MSV-Chef Rüttgers wehrt sich „gegen das Graue-Maus-Image“

Da geht’s zur Bundesliga. In fünf Jahren will MSV-Chef Andreas Rüttgers mit seinem Sohn Ben (4) ein Erstliga-Spiel der Zebras sehen.
Da geht’s zur Bundesliga. In fünf Jahren will MSV-Chef Andreas Rüttgers mit seinem Sohn Ben (4) ein Erstliga-Spiel der Zebras sehen.
Foto: Christoph Reichwein/imago
Was wir bereits wissen
Seit Januar ist Andreas Rüttgers als Vorstandsvorsitzender des MSV im Amt. „In diesen fünf Monaten ist schon irrsinnig viel passiert“, sagt der Vereinschef. Vor der Jahreshauptversammlung am Dienstag spricht Rüttgers im Interview über Probleme und Visionen.

Duisburg.. Andreas Rüttgers wird am Dienstagabend im Business-Bereich der Schauinsland-Reisen-Arena ab 19 Uhr erstmals als Vorstandsvorsitzender des MSV Duisburg eine Jahreshauptversammlung leiten. Seit Januar ist der Familienvater beim MSV im Amt. „In diesen fünf Monaten ist schon irrsinnig viel passiert“, sagt Rüttgers im Interview mit der Sportredaktion. Die Redaktion sprach mit Rüttgers über Internetforen, Walter Hellmich und Visionen rund um den MSV.

Herr Rüttgers, Sie sind oft nachts im MSV-Internet-Forum unter Ihrem Pseudonym „Diplomat“ unterwegs. Liegt das daran, dass Ihr kleiner Sohn nicht durchschläft?

Andreas Rüttgers: Doch, er schläft durch. Doch ich habe zwei Jobs, schlafe selbst wenig. Ich bin 16 bis 20 Stunden pro Tag am Ball.

Welche Bedeutung hat für Sie Ihr Auftritt im MSV-Forum?

Rüttgers: Das MSV-Forum ist nur ein winziger Teil meiner Tätigkeit. Das Internet bringt Vorteile. Die Wege sind sehr kurz. Als vor ein paar Tagen ein Fan Probleme im Zoo hatte, weil sich dort unsere Kooperation noch nicht bis zur Kasse herumgesprochen hatte, habe ich reagiert und geholfen. Früher haben die Leute gesagt: Die sind beim MSV zu doof. Jetzt lassen sich die Dinge besser regeln. Die Leute nehmen es wahr und sehen: Da ist nicht alles so schlecht.

Ihr umstrittenster Internet-Beitrag war der Post über den Rückzug in die 5. Liga.

Rüttgers: Den Fünftliga-Post würde ich heute als Vorstandsvorsitzender nicht mehr schreiben. Die Frage war letztlich: Würden diese Menschen, die uns jahrelang begleiten, auch den Weg in die fünfte Liga mitgehen. Es gibt diesen Spruch: Liebe kennt keine Liga. Das ist was Wahres dran. Ich kriege hier sehr viel mit, was der MSV für die Leute bedeutet. Der MSV ist Anker, Mittelpunkt, gibt sozial schwachen, alten und kranken Menschen Halt. Unser Verein hilft auch, über Schicksale hinweg zu kommen. Wenn man das alles zusammenzählt, dann hat der MSV nicht nur mit Fußball, sondern mit sozialer Standfestigkeit zu tun.

Welche Rolle spielt Ihr Vor-Vorgänger Walter Hellmich noch?

Rüttgers: Er ist einer der Menschen in der Stadionprojektgesellschaft, mit denen wir über die Arena diskutieren. Auf das operative Geschäft hat er keinen Einfluss mehr.

MSV hat „pro Jahr etwa 900.000 Euro mehr zur Verfügung“

Sie haben die Auflösung des Hellmich-Marketing-Vertrages erreicht. Im Gespräch ist eine Abfindung in Höhe von drei Millionen Euro. Wie sehr belastet die Ablösung des Vertrages die Bilanz des MSV in den nächsten Jahren?

