Schalkes Heldt senkte seinen Daumen, als es um Keller ging

Schalkes geschasster Trainer Jens Keller (l) und Sportdirektor Horst Heldt.
Schalkes geschasster Trainer Jens Keller (l) und Sportdirektor Horst Heldt.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Schalke 04 hat Trainer Jens Keller entlassen und Roberto Di Matteo verpflichtet, der mit dem FC Chelsea die Champions League gewann. Am Mittwoch wird er der Mannschaft vorgestellt, ein erstes Training mit dem neuen Coach findet erst am Donnerstag statt.

Gelsenkirchen.. Der Flugplan aus London ist so vielschichtig, dass Roberto di Matteo es sich aussuchen konnte, wann die für ihn beste Maschine nach Deutschland zu nehmen sei: Dienstagabend traf der Italiener schließlich an seinem neuen Arbeitsplatz ein, Mittwoch um 11 Uhr wird er der Mannschaft vorgestellt. Nach einer Teamsitzung haben die Spieler anschließend für den Rest des Tages frei. Ein doch eher ungewöhnlicher Start, den der neue Trainer des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 da hinlegt.

Spielphilosophie Roberto Di Matteo, 44 Jahre alt und von Schalke 04 als Nachfolger von Jens Keller verpflichtet, will sich gewissenhaft vorbereiten. Bevor er Donnerstag das erste Training abhält, möchte er Verein und Gegebenheiten erst kennenlernen. „Andere Trainer“, sagt Schalkes Manager Horst Heldt, „führen direkt nach ihrem Dienstantritt ein Show-Training durch. Roberto Di Matteo will perfekt starten.“ Mit Erzählungen wie diesen will Heldt auch werben für den Mann, der auf Schalke einen Vertrag bis 2017 erhält. So sehr sich die Trennung von Jens Keller abgezeichnet hatte – so unerwartet fiel die Wahl des Nachfolgers auf Roberto Di Matteo, den früheren Trainer des FC Chelsea.

Schon Montagabend freigestellt

Vorgänger Jens Keller hatte Schalke am späten Montagabend „freigestellt“. Weil die Entscheidung über den Trainerrauswurf intern schon gefallen war, wollte Heldt nicht mehr bis zum für den Dienstag anberaumten Gespräch warten: Er rief Keller am Montagabend an und bat um ein Vier-Augen-Gespräch in der Nähe von dessen Wohnort in Köln-Lohmar. Keller trug es „mit Fassung“, berichtete Heldt – doch als sich der Ex-Trainer am Dienstagmittag auf Schalke von seinem bisherigen Assistenten Sven Hübscher verabschiedete, wollten Beobachter Tränen in seinen Augen gesehen haben.

Ausschlaggebend für den Rauswurf war, dass Keller nicht mehr die Überzeugung vermitteln konnte, die Schalker Mannschaft auf Dauer zu konstanten Leistungen anzuleiten. Auch nicht am Sonntag, als der 43-Jährige in der Kabine das 1:2 bei 1899 Hoffenheim aufarbeitete. Heldt war dabei zugegen und berichtete: „Ich habe bei der Analyse in die Gesichter der Spieler geschaut.“ Die folgten nicht mehr den Trainer-Erklärungen und bestärkten Heldt damit in seiner Ansicht: „Wir haben mit Jens Keller in den 22 Monaten vieles erreicht, aber wir haben nie die nötige Stabilität hinbekommen. Wir hatten im Sommer große Hoffnungen, dass wir das nach der starken Rückrunde jetzt dauerhaft schaffen, aber das hat sich erneut nicht bewahrheitet. Fehlende Stabilität war der ausschlaggebende Punkt.“

Kritik aus der Mannschaft

Heldt musste betonen, dass er den Daumen gegen Keller in Absprache mit Vereins-Chef Clemens Tönnies gesenkt habe – von den Spielern hätte er sich lediglich „ein Meinungsbild“ eingeholt. Zuletzt war aber auch versteckte Kritik aus der Mannschaft gekommen. Einer aus dem engsten Zirkel, der die Spieler gut kennt und den Charakter der Mannschaft als „schwierig“ bezeichnet, glaubt, dass die Spieler auf Schalke eine besonders strenge Hand zum Antrieb benötigen: „Bei Thomas Tuchel hätten sich einige umgeguckt.“ Bei Roberto Di Matteo guckt man dagegen erst einmal, wer das überhaupt ist.

Der in Schaffhausen geborene frühere italienische Nationalspieler, der sechs Sprachen spricht und seine Reden in Deutsch halten kann, führte den FC Chelsea im Mai 2012 gegen Bayern München zum Sieg in der Champions League. Er war damals wenige Monate zuvor vom Co- zum Cheftrainer befördert worden und musste wenige Monate später seinen Stuhl bei dem Londoner Klub wieder räumen. Im Frühjahr 2013, als Keller auf Schalke noch als „Übergangstrainer“ galt, kontaktierte ihn Heldt zum ersten Mal.

Erster Kontakt im Frühjahr 2013

Damals konnte sich Schalke wohl nicht zu einer Verpflichtung durchringen – Heldt sagt aber auch, die Entlassung bei Chelsea sei noch zu frisch gewesen. „Der Kontakt ist aber nie abgerissen“, erklärt der Manager nun und zeigt sich „beeindruckt“ von Arbeitsweise von Di Matteo. „Roberto steht für Disziplin und legt Wert auf Organisation. Wir haben die Qualität im Kader, so dass es die Aufgabe sein wird, die Qualität in eine gute Organisation zu bringen.“

Weil er dies Roberto Di Matteo zutraut, setzte sich Heldt noch am Sonntag ins Flugzeug nach London und klärte bis zum Montag dort die Details ab: „Es war schnell klar, dass wir zurecht kommen.“ Dann nutzte er den guten Flugplan und düste zurück in die Heimat.