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Bela Rethy kann Freundschaft zu BVB-Trainer Klopp beim Champions-League-Finale ausblenden

Bela Rethy kann Freundschaft zu BVB-Trainer Klopp ausblenden

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Das Champions-League-Finale wird auch bei den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt und die Mainzer schicken Routinier Bela Rethy ans Mikrofon. Im Interview spricht der ZDF-Kommentator über seinen Kollegen Marcel Reif, seinen Freund Jürgen Klopp und Kritiker im Internet.

Essen. 

Herr Rethy, ein Zitat von Ihnen lautet: „Ich bin seit vielen, vielen Jahren mit Jürgen Klopp befreundet“.

Bela Rethy: Befreundet ist vielleicht etwas übertrieben. Wir haben seit vielen Jahren guten Kontakt, der schon damals in Mainz entstanden ist. Aber Jürgen differenziert sehr zwischen Privatleben und Beruf.

Wirkt sich das auf das Finale aus?

Rethy: Ich werde als Journalist von ihm in keiner Weise bevorzugt behandelt, was Informationen angeht. Da kann er sehr gut trennen. In diesem Fall ist er einfach nur der Trainer des BVB und ich bin Reporter beim ZDF. Das kann ich komplett ausschalten.

Ihr Kollegen Marcel Reif, der das Spiel für Sky kommentiert, hat verraten, wem er den Titel gönnt…

Rethy: Nein, das kann ich Ihnen nicht beantworten. Nicht, weil ich es nicht will, sondern weil ich es nicht kann. Wenn ich mir beide Protagonisten anschaue und bei den Trainern anfange, dann muss man es beiden gönnen.

Erklären Sie mal.

Rethy: Jupp Heynckes zum Ende seiner Trainerkarriere mit 68 Jahren und den Bayern nach den großen Niederlagen gegen Inter Mailand und Chelsea auf der einen Seite. Auf der anderen Seite Borussia Dortmund, die aus den Erfahrungen der vergangenen Europapokalteilnahmen so viel mitgenommen haben, dass sie es jetzt bis ins Finale geschafft haben – das muss man auch einfach honorieren und ein großes Kompliment aussprechen. Ich könnte mich nicht entscheiden, für wen ich mehr sein sollte.

Seit 1992 arbeiten Sie als Live-Fußballkommentator. Welchen Stellenwert hat dieses deutsche Finale in Wembley in Ihrer Karriere?

Rethy: Das Finale hat einen sehr hohen Stellenwert für mich. Es ist das erste deutsche Finale in der Champions League, nur im Uefa-Pokal gab es das schon mal, damals auch mit dem unterlegenen Jupp Heynckes als Gladbach-Trainer gegen Eintracht Frankfurt.

Da waren Sie aber nicht dabei, oder?

Rethy: Nein, aber beim ersten Finale dieses Champions-League-Wettbewerbs habe ich damals, 1993, mit Marcel Reif zusammengearbeitet. Es war das Spiel AC Milan gegen Olympique Marseille und ich habe Rudi Völler am Spielfeldrand interviewt.

Sie sagten mal, Sie „wurden an dessen Brust genährt“, und meinten Reif. War er also ein Vorbild für Sie?

Rethy: Es gab zwei Vorbilder. Ich habe angefangen mit dem Kollegen Rolf Kramer, der viele Endspiele kommentiert hat und bei dem ich gelegentlich assistiert habe. Und natürlich auch bei Marcel. Er war mit seiner Art zu denken, zu sprechen und den Fußball zu lesen schon ein Vorbild für mich. Inzwischen ist das so, dass man nicht mehr in Vorbildern denkt. Dazu ist man zu emanzipiert. Aber ich halte ihn natürlich immer noch für einen sehr guten Kommentator.

Jetzt kommentieren Sie beide das größte Fußballereignis in diesem Jahr parallel. Hören Sie sich irgendwann den Kommentar von dem Kollegen an?

Rethy: Ich weiß nicht, wann ich Marcel das letzte Mal gehört habe. Wir sind beide so viel unterwegs. Ich höre mir meine Spiele auch nicht an. Es ist ein Tagesgeschäft, in dem immer nur die nächste Aufgabe zählt.

Sie gelten im Vergleich zu anderen Kollegen als nüchterner, eher sachlicher Fußballkritiker– was ist Ihre Marke?

