Aachen gegen Essen – oder die Strahlkraft der Tradition

Tausende begleiten RWE nach Aachen. Das Hinspiel in Essen endete 1:1.
Tausende begleiten RWE nach Aachen. Das Hinspiel in Essen endete 1:1.
Foto: Michael Gohl / WAZ FotoPool
In der Regionalliga gibt es Samstag einen neuen Zuschauerrekord: 30.313 Zuschauer lassen sich den Klassiker zwischen Alemannia und RWE nicht entgehen.

Essen.. Fußball-Tradition braucht keine Liga: Wer sich davon ein Bild machen möchte, sollte sich am Samstag auf den Weg nach Aachen machen. Oder besser nicht. Die Idee haben schon andere: Die Jahres-Auftaktparty der Regionalliga West, Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen (14 Uhr, live in unserem Ticker), ist seit Wochen ausverkauft, „nur“ 30 313 Zuschauer werden aus Sicherheitsgründen auf den neuen Tivoli gelassen, wenn der Zweite auf den Ersten trifft, oder umgekehrt, je nachdem, ob man den Punktverlust von RWE durch den Dopingfall Soukou schon in der Tabelle eingerechnet hat.

Die für Viertliga-Verhältnisse ungewöhnliche Kulisse hat auch die Verantwortlichen beim WDR aufgeschreckt, sie berichten in einer Sondersendung live aus der Kaiserstadt, Sportchef Steffen Simon höchstselbst gibt sich zur Reportage die Ehre. Das alles geschieht nicht aus dem öffentlich-rechtlichen (Fußball-)Bildungsauftrag, sondern ist purer Eigennutz: „Ich bin mir sicher, dass der WDR mit dieser Übertragung eine höhere Quote erzielt als mit so mancher Bundesligapartie“, weiß RWE-Vorsitzender Michael Welling, seit kurzem Professor im Sport- und Eventmanagement. Der Mann weiß, wovon er spricht.

Die schwierige Vergangenheit

Rot-Weiss Essen Aachen und Essen verbinden verblüffende Parallelen: Beiden Vereinen klebt eine ruhmreiche Vergangenheit an den Schussstiefeln, die nicht immer von Vorteil ist. Beide mussten den letzten Ausweg in die Insolvenz nehmen, bei der Alemannia ist es erst 2013 gewesen, dafür ging es bei den Rot-Weissen 2010 noch eine Etage tiefer. Beide haben unkaputtbare Anhängerschaften, beide neue schmucke Fußballstadien, in denen man nach höheren Aufgaben lechzt. Darum haben beide Klubs in der Winterpause mit profierfahrenem Personal nachgelegt, um das „Nadelöhr“ der Regionalliga Richtung bezahlten Fußball verlassen zu können. Aus dieser Gemengelage, verbunden mit der Tabellenkonstellation und dem Entzug bei den Fans, dass es endlich wieder ernst wird, resultiert das Interesse.

Man muss die Feste in der Vierten Liga feiern, wie sie fallen, und versilbern, wo es geht. So haben die Essener Gäste es bei ihren Hauptsponsoren geschafft, die Trikotbrust für die eine Partie blank zu bekommen, um sie postwendend extra vermarkten zu können: Für eine kleine fünfstellige Summe wirbt nun ein Großhändler für Badezimmerträume.

Aber auch die Alemannia zeigt Geschäftstüchtigkeit: Für diese Partie, die mit 30 313 Zuschauern einen Top-Wert für Regionalliga-Verhältnisse aufstellt, haben sie am Tivoli flugs ein Sonder-T-Shirt mit dem Aufdruck „Regionalligazuschauerrekordbrecher“ auf den Markt geworfen, was sicherlich reißenden Absatz findet und kaum auf die Vorderseite passt.

„Null Eventfans“

Kein Wunder, dass Marketing-Fachmann Michael Welling frohlockt: „Das Spiel zeigt die Kraft der Marke. Da müssen einige kommerzielle Marken noch etliche Millionen in die Fußball-Abteilung pumpen, um eine Strahlkraft zu erreichen, wie sie die Traditionsvereine besitzen.“

Nur schade, dass das mit dem T-Shirt auf der anderen Seite passiert, auch wenn Welling behauptet: „Wir hätten so etwas nicht gemacht, wir sind an große Zuschauerzahlen gewöhnt. Bei uns kommen regelmäßig Zehntausend – und null Eventfans.“