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Interview

Mit zwei Groundhoppern auf Reise durch Italiens Fankurven

30.11.2012 | 14:31 Uhr
Gemeinsam mit zwei deutschen Groundhoppern reist der Filmemacher Marc Quambusch durch Italien und wirft einen erschreckenden Blick auf Italiens Fankurven.Foto: Ingo Blöcker

Essen.  Der Doku-Film "Verrückt nach Fußball – Eine Reise durch die Fankurven Italiens" (Riesenbuhei Entertainment) von Marc Quambusch schlägt in der Fanszene hohe Wellen. Gemeinsam mit zwei deutschen Groundhoppern reist der Filmemacher durch Italien und wirft einen erschreckenden Blick auf Italiens Fankurven. Im WAZ-Interview spricht Quambusch über den Niedergang der italienischen Fankultur und die möglichen Auswirkungen auf die deutsche Fanlandschaft.

Ihr Film "Verrückt nach Fußball – Eine Reise durch die Fankurven Italiens" (30. November, 23.10 Uhr, ZDFinfo) schlägt in der Fanszene hohe Wellen. Leere Stadien und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Fans prägen den italienischen Fußball. Einige Fans haben Angst, dass auch bald in deutschen Fußballstadien "italienische Verhältnisse" herrschen könnten.

Marc Quambusch: Ich würde der Ausgangsthese, dass viele Fans Angst haben nicht zustimmen. Ich habe eher das Gefühl, dass die meisten Stadiongänger, dass richtig einordnen können, indem sie wissen, dass es in und um Fußballstadien – wie überall in der Gesellschaft – leider auch zu Straftaten kommt und diese abzulehnen sind, aber dass wir eben keine bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse in unseren Stadien haben.

Der Stadionbesuch ist im Großen und Ganzen sicher. Was nicht heißt, dass man die Augen vor Fehlverhalten verschließen sollte. Hiergegen muss man vorgehen. Aber eben gegen die einzelnen Täter und nicht, indem man eine Gruppe Menschen unter Generalverdacht stellt.

Welche Fehler hat man in Italien begangen?

Quambusch: In Italien hat man einseitig auf Repression gesetzt. Damit hat man die Probleme aber nicht gelöst, sondern einfach nur verschoben und nebenbei den Untergang des Fußballs beschleunigt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wer Gewalt gegen andere Menschen ausübt, der gehört festgenommen und vor ein Gericht gestellt. Da gibt es nichts zu verniedlichen. Aber in Italien hat man einfach nur den Druck auf alle Stadiongänger erhöht.

Unterwegs in Italien: San Siro.Foto: Ingo Blöcker

Dabei hat man dann aber nun überwiegend diejenigen Leute vertrieben, die man eigentlich in den Stadien haben will, nämlich den ganz normalen Durchschnittszuschauer. Was ja auch logisch ist, wenn ich den Druck erhöhe bleiben natürlich zuerst die Leute weg, die einfach nur ein Spiel sehen wollen. Die Ultras, für die Fußball alles ist, sind dagegen die Gruppe, die noch am stärksten vertreten ist.

Aber den Niedergang des Fußballs nur auf diesen Faktor zu reduzieren, greift auch zu kurz. Wir haben in unserem Film den Fokus auf dieses Thema gelegt, aber es gibt noch zig andere Gründe, wie veraltete Stadien, Korruption und Spielmanipulation. Wer sich für noch mehr Hintergründe interessiert, dem sei der Blog unseres Italienexperten Kai Tippmann www.altravita.com empfohlen. Eine bessere Aufarbeitung der „italienischen Verhältnisse“ gibt es in Deutsch nicht.

Können Sie einige der Repressionen näher erklären?

Quambusch: Das sind extrem viele. In Italien ist es zum Beispiel nicht möglich eine Dauerkarte oder eine Karte für ein Risikospiel zu kaufen, wenn man keine „Tessera del Tifoso“ hat (Anm. der Red.: Wer für ein italienisches Fußballstadion eine Dauerkarte oder auch nur ein Ticket für den Auswärtsblock erwerben möchte, muss sich registrieren lassen. Persönliche Daten, Steuernummer, Ausweisnummer und Meldeadresse werden auf einem Microchip der scheckkartengroßen „Fankarte gespeichert.).

Für diese Fankarte muss man sich vorab anmelden und seine Daten abgeben. Bei Risikospielen gibt es auch keine Tageskasse und auch bei Einzeltickets werden die Daten beim Kauf mit dem Polizeicomputer abgeglichen.

Außerdem sind Karten personalisiert und wenn man am Spieltag nicht kann, hat man Geld zum Fenster rausgeworfen. Darüber hinaus werden manchmal ganze Regionen vom Kartenverkauf ausgeschlossen. Wenn zum Beispiel Atalanta Bergamo im nahen Mailand gegen Inter spielt und das Spiel als „Risikospiel“ eingeordnet wird und Bewohner aus Bergamo keine Karten kaufen können, dann schauen auch die Inter Fans in Bergamo dumm aus der Wäsche. Auf Deutschland übertragen könnte sich der Schalke Fanclub „Blau-Weißer Stachel“ in Dortmund den Besuch des Heimderbys gegen den BVB knicken, weil er in der falschen Stadt sitzt.

  1. Seite 1: Mit zwei Groundhoppern auf Reise durch Italiens Fankurven
    Seite 2: Erlebnisse während der Dreharbeiten
    Seite 3: Unterschiede zwischen deutscher und italienischer Ultraszene

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