Was das Satire-Orakel dem MSV Duisburg prophezeit

Was wir bereits wissen
Der MSV Duisburg hat sicher schon ruhigere Zeiten erlebt. Am Abend spielen die Zebras gegen Greuther Fürth. Wohin führt der Weg des Fußball-Zweitligisten? Was das Satire-Orakel dem MSV so alles prophezeit.

Duisburg.. Freitag, 2. März 2012, Duisburg-Wedau, SLR-Arena: Roland Kentsch kennt die Dramaturgie. Der abstiegserfahrene Geschäftsführer des MSV Duisburg weiß, welche Spielregeln jetzt gelten und welcher Spielraum noch bleibt. Wenn Erfolglosigkeit Aufmerksamkeit bündelt, Neugier den Raum mit Spannung auflädt und die Trainerfrage auf eine Antwort drängt, dann gehört die Mixed-Zone ihm. Eine krisengetränkte Medienbotschaft zwischen Informationspflicht und Improvisationskür massenkompatibel zu kommunizieren, zählt zu Kentsch‘ Paradedisziplinen.

„Das Team hat die erste Hälfte gegen Fürth extra verpennt, um dann später hellwach zu sein“, lässt der Ehrenbürger Bielefelds „die zu bemitleidenden Amateur- und Boulevardjournalisten auf den Linoleum-Plätzen ganz unten“ wissen. Den Zahn der Hoffnung auf eine Neubesetzung des Trainerstuhls an diesem Freitagabend zieht Kentsch mit angehobenen Mundwinkeln. „Oliver Reck“, grinst der 55-Jährige, „sitzt auch in Berlin noch auf der Bank.“

Als Srdjan Baljak gesenkten Hauptes an ihm vorbei läuft, nimmt er den MSV-Kapitän kurzentschlossen in den Schwitzkasten, um ihm fünf kernige Kopfnüsse vor laufenden Kameras auf die Glatze zu verpassen. „Plötzlich ein ganz ausgeschlafener Junge, unser müder Billy, ganz erstaunlich“, freut sich Duisburgs Graf Zahl beim Blick in die verdutzte Runde.

Der echte Baljak lässt Kentsch‘ teflonbeschichteten Würgegriff im Blitzlichtgewitter der Fotoapparate über sich ergehen. Der griechische Baljak vermisst derweil in seiner überdimensionierten Sporttasche fünf neue Smartphones. Die konfiszierten Handys darf Vasileios Pliatsikas später gegen einen großen Akropolis-Teller und vier Kilo Krautsalat in der Geschäftsstelle eintauschen.

Sein Trainer Oliver Reck kündigt unten vor den Kabinen schon die Aufstellung für Berlin an: „Goran Sukalo erneut auf der Zehn, Billy wieder im Sturm. Bei Baki drücke ich nochmal ein Auge zu. Er tauscht aber die Position mit Dzemal Berberovic. Denn der ist vorne noch wertvoller.“

Das Ergebnis gegen den Tabellenführer aus Fürth sei „sehr achtbar ausgefallen“, streicht der „stets positiv denkende“ MSV-Trainer Reck noch heraus. „Viel wichtiger aber“ sei ihm „die Erkenntnis, dass die Mannschaft lebt. Das 0:5 durch Asa (Gerald Asamoah, Anm. d. Red.) hat uns richtig wachgerüttelt. Ganz stark, wie Billy noch den Ball gegen den rechten Pfosten ballert und die Kugel als Hüft-Abpraller in Höchstgeschwindigkeit links oben einschlägt.“ Reck atmet durch und stellt fest: „Das Glück ist zurück. Köpenick – wir kommen.“

Freitag, 9. März, Berlin-Köpenick, Stadion An der Alten Försterei: Freitag, 9. März, Berlin-Köpenick, Stadion An der Alten Försterei

Oliver Reck soll jetzt doch gehen. Schon vor der 15. Saison-Niederlage, also auf der Busfahrt in die Hauptstadt, ist die Zeit für ihn abgelaufen. „Die nach der bemühten Leistung beim 1:5 gegen Fürth gelockerte Gnadenfrist für den Olli ist jetzt vorbei. Brosi, Domo und ich haben gestern in einer lockeren Fifa-Playstation-Pause den Trainer-Markt sondiert, per Hand zwei Kandidaten-Listen erstellt und eine unverbindliche Massen-SMS verschickt. Bald kommt der Neue. Also muss Olli seine Sachen packen. Auch für den Torwarttrainer Reck ist Feierabend“, erklärt MSV-Manager Ivica Grlic auf seiner Facebook-Seite.