Rethy: Ich gehe nicht bei jeder Szene direkt aus dem Sattel. Ich kann schon emotional sein, aber man muss nicht ab der ersten Minute auf der nach oben offenen Richterskala den Anschlag suchen. Das mache ich punktuell nach Notwendigkeit – entsprechend der Dramaturgie. Ich nenne das emotionale Sachlichkeit oder sachliche Emotionalität.

Emotionale Sachlichkeit oder aus dem Sattel gehen – was erwarten Sie von dem Endspiel?

Rethy: In erster Linie erwarte ich ein großartiges Fußballspiel. Wir haben zwei Mannschaften, die auf absolutem Toplevel spielen. Seit dem Abpfiff des zweiten Halbfinals in der Königsklasse gibt es fast kein anderes Thema in Fußball-Deutschland. Beide Vereine strahlen unglaubliches Selbstvertrauen aus und ich freue mich auf ein qualitativ ganz hochwertiges Fußballspiel.

Aber es wird für Sie nicht einfach…

Rethy: Das Problem wird sein, dass es so ein deutsches Finale noch nie gab – klammern wir mal das Uefa-Cup-Finale zwischen Gladbach und Frankfurt aus. Man darf gespannt sein, wie die Zuschauer die Emotionen des Reporters interpretieren werden. Natürlich muss man bei einem Tor die Stimme erheben. Und egal, wer den Treffer erzielt, die Fans der anderen Mannschaft werden einem wahrscheinlich Parteilichkeit unterstellen. Und umgekehrt.

Und auf dem Platz?

Rethy: Es wird ein sehr hartes und intensives Spiel und auf dem Platz werden richtig die Fetzen fliegen.

Man kennt Sie nicht als einen Kommentator, der Karten fordert.

Rethy: Nein, ich fordere keine Karten. Ich bin ein Freund davon, das Spiel weiterlaufen zu lassen. Natürlich müssen eklatante Fouls geahndet werden und dann muss man es fordern. Grundsätzlich bin ich kein Freund von ständigen Verpfiffereien und dauernden Unterbrechungen. Aber die Top-Schiedsrichter entwickeln sehr schnell ein Gespür für die Härte einer Partie.

Niederlage wäre laut Rethy für die Bayern schmerzhafter 

Gibt es einen Favoriten aus Ihrer Sicht?

Rethy: Formal gesehen, gibt es einen Favoriten. Das ist der FC Bayern. Damit ist der BVB aber offensichtlich sehr zufrieden, Trainer Klopp hat seine Team am vergangenen Mittwoch mit der 1954er Mannschaft von Sepp Herberger verglichen.

Der Mannschaft, die Ungarn überraschend schlug?

Rethy: Sollte die Borussia das Finale gewinnen, wäre das offensichtlich für Klopp so wie das „Wunder von Bern“. Damit stilisiert sich Dortmund zum klaren Außenseiter, so wie Deutschland damals. Aus dieser Situation geht der BVB das Spiel an. Bayern muss vom Selbstverständnis her gewinnen und Dortmund kann gewinnen.

Wie sehr stören die Meldungen um Mario Götze, seinen Wechsel und seine Verletzungen?

Rethy: In dem Moment, wenn diese Partie beginnt, auf die alle jetzt so lange gewartet haben, spielen diese Geschichten überhaupt keine Rolle mehr. Der BVB ist sehr stark bemüht, dass Götze noch rechtzeitig fit wird. Und sollte er wirklich einsatzfähig sein, gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass er spielen wird.

Wäre es für ihn besser, wenn der FC Bayern gewinnen oder verlieren würde?

Rethy: Anders: Für Götze wäre es doch ganz schön, sich als Champions-League-Sieger zu verabschieden und zum möglichen Double-Gewinner zu wechseln. Wenn Wembley vibriert und 90.000 Zuschauer einen festlichen und feierlichen Rahmen bilden, dann spielen alle Nebengeräusche, die vor dem 25. Mai laufen zu hören sind, überhaupt keine Rolle mehr.

Auch nicht die Nebengeräusche, die Uli Hoeneß betreffen?

Rethy: Das muss man ganz klar trennen. Uli Hoeneß ist der Architekt des FC Bayern, der ohne ihn in der jetzigen Form undenkbar wäre. Punkt. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist ein privates Vergehen und durch die Selbstanzeige ein dokumentierter Strafbestand. Mehr Details und Fakten kenne ich nicht und deshalb möchte ich mich nicht weiter dazu äußern.

