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Schluss mit "lieber Herr Lugi"

29.06.2009 | 18:16 Uhr
Schluss mit "lieber Herr Lugi"

Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebten Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Teil vier: der erste Auswärtssieg und das Winter-Trainingslager.

Auswärtssieg bei 1860 - Die Emanzipation von Bruns vollzieht sich

Der Trainer ist wieder lockerer drauf. Es war zwar Konsens, den Coach auch nach fünf weiteren Niederlagen nicht infrage zu stellen – doch Luginger hat dem Braten nicht getraut. Im rechten Moment kann er sich auf die Mitwirkenden verlassen. Der Präsident bleibt bei der vereinbarten Linie, verbreitet offensiv die Botschaft: "Ich kenne immer 20 bessere Maßnahmen, als den Trainer zu entlassen." Die Geduld zahlt sich aus: Das Training ist intensiver als zu Bruns’ Zeiten. Noch unterschiedlicher ist, wie sich die beiden am Spielfeldrand verhalten. Während Bruns bereits auf dem Trainerstuhl für die Buddha.

Die RWO-Macher: Hans-Günter Bruns (l.) und Jürgen Luginger. (Foto: imago)

Nachfolge trainierte, verändert sich das Coaching von Luginger: In den ersten Spielen lässt er die Nackenschläge fast regungslos über sich ergehen. "Möglicherweise hat er sich in dieser Phase zu sehr an mir orientiert", sagt Bruns später. Die Trainerwerdung ist im Spiel gegen den FC Augsburg zu beobachten. Luginger entscheidet an diesem Abend, dass er von außen mehr eingreifen muss, weil seine unerfahrene Mannschaft mehr Hilfestellung braucht. Er will das nach außen sichtbar machen. Mitten in der zweiten Halbzeit tritt er einen "Taxofit"-Koffer um, der vom Masseur lachend wieder aufgehoben wird.

Monotonie & Trainingsalltag - Winterpause: Trainingslager im Hotel "Alfamar" in Albufeira / Portugal

Sonst sorgt Thomas Dietz stets mit harter Hand dafür, dass niemand, der dort nichts zu suchen hat, mit im Mannschaftshotel nächtigt. "Wir sind ja keine Schaustellertruppe", sagt der Sportvorstand, "nachher haben wir den halben Aufsichtsrat und die Sponsoren mit an Bord." Während in der Punkteserie abgeschottet wird, demonstriert der Klub im Trainingslager aber ungewöhnliche Basisnähe. Nicht nur der Pressesprecher ist mit dabei, auch die Fans wohnen im selben Hotel wie die Spieler: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das bei anderen Profimannschaften gibt", sagt Kaya.

Das Titelbild der aktuellen "11 Freunde".

In den acht Tagen des Trainingslagers in Portugal hat die gute, alte Liegestütze Hochkonjunktur, auch 29 Springseile werden großzügig eingesetzt. Morgens beginnt alles mit einem Strandlauf, an Vor- und Nachmittag folgt jeweils eine längere Trainingseinheit, abends stehen Massage und Pflege auf dem Programm, wahlweise an der Bar oder an der Playstation. Und so geht es jeden Tag.

Die Spieler laufen ungeniert mit Stollenschuhen – oder auch mal nackt – durch die sterilen Hotelflure. Während Novize Moritz Stoppelkamp rituell in den Hotelpool gestoßen wird, liegt Benny Reichert auf der Massageliege mit Meerblick und träumt bereits vom idealen Saisonabschluss. Er sagt: "Dann geht’s nach Malle, schön am Strand rumliegen und Schampus trinken!" Die ersten Buchungen werden schon in diesen Tagen getätigt. Pappas ist Kassenwart, Kaya bucht die Flüge, Tim Reichert blockt die Zimmer. Doch letztendlich ist es wie überall: Längst nicht alle wissen, gegen wen das erste Testspiel steigt, dabei hätte ein Blick auf die RWO-Homepage genügt. Lüttmann bedient sich abends zuvor am Büffet und fragt überrascht: "Was, wir haben morgen ein Spiel, gegen wen denn?" Je länger das Trainingslager dauert, desto größer werden die Beschwerden über das Essen. Zeugwart Gert Landers spricht längst von der "Kaserne Alfamar". Terranova telefoniert nur einmal am Tag mit seiner Frau. "Man hat sich ja eh nichts zu sagen, ist hier halt doch nur auf dem Trainingsplatz." Sören Pirson, die neue Nummer eins, muss seine Freundin am Telefon sogar fragen, was für ein Wochentag eigentlich gerade sei. Einer der jüngeren Spieler sitzt abends in seinem Hotelzimmer, chattet über ein Flirt-Portal mit einer unbekannten Schönheit und verabredet sich mit ihr für nach dem Trainingslager – nicht allein zum Händchenhalten. Nach acht Tagen voller Training und Tristesse gibt es keinen, der sich nicht auf die Heimkehr freut. Fußballprofi mag ein Traumberuf sein, im Trainingslager ist er es nicht.

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