Zwei Zwinker- und drei Lach-Emoticons plus ein Videolink zu Recks 1:5-Debakel mit Bremen gegen den von Ewald Lienen trainierten MSV im August 1993 lassen sein Bedauern und auch das Ausmaß der Wertschätzung erahnen, die Grlic dem Ex-Nationaltorwart entgegenbringt. Binnen 20 Minuten haben die Agenturen ihre Meldungen zur Trainerentlassung in Duisburg aus den feinfühligen Abschiedsworten des Ex-MSV-Kapitäns zusammengezimmert.

Als der Zebra-Tross an der Berliner Traditions-Spielstätte vorfährt, schaltet der Manager sein Handy wieder ein und wundert sich über 46 Anrufe in Abwesenheit. Die von ihm auf der A2 via Facebook in Einsatzbereitschaft versetzten Feuerwehrmänner sind schon da.

Grlic kocht vor Wut, vermutet gleich einen „Singvogel in Köpenick“, beschimpft zuerst Uwe Rapolder, vom dem er „nur die Adresse“ bräuchte, um dann zu drohen, er könne ihm „von Kollegen aus Rheinhausen so richtig die Hölle heiß“ machen lassen. Anschließend schreibt der balancesuchende Personaltaktiker am Schwarzen Brett eine Trainer-Stelle im Pulverfass aus.

„Der hochexplosive MSV Duisburg“, steht da geschrieben, „sucht für diesen Haufen hitzköpfiger Holzbeine einen Raketen-Trainer, der das Abbrennen von Pyrotechnik in die tägliche Trainingsarbeit einbindet, Konfliktherde per Ölaufguss in lodernde Feuer verwandelt, auf schweißtreibende Sisyphos-Arbeit brennt und aus der als Rezeptbuch getarnten Bombenbauer-Bibel „Küchenkrawall“ Branimir Bajic‘ berühmte bosnische Bohnensuppe mit Brosinskis Flammenwerfer servierfertig auf Verzehrtemperatur bringen kann.“

80 Prozent der Bewerber erteilen der Duisburger Freistoß-Ikone eine Absage. Hier ein seriöser Verweis auf das der unkonventionellen Jobbeschreibung konträre berufliche Selbstverständnis, da ein Fingerzeig auf das Spielfeld, wo drei Flanken des Rechtsverteidiger-Debütanten Srdjan Baljak an Bruno Soares ins eigene Tor abprallen. Pliatsikas und Berberovic bestaunen bei der glücklichen 0:4-Niederlage in sicherer Arbeitsentfernung erst die Paraden des eigenen Torhüters Felix Wiedwald und später im Zeichenblock ihre Visualisierung des Geschehens.

Die erklärt, wo der Ball war, warum die kongeniale Doppelspitze ihn nie bekam und weshalb den noch immer weinenden Soares bei seinem Eigentor-Hattrick keine Schuld trifft. „Bakis Bälle beim Flügelwechsel über Wiedwald auf Benni sind einfach zu scharf geschlagen“, gibt Reck dem Brasilianer beim Blick auf Pliatsikas‘ Bleistift- Skizzen Rückendeckung. „ Baki muss da höher in die Luft schießen“, analysiert der Trainer-Fuchs. Plötzlich schlägt der Geistesblitz ein. Und Reck strahlt über beide Ohren: „Mit Benjamin Kern in der Innenverteidigung könnten wir das Problem auch lösen.“

Nicht lösen kann Sportdirektor Grlic derweil das Trainerproblem. Uwe Rapolder blickt eine Minute ungläubig auf den Zettel, der Auskunft über die Höhe des angedachten Schmerzensgeldes gibt. Dann steht er auf und empfiehlt wohlwollend „einen kompetenten Lizenzierungs-Berater für Liga drei, ehe Almdoktor Roland seine ostwestfälische MSV-Milchmädchenrechnung mit dem giftigen DSC-Siegel durch die laschen Duisburger Führungsgremien boxt.“

Grlic lächelt etwas verlegen. Er muss noch einmal nachhaken: „Wer braucht denn überhaupt dieses DSC-Siegel?“, fragt Duisburgs Ex-Profi. „Jeder Klub, der Roland im Boot hat“, entgegnet Rapolder, der sich wieder hinsetzt und nun von einer Stadt erzählt, die es nicht gibt.