Kann diese „Hoeneß-Affäre“ der Grund sein, warum die obligatorischen Giftpfeile und der verbale Schlagabtausch bislang ausbleiben?

Rethy: Erfrischend, oder? Mir gefällt das sehr gut, denn das zeugt von guter Erziehung und gegenseitigem Respekt. Diese aufgeblasenen Kampfansagen von früher waren doch eh nur Show. Hinter den Kulissen haben sie das doch eigentlich gar nicht so gemeint.

Es sei denn, Matthias Sammer und Klopp geraten im Spiel aneinander…

Rethy: Nach dem letzten Aufeinandertreffen in der Bundesliga und dieser Situation, die sie ansprechen, dachten alle, jetzt geht es wieder los. Aber die Verantwortlichen, auch Reinhard Rauball und Karl-Heinz Rummenigge, haben das später sehr respektvoll relativiert. Man wollte dort gezielt Gift raus nehmen und das freut mich. Mit Fußball hat das nämlich nichts mehr zu tun. Emotionen wird dieses Spiel genug bieten. Auf die Hahnenkämpfe kann man gut verzichten.

Kommen wir noch mal auf Götze zu sprechen. Fußballromantisch wäre es doch, wenn er das entscheidende Tor erzielt.

Rethy: Da steckt natürlich sehr viel Fußballromantik drin. Wir würden uns alle zurückerinnern an das Pokalfinale zwischen Gladbach und Bayern mit dem verschossenen Matthäus-Elfmeter. Übrigens war auch da Jupp Heynckes beteiligt, oder?

Ja, und ein schon vollzogener Vereinswechsel.

Rethy: Es war schon bekannt, dass Lothar Matthäus von der Borussia nach München wechselt und er schoss im Elfmeterschießen über das Tor. Was die Fußballromantik angeht, bin ich sehr auf Seite der Seele und Emotion.

Bei einem Trauma schwingen enorm negative Emotionen mit.

Rethy: Für die Bayern wäre es ein Trauma, wenn sie das Champions-League-Finale erneut verlören. Mit einem Sieg gegen Stuttgart ist man dann zwar Double-Sieger. Aber das sind sie sehr häufig und das sind die Bayern gewohnt. Es wäre nichts Besonderes und die Bayern wollen das Besondere.

Noch steht das nicht fest – wie würdigen Sie den Verlierer?

Rethy: Bei einer Niederlage des FC Bayern müsste man einen größeren Bogen schlagen und versuchen dieses sportliche Drama, was es ja dann ist, in Worte zu fassen. Die Schmerzen würden in München wahrscheinlich viel länger anhalten, als beim immer noch Überraschungsfinalisten Borussia Dortmund. Die Enttäuschung wäre an diesem Abend sicherlich für beide Mannschaft in dem Moment schmerzhaft. Die Nachhaltigere wäre bei den Bayern.

Rethy lässt sich in London von den Fans inspirieren 

In Summe haben Sie mit Turnieren und internationalen Wettbewerben 15 Endspiele kommentiert – so viel Routine, wie bereiten Sie sich vor?

Rethy: Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich das machen werde. Es ist doch über beide Mannschaften alles bekannt. Die Zuschauer und Fans wissen alles, ich weiß alles – das einzige, was offen ist, ist das Endergebnis. Ich lasse mich da, glaube ich, einfach von der emotionalen Atmosphäre in Wembley leiten.

Für die Engländer wird die Atmosphäre, sagen wir, auch interessant.

Rethy: Ausgerechnet zum 150. Geburtstag des englischen Verbands kommen zwei deutsche Teams als Ehrengäste nach London. Das birgt schon eine gewisse Pikanterie. Und das dann auch noch ausgerechnet im Wembley-Stadion, dem Stadion, welches eh eine deutsche Geschichte mitgeschrieben hat, wenn man mal an 1966 oder 1996 denkt. Wembley und der deutsche Fußball, das gehört irgendwie zusammen. Am Samstag wird wieder Geschichte geschrieben.

Welche Geschichten bereiten Sie vor?

