Schalke und die zwei Seiten der Charakterfrage

Dank an Benedikt Höwedes: Jens Keller war diesmal mit der Mentalität seiner Spieler hoch zufrieden.
Dank an Benedikt Höwedes: Jens Keller war diesmal mit der Mentalität seiner Spieler hoch zufrieden.
Foto: Bongarts/Getty Images
Was wir bereits wissen
Am Samstag angeblich noch „nicht bei Sinnen“ (Horst Heldt), verdienten sich Schalkes Spieler am Dienstag „eine glatte Eins“ (Jens Keller) beim vermeintlichen Charaktertest in Basel. Ein radikaler Gesinnungswechsel, wie er im Fußball nicht unüblich ist. Ein Kommentar von Reinhard Schüssler

Essen.. Das Ergebnis macht den Unterschied. Es bestimmt die Analyse. Gefährlich wird es erst, wenn damit auch die Deutungshoheit über den Charakter der daran Beteiligten beansprucht wird. Dabei sollte eigentlich jedem einleuchten, dass Sieger nicht per se ehrenwerte Menschen und Verlierer nicht zwangsläufig ehrlose Gesellen sind. Auch wenn nicht selten eben dieser Eindruck erweckt wird.

Schalke-Trainer Keller kanzelte einen Fernseh-Reporter ab

Als Jens Keller am Samstag nach dem Schalker Bundesligaspiel in Hoffenheim nach der Mentalität seiner Mannschaft gefragt wurde, kanzelte der sonst eher zurückhaltende Trainer in höchster Erregung einen konsternierten Fernseh-Reporter wegen „der scheiß Mentalitätsfrage“ ab, ließ aber gleichzeitig durchblicken, dass an diesem Tag bei manchen königsblauen Spielern wohl etwas mit „der Birne“ nicht gestimmt haben könnte. Für S04-Sportvorstand Horst Heldt waren gar einige Kicker „nicht bei Sinnen“. Schalke 04 hatte gerade einen komfortablen 3:1-Vorsprung fahrlässig verspielt.

Drei Tage später empfand Keller eine vergleichbare Frage eines TV-Journalisten eher als willkommene Steilvorlage denn als rüdes Foul. Um eine Bewertung seiner Elf in dem zum „Charaktertest“ erhobenen Champions-League-Gruppenspiel in Basel gebeten, verteilte er strahlend „eine glatte Eins“. Sein Team hatte soeben den Schweizer Meister 1:0 besiegt.

Wohlgemerkt, diese Verhaltensweise haben Keller und Schalke 04 nicht exklusiv. Sie gehört zu den üblichen Reflexen in diesem Geschäft.

Deshalb zur Mentalitätsfrage noch ein sachdienlicher Hinweis: Wer über jeden Zweifel erhaben ist, muss sich ihr erst gar nicht stellen. Wer dagegen einen „Charaktertest“ ausrufen muss, hat schon verloren. Darüber nachzudenken, lohnt sich. Nicht nur auf Schalke.