtig wahr, aber ich wusste ja schon auf dem Platz, dass das nicht unbemerkt geblieben ist. Öffentlich wollte ich nach dem Spiel lieber erstmal nichts sagen, denn ich wusste ja, dass die Leute alles im Fernsehen mitbekommen hatten – da wollte ich mich nicht hinstellen und mich irgendwie rausreden. Ich wollte alles erstmal sacken lassen. Vor allem aber wollte ich mich zuerst bei Marco Reus persönlich für die Sache entschuldigen. Er hat mich gefragt, ob ich so was nötig habe, und ich habe ihm gesagt: „Ich weiß, das war doof von mir.“ Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich auf dem Platz hart spiele – aber normalerweise auch fair. Ich wusste sofort, dass ich eine Strafe kriege – und auch eine verdient habe.

Sie haben sich bei Reus entschuldigt – aber können Sie auch erklären, warum Sie dieses Foul begangen haben? Oder nimmt man sich das schon vor dem Spiel vor, weil Reus verletzt war?

Jones: Nein, so gehst du nicht ins Spiel – das wäre ja… Es ist einfach eine Sache von Sekunden, in denen du einen Blackout hast. Es war hektisch, die Gladbacher haben gedrückt, und ich bin ein Spieler von Schalke – ich wollte weiterkommen, um den Pokal zu gewinnen. Dann denkst du nicht mehr nach und machst einen Fehler, den du später bereust. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es ungeschehen machen. Und ich muss auch sagen: Wenn mir das mit 20 passiert wäre – okay, Jugendsünde. Aber ich bin jetzt 30, da darf das nicht sein.

Sie wurden für acht Wochen in der Bundesliga gesperrt. Halten Sie die Strafe für angemessen?

Jones: Schwierig. Die Sache ist im Pokal passiert, und ich hätte es verstanden, wenn man gesagt hätte: Die ganze nächste Saison darf er im Pokal nicht spielen, und als Denkzettel geben wir ihm noch zwei, drei Spiele Sperre in der Liga obendrauf. Aber es ist so viel Druck von außen gekommen, dass der DFB die ganze Sperre auf die Bundesliga bezogen hat. Sechs Spiele sind da ganz schön hart – vor allem, wenn ich im Nachhinein sehe, was in einer anderen Liga passiert, wenn einer fast das Gleiche macht.

Sie meinen Pepe von Real Madrid und dessen Foul gegen Messi…

Jones: Da tritt einer einem anderen Spieler auf die Hand und kriegt nichts. Das war nicht korrekt, das wissen wir alle, aber dann hat sein Trainer Mourinho gesagt: “Ich glaube ihm, dass es keine Absicht war“, und damit war die Sache mehr oder weniger erledigt. Oder das Pokalspiel jetzt zwischen Berlin und Gladbach: Das wird durch eine theatralische Aktion eines Spielers (gemeint ist Igor de Camargo, die Red.) entschieden. Aber da wird einfach nur gesagt: Das ist eine Tatsachen-Entscheidung. Wenn ich dagegen sehe, was nach meiner Aktion für ein Hype gemacht wurde, dann finde ich das nicht korrekt.

Es gehört dazu, dass man nach so einem Foul öffentlich und auch hart kritisiert wird.

Jones: Klar, gar keine Frage. Aber es kann nicht sein, dass sich eine große Boulevard-Zeitung hinstellt und sagt: „Wir fordern die Höchststrafe“. Das hatte etwas von Hetzjagd. Meine Kinder gehen in die Schule und werden dort gefragt: „Warum ist dein Vater ein Bad Boy?“

In den USA gab es auch heftige Kritik. Als Jürgen Klinsmann Sie zum Kapitän des US-Teams gemacht hat, hieß es: „Jones, nein Danke“.

Jones: Dort hat man ja auch gelesen, was in Deutschland über mich geschrieben wurde. Und dann hat eine Zeitung eben gefragt: „Wie kann Amerika einen Spieler mit einem solchen Background zum Kapitän unseres Landes machen?“. Das ist okay. Danach habe ich zwei Spiele gemacht, und es hieß: Okay, auf dem Platz ist er ein Leader, ein Kapitän, der seine Leistung abruft. Jeder macht Fehler, da bin ich nicht der Einzige. Ich kann zehn Spieler aufzählen, die auch mal Aussetzer hatten, und alle sind Persönlichkeiten gewesen: Ob nun Effenberg oder Kahn oder Matthäus. Aber bei keinem wird das so hoch gehangen wie bei mir, und das hat mit meinem Background zu tun. Wenn ich ein lieber Kerl wäre wie van Bommel…

Van Bommel gilt nicht gerade als lieber Kerl.

Jones: Stimmt, er ist auf dem Platz kein lieber Kerl. Da hat er das gleiche Image wie ich. Aber bei ihm kann man die Geschichten danach nicht so hochfahren wie bei mir. Bei ihm kann man nicht sagen: Das kommt alles daher, wie er früher gelebt hat. Bei ihm sagt man eben: Er hat ein gutes Elternhaus – also war es auf dem Platz ein Ausrutscher.

