"Papa, mach mal die Eisenbahn an"
18.05.2009 | 21:28 Uhr 2009-05-18T21:28:00+0200
Hamburg. HSV-Torwart Frank Rost spricht über die gigantische Modelleisenbahn-Anlage in seinem Keller, seine 300 Lokomotiven und leuchtende Augen.
Nach Niederlagen geht Frank Rost zuhause in den Keller – dort steht seine Modelleisenbahn. "An der Anlage gibt es immer was zu tun", sagt der Torhüter des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV. "Das lenkt mich ab."
Eine neue Liebe? Oder ging es schon als Junge los?
Frank Rost: Als Junge, also eigentlich ein echter Klassiker. Ich bin in der damaligen DDR aufgewachsen, und dort haben Jungs die Leidenschaft für die Modelleisenbahn vom Vater übernommen, das war Tradition.
Hatte Ihr Vater im Keller eine Anlage aufgebaut?
Rost: Nein, dazu hatten wir zuhause nicht genug Platz. Deshalb hat sich das bei uns auf die Weihnachtszeit beschränkt. Dann wurde die Eisenbahn auf einer Platte aufgebaut und ein paar Tage stehengelassen.
Gab es zu Weihnachten neue Teile für die Anlage?
Rost: Schon, aber das muss man sich ganz anders vorstellen als heute. In der DDR gab es zwar mit Piko eine der größten Modellbahn-Firmen, aber dort wurde vieles nur für den Export hergestellt. Es war teilweise schwer, ein paar ordentliche Sachen zu bekommen. In der DDR nannten wir das „Bück-Dich-Ware”. Aber ich war trotzdem fasziniert von den Miniaturlandschaften und habe alles gesammelt und aufgehoben.
Haben Sie die alten Sachen noch?
Rost: Oh ja! Auf meiner jetzigen Anlage - und da bin ich sehr stolz drauf - steht noch eine alte Tankstelle von anno dazumal. Die Tankstelle gehörte meinem Großvater, er hatte sie schon als Kind. Also Kaisers Zeiten statt DDR-Zeiten. Von wann genau die Tankstelle ist, weiß ich gar nicht. Sie hat ein paar Mal die Farbe gewechselt, aber sie ist eine echte Rarität. Ich bin froh, dass ich sie gerettet habe.
Bauen Sie die Häuser und die Landschaften selbst?
Rost: In der DDR mussten wir improvisieren, weil es so gut wie nichts gab. Damals haben wir alles selbst gebaut. Ich erinnere mich an die ersten Bäume. Wenn wir die zwei Jahre auf der Anlage stehen hatten, brauchte man sie nur kurz zu berühren, schon bröselte alles runter und du hattest mit einem Schlag Herbst. Beim zweiten Mal berühren war sofort Winter.
Aber mit diesen plötzlichen Jahreswechseln ist es auf ihrer Anlage sicher längst vorbei.
Rost: Das stimmt. Ein sehr guter Bekannter von mir ist professioneller Modellbauer, und er hat meine Anlage entworfen. Mittlerweile gibt es ja bei den Landschaften zum Beispiel gar keinen Gips mehr, sondern ein Harz-Gummi-Gemisch, das bis zu acht Zentimeter Dehung mitmacht. Das ist schon Hightech.
Haben Sie zwischendurch mal eine Pause mit dem Modellbau gemacht oder immer eine Anlage gehabt?
Rost: Durch den Fußball musste ich zwangsläufig kürzer treten. Ich habe aber immer wieder versucht, eine Anlage aufzubauen. Doch das waren meistens nur halbe Sachen. Jetzt haben wir uns aber entscheiden, Hamburg als Anlaufpunkt für unsere Familie zu nehmen, und ich habe mir im Keller einen eigenen Raum für meine Bahn gegönnt.
Wie groß ist Ihre Anlage?
Rost: 40 Quadratmeter, und in der Automatik-Einstellung können bis zu 35 Züge gleichzeitig fahren. Da sieht man dann, dass Profis die Anlage aufgebaut haben. Oder nehmen wir den Streckenverlauf in einem sichtbaren und einem nicht sichtbaren Teil, das kriegst du als Otto-Normalverbraucher gar nicht hin.
Märklin oder Trix?
Rost: Ich möchte gar nichts zu den Herstellern sagen. Aber es gibt Gleichstrom- und Wechselstrom-Anlagen, und ich habe eine Gleichstrom-Anlage. Gleichstrom ist schöner, weil es bei den Schienen nicht diesen Mittelleiter gibt, und ohne Mittelleiter sehen die Gleise einfach besser aus.
Modelleisenbahner unterteilen die Anlagen in sieben Zeit-Epochen. Welche Epoche haben Sie?
Rost: Einen Übergang von Epoche drei zu Epoche vier. Das sind die 70er Jahre und die DDR-Züge, mit denen ich als Kind aufgewachsen bin. Die Dampfloks von damals faszinieren mich, aber ich bin jetzt keiner dieser Pufferküsser, die alles ganz genau nehmen. Bei mir vermischt sich das eine oder andere.
Und welche Gegend haben Sie nachgebaut?
Rost: Die Mittelgebirgs-Landschaften aus Sachsen, eben meine Heimat.
Führen Sie Ihre Anlage auch vor?
Rost: Sicher! Mir macht es unheimlich Spaß, wenn Kinder in den Raum kommen. Meine Tochter sagt immer: „Papa, mach' mal meine Eisenbahn an.” Und ich antworte immer: „Noch ist das nicht deine Eisenbahn, da musst du noch ein paar Jahre warten.”
Und was sagen die Erwachsenen?
Rost: Die kriegen auch leuchtende Augen. Ich frage mich dann immer, warum Menschen so fasziniert sind von Miniaturwelten. Aber ich weiß es einfach nicht. Mir geht es ja genauso, und man muss auch nicht dauernd darüber philosophieren. Es macht ungeheuren Spaß, und das ist doch die Hauptsache.
Nach Niederlagen mit dem HSV gehen Sie aber lieber alleine in den Keller.
Rost: An Tagen, an denen es nicht so gelaufen ist, wie man es sich wünscht, ist das eine wunderbare Rückzugsmöglichkeit für mich. Ich kann dann sowieso nicht schlafen und kann ein bisschen rumtüdeln, das ist eine gute Ablenkung, vor allem nach Abendspielen.
Abends mit Beleuchtung?
Rost: Klar, das gehört doch wohl dazu.
Ist Ihre Anlage mittlerweile fertig?
Rost: Eine Modellbahn-Anlage ist nie fertig. Allein das Sauberhalten ist ein riesiger Aufwand, Staub ist der größte Feind der Anlage. Außerdem erscheinen immer wieder neue Details auf dem Markt, die sich einbauen lassen. Das ist ja Wahnsinn, was die Technik mittlerweile mit sich bringt. Vom Presslufthammer, der rattert, bis zu Personen, die Fotos mit Blitzlicht schießen.
Welche Lokomotive möchten Sie unbedingt noch haben?
Rost: Eigentlich habe ich so ziemlich alles, ich habe 300 oder 400 Loks. Ich sammel die Sachen, mit denen ich als Kind selbst gefahren bin. Zum Beispiel die Dampfloks, die in der DDR bis in die 80er Jahre eingesetzt wurden. Mein Onkel hat bei der Reichsbahn gearbeitet, und er hat mich damals ab und zu vorne mit reingenommen.
Fahren Sie heute noch mit dem Zug?
Rost: Manchmal mit dem Verein, aber das ist eher eine seltene Sache.
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