MSV verkauft über 17.000 Pokaltickets - und verärgert Fans

Schon in der Nacht zu Montag hatten sich die ersten MSV-Fans angestellt, um Karten fürs Pokalspiel gegen Schalke zu bekommen.
Schon in der Nacht zu Montag hatten sich die ersten MSV-Fans angestellt, um Karten fürs Pokalspiel gegen Schalke zu bekommen.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Vorverkauf fürs DFB-Pokalspiel des MSV gegen den FC Schalke 04 brummt. Bis zu zehn Stunden stand mancher Fan am Montag an, um Karten zu bekommen.

Duisburg.. Die Freude wich bei Marcel Hoppenreis dem Entsetzen. „Porto, Porto . . . Moment mal!“ Der MSV-Fan, der sich gerade nach mehrstündigem Warten die begehrten Karten für das DFB-Pokalspiel gegen den FC Schalke 04 gesichert hatte, musste ganz schnell nochmal zurück an die Theke im Fanshop der Schauinsland-Reisen-Arena. Da hatte man ihm doch ausschließlich Tickets für das Testspiel gegen den FC Porto in die Hand gedrückt. Das wollte er zwar auch sehen, aber natürlich hatte der Pokalkracher am 8. August Priorität. Augenblicke später war das Missverständnis aber geklärt – und gemeinsam mit seinem Kumpel Patrick Gewandt konnte er die Objekte des Verlangens vieler Zebra-Anhänger nach Hause tragen.

Etwa 13.30 Uhr war es zu diesem Zeitpunkt am Montagnachmittag. „Fünf, sechs Stunden haben wir hier dafür verbracht“, sagt Patrick Gewandt, der schon im Vorjahr einen ähnlichen Zeitaufwand betrieben hatte, um an die Karten für die Partie gegen den 1. FC Köln zu kommen. Damit bewegte sich das Warten des Duos sogar noch im unteren Bereich. Manche Anhänger hatten sogar schon am späten Sonntagabend vor der Arena campiert, dort dann die Nacht verbracht und schließlich am frühen Montagmorgen, als ab acht Uhr die Kassen öffneten, zugeschlagen. Verletzung

Doch selbst wer sich kurz nach acht Uhr in die Schlange stellte, die wenig später schon bis auf den Parkplatz neben der Scania-Arena ragte, musste enorme Wartezeiten in Kauf nehmen und sah erst gut zehn Stunden später das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels – den Eingang zum Fanshop im Stadion. Innerhalb der Arena war es wie im Vorjahr so, dass die Menschenmasse nach rechts auf die erste Etage und dort um die Sitzplätze des VIP-Bereichs geleitet wurde, dann wieder die Treppe auf der gegenüberliegenden Seite hinab und schließlich in den Fanshop. Etwa alle fünf Minuten ließen die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma rund zehn Kunden hinein. Statt wie üblich vier waren fünf Kassen geöffnet.

Klar war, dass auch damit der Andrang nicht annähernd kompensiert werden konnte. Die Reaktion der Wartenden darauf fiel unterschiedlich aus. Ein Vater, der seinem acht Stunden lang im Pulk stehenden Sohn eine Wegzehrung vorbeibrachte, fand’s „beschämend“. Auch wurden Fragen laut, warum es dem MSV nicht möglich sei, ein anderes System zu benutzen, um den eigenen Anhängern diesen Stress zu ersparen. „Da muss der Verein was ändern“, war der Tenor.

Pressesprecher Martin Haltermann hielt noch einmal die finanziellen Erwägungen dagegen: „Natürlich ist das irgendwo skurril, und wir würden unseren Fans gern einen anderen Service anbieten, damit sie nicht so lange warten müssen. Aber wir haben zwei schwere Jahre hinter uns, und die Einrichtung eines Online-Systems würde uns einen Betrag im siebenstelligen Bereich kosten.“ Er gab auch zu bedenken, dass der Ertrag des MSV aus diesem Spiel ja trotz des Andrangs gar nicht überdimensioniert ausfalle – schließlich muss die Einnahme mit Gegner Schalke geteilt werden. Da wäre fast sogar ein – per Lostopf ja nicht mögliches – Spiel in Gelsenkirchen finanziell lukrativer gewesen.

Was allerdings vielen Fans die Freude auf das Derby im heimischen Stadion verdorben hätte. Wie beispielsweise Dieter Hemmerle. „Ich bin seit 1963 MSV-Fan“, sagt der 65-jährige gebürtige Buchholzer, der ebenfalls schon früh am Montagmorgen seinen Platz in der Schlange einnahm. Mit einem Campingstuhl ausgerüstet und einem Bekannten an seiner Seite machte er sich das Warten so halbwegs angenehm wie möglich. Ein paar Meter weiter hinten fanden sich auch bekannte Gesichter aus der Duisburger Fußballszene: Jugendtrainer-Legende Dieter Henkelüdecke („Ich hole die Karten für meinen Schwiegersohn und meine Enkelkinder“) und TuRa-88-Torjäger Fotios Papachristos.

Sie werden ihre Tickets noch bekommen haben – andere kamen womöglich zu spät. Um 13 Uhr bat der MSV darum, sich nicht mehr am Ende der Schlange anzustellen. Kurz vor 16 Uhr wurden dann auch die Arena-Tore geschlossen. Bis 17 Uhr waren rund 17.000 Karten verkauft. Am Dienstag geht’s mit dem Rest weiter.

Kritik an mangelnder Behindertenfreundlichkeit

Jürgen Leiendecker war stinksauer. Zwar hat der 62-Jährige eine Dauerkarte beim MSV und hätte Anspruch auf Karten für das Pokalspiel gegen Schalke gehabt – abgeholt hat er sie gestern nicht. Warum? Weil es einfach nicht ging. „Ich bin zu 80 Prozent schwerbehindert, habe ein ,G’ für Gehbehinderung auf meinem Ausweis. Ich kann mich einfach nicht stundenlang anstellen“, erklärt Leiendecker.

„Ich bin seit 52 Jahren MSV-Fan, habe das erste Spiel 1963 gesehen. Aber jetzt bin ich von meinem Verein maßlos enttäuscht. Ich bin kurz davor, meine Dauerkarte in die Wedau zu schmeißen.“ Der Grund: „Ich habe den MSV mehrfach kontaktiert und auch im Namen anderer Behinderter gefragt, ob es für uns nicht eine Möglichkeit gibt, die Karte zu bekommen, ohne derart lange anstehen zu müssen. Ich habe nicht einmal eine Antwort bekommen.“ Leiendecker weiter: „Es muss doch heutzutage auch online eine Möglichkeit geben, die Karten zu verkaufen. Aber dieses Vorgehen geht nicht. Das ist friss oder stirb. Ich finde das unmöglich. So geht das einfach nicht.“