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Schalke sucht nach der richtigen Balance

30.09.2012 | 18:13 Uhr
Schalke sucht nach der richtigen Balance
Nach dem 2:2 bei Fortuna Düsseldorf sprach Schalkes Manager Horst Heldt von einem gefühlten 0:5.Foto: Sascha Schuermann

Düsseldorf/Gelsenkirchen.   „Die zweite Halbzeit war das Schlechteste, was man bisher von uns gesehen hat“, sagte Schalkes Jermaine Jones nach dem enttäuschenden 2:2 bei Fortuna Düsseldorf. „Positiv ist, dass du das Spiel abhaken wirst und schnell weitermachst.“ Am Mittwoch kommt Montpellier HSC zur Champions-League-Partie.

Am Morgen danach ging es darum, eine Mitte zu finden. Schalkes Spieler konnten, sollten, durften nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen nach diesem 2:2 in Düsseldorf, das Manager Horst Heldt treffend als ein „gefühltes 0:5“ beschrieben hatte. Selbstkritik war angebracht, Selbstzerfleischung nicht. Und Schönreden ging schon gar nicht. Jeder hatte gesehen, was da in der zweiten Halbzeit passiert war, und dafür konnte es vielleicht Erklärungen geben, aber keine Entschuldigungen.

Kapitän Höwedes fand am Freitagabend alles gar nicht so schlimm

Benedikt Höwedes bekam den Spagat am Samstagvormittag nach der Krisensitzung und dem Auslaufen akzeptabel hin. Mit Verspätung, denn am Freitagabend hatte er noch alles gar nicht so schlimm gefunden. „Das war ein bitterer Rückschlag“, sagte der Kapitän nun nach der Aussprache. „Eine bittere Erfahrung, denn wir haben wichtige Punkte abgegeben. Wir haben immer betont, dass wir eine junge Mannschaft haben, die dazulernen kann und muss, und natürlich lernt man aus solchen Situationen. Aber man wünscht sich doch, dass man schon weiter ist und solche Fehler nicht macht.“

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Schalke rechnet nach der Blamage von Düsseldorf ab
Schalke rechnet nach der Blamage von Düsseldorf ab

Das Training am Morgen nach einem Bundesligaspiel dient gewöhnlich der Regeneration. Lockeres Auslaufen, ein bisschen Körperpflege, danach Freizeit. Auf Schalke aber erlebten die Profis einen anstrengenden Samstagmorgen – schon bevor sie den Platz betraten. Eine Dreiviertelstunde lang wurde in der Kabine die Blamage vom Freitagabend aufgearbeitet. Schalke hatte beim Aufsteiger Fortuna Düsseldorf 2:2 verloren – anders ließ sich dieses am Ende sogar noch glückliche Unentschieden nach einer nur scheinbar souveränen 2:0-Pausenführung nicht werten. Schon in den Düsseldorfer Arena-Gängen hatte Manager Horst Heldt angekündigt, dass er am nächsten Morgen der Erste sein werde, der vor der Mannschaft das Wort ergreifen werde. Er machte seine Ankündigung wahr – und diese Krisensitzung war wirklich nötig.

Heldt wollte nicht von Arroganz reden

„Ich habe so etwas noch nie erlebt“, bekräftigte Heldt. „Das tat mehr weh als die klare Niederlage gegen die Bayern. Der Gegner lag schon am Boden, und wir haben das Spiel trotzdem noch hergeschenkt. Ich lobe die Düsseldorfer mit jeder Silbe: Aber Fortuna brauchte unsere Vorgehensweise einfach nur auszunutzen. Dass dieses Spiel noch kippen konnte, ist einfach unfassbar. Und es wirft ganz viele Fragen auf.“

Die Fragen beginnen alle mit demselben Wort: Warum war bei allen Schalkern nach der ersten Halbzeit ein dermaßen krasser Leistungsabfall festzustellen? Warum wurden Angriffe plötzlich lässig und nicht konsequent abgeschlossen? Warum fing ein Mittelfeld, das vorher die Räume perfekt zugestellt hatte, keine Pässe mehr ab? Warum geriet eine Abwehr gegen einen Gegner, der meistens durchschaubar mit langen Bällen im Tempo über die Flügel kam, dermaßen ins Schwimmen? Warum nahmen die Schalker keine Zweikämpfe mehr an?