Rethy: Natürlich werde ich die aktuellen Themen um die Personalsituation und Taktik vorbereiten, aber ansonsten werde ich wohl sehr wenig Papier brauchen. Soll ich erzählen, dass Lewandowski viele Tore geschossen hat und das Robben Holländer ist? Ich will versuchen, dass ich die Atmosphäre transportiere und achte dann natürlich auch besonders auf die Körpersprache der Akteure. Ich lasse mich inspirieren vom Augenblick.

Wie verläuft für Sie der Tag des Endspiels?

Rethy: Normalerweise bin am Spieltag fertig mit meiner Vorbereitung auf die Begegnung. Für mich geht es da eher ums Abschalten und darum, mal ein, zwei Stunden nicht an Fußball zu denken. Ich werde ein bisschen durch London schlendern, einen Kaffee trinken, Zeitung lesen und die Atmosphäre aufsaugen. Denn dabei kann man als Kommentator auch Dinge mit in die Reportage nehmen. Tief einatmen und möglichst authentisch schildern, was sich in London abspielt. Und vier Stunden vor Spielbeginn fahre ich dann ins Stadion.

Wie groß ist das Lampenfieber vor so einem Endspiel trotz Ihrer Erfahrung?

Rethy: Ich bin dann positiv angespannt. Das sind immer noch besondere Tage und besondere Momente. Vielleicht ist es vergleichbar mit dem Lampenfieber der Akteure auf dem Platz: Es ist schon ein Unterschied, ob man in der zweiten Runde des DFB-Pokals auf dem Dorf oder in Wembley beim Champions-League-Finale einläuft. Es ist ein besonderer, ein feierlicher Moment.

Was ist der Worst-Case eines Kommentators bei so einem Endspiel?

Rethy: Eine Spielunterbrechung wegen Hagels, wie ich sie bei der Europameisterschaft in Donezk erlebt habe, wäre schlimm, oder ein Stromausfall, den ich Basel erlebt habe. Ich möchte jetzt aber nicht als Seuchenvogel dargestellt werden. Ich glaube, ich habe alle meine Patronen in diese Richtung schon abgeschossen.

Können Sie sich erklären, warum fast alle Fußball-Kommentatoren so polarisieren?

Rethy: Das haben sie immer schon getan. Nur ist der Weg zur Kritik heutzutage ein Kürzerer. Man klickt auf einen Knopf und kann ganz spontan seine Befindlichkeit zum Ausdruck bringen. Früher hätte man sich umständlich mit der Zentrale verbinden lassen oder einen Brief schreiben müssen.

Also war es immer so?

Rethy: Alle Fußballreporter haben immer stark polarisiert. Übrigens ist es interessanterweise so, dass zum sehr großen Teil nur das Negative geschrieben wird, vergleichsweise selten wird gelobt. Ich bin kein Demoskop, aber ich glaube, dass diese Kritiken nicht repräsentativ sind. Die schweigende Mehrheit hält sich zurück – das kann ich aber nicht beweisen.

Wie gehen Sie mit Kritik um – mit der persönlichen und der im Internet?

Rethy: Gut, dass sie das persönlich ansprechen. Persönlich hat mir in 21 Live-Jahren noch kein Mensch seine Kritik gesagt. Ich würde ja gerne auf die Kritik eingehen, aber sie ist für mich zum Beispiel im Internet nicht verwertbar. Sagt man mir, das war nicht gut, weil A, B, C, dann würde ich mir das sehr gerne durchlesen und daraus lernen. Aus einer Beleidigung kann ich aber nichts Gehaltvolles extrahieren. Ich freue mich über sachliche und respektvolle Kritik, Beleidigungen entlarven sich von alleine.

Reif hätte sich den 1. FC Kaiserlautern im Finale der Königsklasse gewünscht – wen hätten Sie gerne sehen?

Rethy: Meine Schüler- und Studentenzeit haben ich im G-Block des Waldstadions verbracht. In der großen Zeit von Gabrowski und Bernd Hölzenbein, Bernd Nickel. Deshalb habe ich eine gewisse Verbindung zur Frankfurter Eintracht und freue ich mich, dass sie die Europa League erreicht haben. Auf der anderen Seite habe ich Klopp in Mainz kennengelernt und den Weg vom FSV verfolgt. Die Vision, die vor 20 Jahren entstand, mit kleinen Mitteln irgendwann mal Bundesliga zu spielen – das fand ich auch sympathisch. Das ist ganz einfach: Frankfurt ist meine Liebe und mit Mainz 05 bin ich immer fremdgegangen.