Grlic besorgt dem früheren Arminia-Trainer vom Schreibwarenhändler noch vier rote Edding-Marker. Mit denen lockert Kopfrechner Rapolder den optimistisch veranschlagten Finanzierungsrahmen Schritt für Schritt hin zur Meidericher Milchmädchen-Rechnung inklusive des DSC-Siegels. Es entstehen 58 Din A3-Seiten in roter Duisburger Minus-Optik.

„Noch mehr Geld und andere Farben fänd ich aber besser“, sagt Grlic. „Findet der Roland ja auch besser“, weiß Rapolder, der verblüffende Vorlieben des Ex- Arminias-Kalkulators verrät: „Roland rechnet und schreibt seit dem Alm-Abschied nur noch in Grün. Er empfindet alle anderen Farben als stimmungssenkend, weil zwingend restriktiv. Roland will viel Geld ausgeben. Dafür braucht er unbedingt grünes Licht.“ Rapolder beendet sein Wochenend-Seminar mit einem essayistischen Vortrag über die Vorteile unsichtbarer Schuldenberge. Grlic ist beim Schlusswort am Sonntagabend längst fix und fertig. Die Zahlenakrobatik muss er erst mal sacken lassen.

18. März, Duisburg-Wedau, SLR-Arena: 18. März, Duisburg-Wedau, SLR-Arena

„Für mich war es ein typisches 0:0-Spiel“,sagt Bochums Trainer Andreas Bergmann auf der Pressekonferenz nach dem 1:0-Sieg seiner Mannschaft durch Soares‘ Eigentor in einem grausigen Zweitliga-Spiel beim MSV. „Warum ist der Olli überhaupt noch da?“ brüllt ein Besucher durch den Raum. Stille kehrt plötzlich ein. Weil alle wissen: Die Frage muss erlaubt sein. Was war seit Fürth geschehen? Hatte Grlic die Top-Prio-Personalie etwa ob der offensichtlichen Perspektivlosigkeit vergessen? Oder stellt sich Reck jetzt nur quer und will bleiben?

„Ich habe die Trainerfrage noch einmal komplett in Grün gerechnet“, verrät später Duisburgs Adam Riese Kentsch, während er gegen Grlic schon die vierte Partie „Schiffe versenken“ gewinnt. „Ewald Lienen ist unser Mann“, schießt es plötzlich aus dem früheren Geschäftsführer der Arminia heraus. „Die ganzen Unwägbarkeiten“, sagt Kentsch, „habe ich satt. Jetzt will ich mit Lienen eine klare Richtung einschlagen.“

Grlic kaut dabei nervös an einem grünen Kuli, beugt sich aber dann über den Tisch, um zu bekräftigen: „Ewald Lienen ist es tatsächlich. Durch den Arminia-Abstieg hat er sich seinen MSV-Vertrag bis 2015 verdient.“

Kentsch denkt nun in größerem Stil, je mehr sich die Anspannung vom „Schiffe versenken“ langsam löst. Jetzt arbeitet der unberechenbare Kreativ-Kopf, dessen entfesselter Blick über den Tellerrand am Horizont Größenwahn anvisiert. „Duisburg gegen Bielefeld, Dienstagabend, 18.35 Uhr, vor 60.000 Zuschauern. Die 3. Liga als Feinschmecker-Veranstaltung mit allen Traditionsklubs, davon träume ich. Der Kauf der Vermarktungs- und TV-Rechte und die Erweiterung der Arena-Kapazität wird sämtliche MSV-Rücklagen tilgen. Weil aber kaum errechnet werden kann, was in die Kasse kommt, hält die neue Casino-Liga jeden risikoliebenden Drahtseiltänzer bei Laune. Mensch Ivo, das muss auf schleunigst aufs Papier. Hol doch mal schnell die grünen Stifte raus.“