Von Arroganz wollte Horst Heldt nicht reden, der Begriff ging ihm zu weit. „Aber es liegt nahe, dass man es so empfindet“, sagte er dann doch. Als Ibrahim Afellay, Lewis Holtby und vor allem Klaas-Jan Huntelaar ihre Top-Chancen in der zweiten Halbzeit auf unterschiedliche Weise leichtfertig verspielt hatten, dachten die Schalker vermutlich immer noch: Irgendwann wird schon einer reingehen, das bekommen wir noch hin.

Fatale Fehleinschätzung

Den Düsseldorfer Anschlusstreffer direkt nach der Halbzeit hatten sie offensichtlich wie einen kleinen Betriebsunfall eingeschätzt, wie eine leichte Panne, die sich schon irgendwie beheben lassen würde. Und diese Haltung, diese fatale Fehleinschätzung verbreitete sich im Team wie ein Virus. Einer steckte den anderen an.

Trainer Huub Stevens nimmt seine Mannschaft oft in Schutz und erklärt Leistungsschwankungen meistens mit fehlender Erfahrung der vielen jungen Spieler. Diesmal verzichtete er darauf, denn auch die routinierten Profis hatten ihn schwer enttäuscht. „Ich war mit der ganzen Mannschaft in der zweiten Halbzeit nicht zufrieden“, betonte er. „Ich bin fassungslos, wie wir nach der Pause aufgetreten sind.“ Selbst der sonst unantastbare Huntelaar blieb von Stevens nicht verschont und wurde ausgewechselt. „Wenn er denkt, dass das besser ist, dann muss er das so machen“, knurrte der „Hunter“.

Die Spieler werden einiges tun müssen, um ihren Trainer wieder auf ihre Seite zu ziehen, es wird diesmal nicht reichen, Besserung zu versprechen. Schon am Mittwoch geht es in der Champions League gegen den französischen Überraschungsmeister Montpellier HSC (20.45 Uhr, live im DerWesten-Ticker) weiter, deshalb muss der Mief der schlechten Stimmung auch schnell wieder aus der Schalker Kabine vertrieben werden. Auch zu diesem Zweck bemühte sich Horst Heldt, nach der Enttäuschung von Düsseldorf Geschlossenheit zu demonstrieren: „In der zweiten Halbzeit haben alle versagt. Auch ich, auch mein Assistent – bis hin zum Busfahrer.“

Das alles klang zwar nicht hart, aber eben auch nicht nach Ausreden. Höwedes gab auch ehrlich zu: „So ein Spiel muss man einfach klar gewinnen, vor allem, wenn man solche Ansprüche hat wie wir.“

Direkt nach der Partie in Düsseldorf hatte sich das noch anders angehört. „Ich finde nicht, dass wir in der zweiten Halbzeit ein schlechtes Spiel gemacht haben“, hatte Höwedes gesagt und sogar gefunden: „Wir haben ein tolles Spiel gemacht, wir haben nur leider in den entscheidenden Phasen falsche Entscheidungen getroffen.“ Er meinte vor allem vor dem gegnerischen Tor, denn das Team habe beste Möglichkeiten „kläglich“ vergeben.

Fortuna Düsseldorf suchte seine Chance mit einfachen Mitteln

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Heldt gegen Höwedes - Schalker in Spielanalyse nicht einig
Heldt gegen Höwedes - Schalker in Spielanalyse nicht einig

Es gab natürlich nur ein Lied, das die Stadionregie des Aufsteigers Fortuna Düsseldorf unmittelbar nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Peter Gagelmann spielen konnte. 50 000 Fortuna-Fans brüllten nach dem 2:2 gegen den FC Schalke 04 "An Tagen wie diiiiiiiiiiiiesen" von der Düsseldorfer Band "Die Toten Hosen", schunkelten vor Glück, und sangen weiter: "Wünscht man sich Unendlichkeit. An Tagen wie diiiiiiiiiesen, haben wir noch eeeewig Zeit."

In der Schalker Kabine schunkelte keiner.

Julian Draxler hatte nicht einmal Zeit. In der 79. Minute kam er ins Spiel, das 2:2 war gerade gefallen. Tranquillo Barnetta spielte auf Draxlers linker Seite, und das nicht gut. Trotzdem kam Schalkes Supertalent erst spät in die Partie. Das fand er ziemlich blöd. Er zog sich in Rekordgeschwindigkeit um und joggte durch die Mixed Zone, als die Düsseldorfer gerade vom Rasen in den Kabinengang trotteten. Ohne irgendjemanden anzusehen. Draxlers Teamkollegen blieben unendlich lang in der Kabine, fingen an, "das Spiel untereinander zu analysieren", wie Tranquillo Barnetta hinterher sagte. "Das fühlt sich an wie eine 0:5-Niederlage", sagte Manager Horst Heldt.

