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Der MSV Duisburg ist in der Krise "sexy" wie nie

17.06.2013 | 07:00 Uhr

Duisburg.   Die Fans des MSV Duisburg engagieren sich jeden Tag 24 Stunden lang vor der Arena für ihren Verein. Autor Michael Wildberg sagt: „Der MSV war noch nie so sexy wie jetzt. Es ist schon schizophren, was hier los ist. Aber irgendwie passt das zum Verein.“

Wie ein großer Schatten streckt sich die Arena in den nächtlichen Himmel. Nur die Lichtinstallation unter dem Dach lässt mit ihrem bläulichen Schimmer die Umrisse des Stadions erahnen, in dem die Fußballer des MSV Duisburg ihre Heimspiele austragen. Der Ton einer Sirene heult auf. Eine Alarmanlage? „Nein, das ist eine Lüftung, die runterfährt“, weiß Stephan. Stephan ist kein Ingenieur. „Aber wenn du das in jeder Nacht hörst, dann weißt du irgendwann Bescheid.“ Stephan ist MSV-Fan – „seit ich denken kann.“ Die Geräusche der Arena kann er so gut zuordnen, weil er Wache hält. Seit sieben Tagen. In jeder Nacht.

Es ist zwei Uhr morgens, als er auf dem Parkplatz die zweite Ladung Kohle auf den Grill schmeißt. Er wärmt sich die Hände über dem Feuer. Vorräte türmen sich neben ihm und im nicht weit entfernten kleinen weißen Zelt auf. Aus einem Auto schallen MSV-Lieder. Auf den Biergarten-Garnituren sitzend warten weitere Fans auf die warmen Würstchen, während andere Fußball spielen. Es wirkt wie ein Sommercamp. „Wir verbringen unsere ganze Zeit hier“, sagt Margit, „und wir albern schon rum, dass es die wohl schönste Sommerpause ist, die wir je erlebt haben. Wenn der Anlass nur nicht so traurig wäre .“

Viel Unterstützung

Denn der Anlass ist der Lizenzentzug des MSV für die Zweite Liga . Und es handelt sich nicht um ein Sommercamp, sondern um eine Mahnwache der Fans für ihren Verein. Ursprünglich hatten sich nur drei Leute über die Liste im MSV-Portal für die Wache am Samstagmorgen angemeldet. Im Zuge des Wochenendes tummeln sich seit Mitternacht aber rund 30 Anhänger auf dem Parkplatz. Jörg ist begeistert: „Es ist unglaublich, was hier abgeht. Wir stehen hinter unserem Verein, egal was passiert. Die unterschiedlichsten Leute kommen vorbei und unterstützen uns.“ Das hat Jörg erst wenige Stunden zuvor erlebt, als er 350 MSV-Aufkleber für je einen Euro in der Stadt verkauft hat. „Es waren Schalker dabei, Dortmunder, Krefelder und Düsseldorfer. Sogar Kölner“, freut sich Jörg über die Unterstützung der eigentlich rivalisierenden Klubanhänger, die die Zebrawache besuchen. „Hier läuft hier alles nach dem Motto: In den Farben getrennt, in der Sache vereint.“

In der Sache geht es den Fans vor allem darum „Präsenz zu zeigen“, wie Andreas Kuklinski erklärt. „Und das friedlich. Ohne Böller, ohne Pyros und ohne Gewalt.“ „Es geht auch nicht darum, Schuldige zu finden , sondern um einen Neuaufbau“, ergänzt Kerstin Zwickler: „Der E.V. darf nicht sterben.“ Deshalb gehen die Gelder für die Aufkleber ebenso an den Verein, wie die Einnahmen für die an der Mahnwache verkauften Getränke. Was die Frage nach den Schuldigen angeht, ist man sich hier ohnehin einig. „Zwei Drittel sind seit Donnerstag weg“, spricht Jörg die Entlassungen von KGaA-Aufsichtsratschef Gerd Görtz und Geschäftsführer Roland Kentsch an. Das letzte Drittel, glaubt er, folgt nach der Entscheidung des Ständigen Schiedsgerichts: „Hellmich fällt am nächsten Donnerstag.“

Auch Ex-Präsident Andreas Rüttgers, der sich vor der Wache mit den Fans austauscht, begrüßt die jüngsten Personalentscheidungen: „Das war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Was der MSV nun zeigen wird, ist, dass sich Tradition und wirtschaftliche Innovation durchaus vereinen lassen.“

Paket aus der Schweiz

Wie Zusammenhalt aussieht, machen die Fans vor. Sogar aus Waldshut-Tiengen, nahe der Grenze zur Schweiz, erreichte die Duisburger ein an die „Mahnwache vor dem Stadion“ adressiertes Paket mit nützlichen Utensilien. Inzwischen haben sich die Fans eine neue Adresse für die „Zebrawache“ überlegt: Zebraallee 1902 steht auf dem Banner, das Meik ausrollt. Er ist ein „Wächter“ der ersten Stunde: „Bis auf einen Tag Auszeit war ich immer hier.“ Dabei hielt er auch in solchen Nächten bis zwei Uhr die Stellung, in denen er um fünf Uhr morgens zur Arbeit musste: „Unser Dank gilt allen Sponsoren, die uns mit Verpflegung versorgt haben. Vor allem aber all den kleinen Unterstützern, die zum freundlichen Austausch vorbeikommen, eine Riesen-Knabberbox und Wasser bringen und sagen: Macht euch einen schönen Abend, es ist toll, was ihr auf die Beine stellt. Das sind die Leute, die uns motivieren, hier jede Nacht durchzuhalten.“

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Der Verein MSV Duisburg zittert um die Lizenz für die zweite Fußballbundesliga, die Fans leisten tatkräftigen Support. Über 1200 "Zebras" waren in die Innenstadt für einen Flashmob gekommen und bekundeten lautstark ihre Liebe.

In dieser Nacht tragen auch die Würstchen vom Grill zum Durchhalten bei. Stephan hat das Barbecue im Griff. Andreas Kuklinski hat sich indes ins Zelt zurückgezogen und liest das Buch „So lonely“, in dem Michael Wildberg seine Erlebnisse als MSV-Fan beschreibt. Der Autor steht nur wenige Meter vom Zelt entfernt. Als er das Buch schrieb, ahnte Wildberg noch nichts von dieser schwarzen Stunde seines Lieblingsvereins. Doch nun, im nächtlichen Schatten der Arena, lässt ihn der Zusammenhalt der Fans Worte finden, die auch in seinen Büchern stehen könnten: „Der MSV war noch nie so sexy wie jetzt. Es ist der traurigste Anlass, aber die letzten drei Wochen waren die euphorischsten, die ich je erlebt habe. Es ist schon schizophren, was hier los ist. Aber irgendwie passt das zum Verein.“

Sven Kowalski

Kommentare
18.06.2013
08:56
Der MSV Duisburg ist in der Krise
von Eifelzebra | #6

sgt.pepper,

Goethe wäre neidisch angesichts Deiner wunderschönen Prosa. Das täuscht aber nicht über inhaltsleeren Gedankendurchfall hinweg. Gibt es...
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8078522
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http://www.derwesten.de/sport/fussball/msv/irgendwie-passt-das-zum-verein-id8078522.html
2013-06-17 07:00
Mahnwache,MSV Duisburg, 2. Bundesliga,Lizenz, Fans
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