Von Ihnen stammt der Satz: „Als Mannschaft brauchst du ein Arschloch auf dem Platz.“

Jones: Ja, dazu stehe ich auch.

Möchten Sie diesen Stinkstiefel auch in Zukunft geben, oder sagen Sie sich jetzt: Irgendwann reicht’s?

Jones: Ja, wenn ich meine Fußballschuhe weghänge. Aber es ist halt so: Alle großen Vereine haben irgendwo ein positives Arschloch – das brauchst du in meinen Augen. Wenn du mit den Leuten korrekt umgehst, dann wissen die das auch zu nehmen. Hier in unserem Team kann man jeden Einzelnen fragen: Ich komme mit jedem gut klar, habe mit den Kollegen Spaß, aber wenn ich auf den Platz gehe, dann will ich gewinnen. Und wenn ich dann den einen oder anderen Mitspieler anmache, dann weiß er: Das macht der hier, weil er auf dem Platz bekloppt ist. Aber wenn er runterkommt, ist er wieder cool.

In Schalke sieht man Sie unverändert als Führungsspieler. Diese Rolle werden Sie am Donnerstag in der Europa League wieder einnehmen?

Jones: Wir haben eine sehr junge Mannschaft, nur Raúl mit seinen 34 Jahren und ich mit 30 sind die alten Hasen. Wir müssen die Verantwortung übernehmen, und ich kann mit meiner Ausstrahlung einiges zusammenhalten. Vor meiner Sperre war ich in einer Superform, ich hatte mich gerade zurückgekämpft. Durch meinen Fehler muss ich von vorn anfangen und das erneut schaffen, aber das ist für mich als Mensch vielleicht auch ein Ansporn, es jetzt wieder denjenigen zu zeigen, die mich abschreiben. Am Donnerstag ist das erste Spiel. Da werden wir wieder versuchen, dass wir über eine längere Zeit „zu Null“ spielen können.

Sind Sie froh, dass das Spiel im Ausland stattfindet – weit weg vom Schuss, und nicht in Mönchengladbach, wo Schalke zuletzt gespielt hat?

Jones: Das ist mir, wenn ich ehrlich bin, schnuppe. Dafür spielen wir doch Fußball. Jeder Hass, der dir entgegen gebracht wird, ist auch ein bisschen Neid oder Angst. Die Bayern werden in jedem Stadion ausgepfiffen, weil die Leute auch Respekt vor ihnen haben und ein bisschen Angst. Solange das so ist, ist es okay. Schlimmer ist, wenn du irgendwo hinkommst, und keine Sau interessiert sich für dich. Dann machst du dir Gedanken.

So denkt Jermaine Jones über Ex-Schalke-Trainer Felix Magath 

Warum sind Sie eigentlich mit Felix Magath nicht klar gekommen: Er ist doch auch ein Typ, der genau wie Sie rücksichtslos den Erfolg sucht?

Jones: Das Problem war meine Schienbeinverletzung. Wenn ich mich nicht verletzt hätte, wäre ich wahrscheinlich Kapitän geworden und hätte alle Spiele gemacht, weil er auf mich stand. Verschiedene Meinungen hatten wir aber, wie wir die Reha gestalten: Er war der Meinung, ich sollte ihm bedingungslos vertrauen, und ich fand, dass einiges zu viel war. Und so war es ja auch. Wenn ich auf mein Gefühl gehört hätte, wäre ich nur drei Monate ausgefallen – so aber wurde es ein Jahr. Irgendwann machte es keinen Sinn mehr, mit ihm zusammenzuarbeiten, weil ihm meine Gesundheit oder die anderer Spieler egal war. Wenn du da bist, bist du da. Wenn nicht, wirst du ausgetauscht.

Anderen Spielern wie Levan Kenia erging es ähnlich.

Jones: Ja, nicht nur Levan Kenia, und nicht nur ich. Es gab zu der Zeit auch Christian Pander. Der verlängert jetzt seinen Vertrag in Hannover, aber hier wurde er abgeschrieben. Wenn Spieler die eine oder andere Verletzung hinter sich haben, musst du als Trainer bei der Reha auf sie hören, weil sie ihren Körper zwangsläufig besser einschätzen können. Da kannst du nicht die Schiene fahren: Jeder muss das Gleiche machen.

Pander hat aber nicht von Magath keinen neuen Vertrag mehr bekommen, sondern danach von Horst Heldt.

Jones: Wenn Magath besser auf ihn eingegangen wäre, die Belastung mal dosiert hätte, dann hätte er vielleicht eine gute Saison gespielt und von Horst Heldt einen neuen Vertrag bekommen. Zu meiner Zeit in England bei Blackburn Rovers gab es drei Spieler, die teilweise die ganze Woche nicht trainiert haben, aber am Wochenende konnten sie Vollgas geben. Und bei Pander sieht man ja jetzt in Hannover: Mirko Slomka weiß mit ihm umzugehen.