Der drosch so deutlich auf die Mannschaft ein wie selten zuvor und hätte sich bei dieser miesen Laune einen Boxsack gewünscht. "Das ist einfach sehr, sehr enttäuschend. Alles unerklärlich. Das tut mehr weh als eine klare Niederlage gegen Bayern", sagte Heldt. Doch nicht nur das. "Wir haben alle insgesamt in der zweiten Halbzeit schlecht agiert, da kann man keinen rausnehmen, sowohl vorne als auch hinten. Es war bei dem einen oder anderen nicht mehr die intensive Laufbereitschaft vorhanden, die man in der ersten Halbzeit gesehen hat." Trainer Huub Stevens gab sich "fassungslos" und sagte außerhalb der vorgeschriebenen Interviews alle weiteren Gespräche ab. "Ich will nicht viel sagen", erklärte Stevens. "Das sollen die Spieler tun."

Aussprache am Samstag vor dem Training

Das machten sie - und auch Kapitän Benedikt Höwedes. Dessen Spielanalyse hört sich ganz, ganz anders an; vor allem als die von Horst Heldt. "Ich finde nicht, dass wir in der zweiten Halbzeit ein schlechtes Spiel gemacht haben", sagte Höwedes und ergänzte: "Wir haben ein tolles Spiel gemacht, wir haben nur leider in den entscheidenden Phasen falsche Entscheidungen getroffen." Höwedes bemängelte lediglich, dass seine Mitspieler dickste Möglichkeiten "kläglich" vergeben hätten.

Es gibt trotz des guten Starts mit elf Punkten aus sechs Spielen viel zu besprechen bei den Schalkern. Schon am Samstag fangen sie um 10 Uhr an. Zuerst reden wird Manager Horst Heldt: "Wir sollten uns alle mal die Meinung sagen. Das werden wir machen, und dann werde ich mal, glaube ich, anfangen und dann werden wir die zweite Halbzeit miteinander besprechen."

Mal schauen, ob Benedikt Höwedes widerspricht.

Wenn es allein das gewesen wäre. Auch die Defensive war völlig unstrukturiert, als Fortuna Düsseldorf mit einfachen Mitteln seine Chance suchte. Die Stärke dieses Gegners bestand vor allem darin, alles in die Waagschale zu werfen, was an Physis und Leidenschaft möglich war. Spielerisch waren die Schalker den Düsseldorfern in der ersten Hälfte so überlegen, dass sie daraus sogar einen hohen Auswärtssieg hätten machen müssen. Nach dem frühen ersten Tor durch Klaas-Jan Huntelaar und dem 2:0 durch Joel Matip verlief die Partie so einseitig, dass Horst Heldt sie mit einem „Pokalspiel gegen einen Achtligisten“ verglich. „Noch nie“, sagte der Manager, „habe ich eine Auswärtsmannschaft gesehen, die so deutlich dominiert.“ Und diese Mannschaft musste dann am Ende zittern, bevor sie wenigstens noch einen Punkt über die Runden rettete.

Die Lehre aus diesem Spiel? Schalke hat weiterhin eine extrem instabile Mannschaft und ist gut beraten, sich selbst nicht zu stark einzuschätzen. Jermaine Jones zog das richtige Fazit: „Die zweite Halbzeit war das Schlechteste, was man bisher von uns gesehen hat. Positiv ist, dass du das Spiel abhaken wirst und schnell weitermachst.“

Es geht ja Schlag auf Schlag weiter, am Mittwoch stellt sich Montpellier zum Champions-League-Spiel in der Arena vor (20.45 Uhr, live im DerWesten-Ticker). „Das Spiel von Düsseldorf können wir da nicht wieder gutmachen“, meinte Tranquillo Barnetta, „aber wir können eine Reaktion zeigen.“ Die ist in der Tat nötig, denn eine Schalker Mannschaft darf alles sein: nur nicht überheblich.

Peter Müller

Kommentare
01.10.2012
18:04
Schalke sucht nach der richtigen Balance
von zornigerwilli | #9

Zur Überheblichkeit trägt auch ein dermaßen intelligentes Publikum bei, das auf Schalke in der Nordkurve einen Manuel Neuer auspfeift.
Darüber sollte...
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2012-09-30 18:13
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