Rüttgers: Das Thema Hellmich-Auszahlungen ist durch. Es gibt noch einen Betrag, der über zehn Jahre zurückgezahlt wird. Der tut aber niemandem weh. Das war ein Baustein der Lizenzierung. Wir sparen jetzt kein Volumen von zwölf bis 15 Millionen über die nächsten fünf Jahre ein. Beziffern lässt sich die neue Situation so: Wir haben jetzt pro Jahr etwa 900.000 Euro mehr zur Verfügung.

Wie sehen Sie persönlich die Ära Hellmich beim MSV?

Rüttgers: Ohne Walter Hellmich würden wir hier nicht sitzen und über den Verein diskutieren. Für die Wirtschaftskrise kann der Mann nichts. Ich würde nie etwas Schlechtes über Herrn Hellmich sagen. Ohne ihn hätten wir die Grundlagen gar nicht. Der Unterschied zwischen uns liegt darin, dass für mich die Tradition eine größere Rolle spielt. Aber was Walter Hellmich probiert hat, das war ein mehr als lobenswerter Versuch, den Klub nach oben zu bringen. Wenn Ailton nach seiner Verpflichtung zehn Kontertore gemacht hätte, wäre alles gut gewesen.

Wie entwickeln sich die Geschäfte beim MSV?

Rüttgers: Die Werbeeinnahmen bewegen sich auf Vorjahresniveau – und da hatten wir einen 25-prozentigen Zuwachs aufgrund der Pokaleuphorie. Wenn du als Zweitligist acht Millionen Euro im Werbebereich einnimmst, dann ist das eine gute Hausnummer. Das ist Bundesliga-Niveau.

Sie brauchen dennoch dringend neue Sponsoren.

In diesem Bereich bin ich noch lange nicht zufrieden. Wir haben derzeit mehr Sponsoren, die höhere Summen zusammenbringen. Leider haben einige größere Sponsoren ihr Engagement ein wenig zurückgefahren. Wir sind an großen Lösungen dran, versuchen dabei die Duisburger Lösung.

Sie haben die Dauerkartenpreise verändert und dabei einen Zuschlag für das Jugendleistungszentrum draufgepackt.

Rüttgers: Die Fans fordern, dass wir die eigene Jugend fördern. Das machen wir mit diesem Zuschlag. Es reicht nicht, mit Talenten wie Julien Rybacki, Andre Hoffmann, Maurice Exslager und Tanju Öztürk zu verlängern. Du musst auch in die Infrastruktur investieren. Da kommen junge Fußballer zu uns auf die Anlage, sehen die Aschenplätze und sagen: Das ist aber nicht so prickelnd.

Rüttgers lobt Teamarbeit zwischen Reck und Schubert

Wie eng war es im Abstiegskampf?

Rüttgers: Natürlich ging mir auch die Düse. Wir dürfen jetzt nicht hingehen und sagen: Weil es uns nicht erwischt hat, haben wir alles richtig gemacht. Wir mussten danach analysieren: Warum hat es geklappt? Die Kombination Uwe Schubert und Oliver Reck ist gute Teamarbeit.

Es heißt, Sie schätzen Reck-Vorgänger Milan Sasic sehr.

Rüttgers: Norbert Meier und Milan Sasic sind zwei Trainer, die mir viel auf den Weg gegeben haben. Beide leben ihren Verein. Ich habe sehr viel Respekt vor Menschen, die 120 Prozent geben. Sasic und Meier sagten: Die meisten Fehler werden im Erfolg gemacht. Sasic meinte nach dem Pokalfinale zu mir: Andreas, es gibt einige Vereine, die Probleme bekommen werden. Er hat Aachen, Bochum und uns genannt. Und Recht behalten.

Wo steht der MSV in fünf Jahren?

Rüttgers: Meine Vision ist, dass ich in fünf Jahren mit meinen drei Kindern ins Stadion gehe und Bundesligafußball sehe. Ich träume von einer höheren Zuschauerzahl. Als MSV müssen wir es gemeinsam mit Duisburg schaffen, dass die Leute selbstbewusster werden und sich von ihrem Verein und ihrer Stadt begeistern lassen. Gegen das Graue-Maus-Image wehre ich mich. Es gibt genug Gründe, stolz auf den MSV und auf Duisburg zu sein.