Lüttich-Ultras zeigen Henker-Plakat – „Tifo“-Skandal in Belgien

Was wir bereits wissen
Fußball und Politik in Belgien suchen nach einer Antwort auf einen verstörenden Vorfall. Anhänger von Standard Lüttich empfingen beim Heimspiel gegen Anderlecht einen früheren Spieler mit einem Henker-Plakat.

Lüttich.. Für Steven Dufour muss es ein Schock gewesen sein. Als der 26-jährige Mittelfeld-Star des Landesmeisters RSC Anderlecht am vergangenen Sonntag vom Rasen des Lütticher Stadions Sclessin auf die Tribüne blickte, entrollten die Fans dort ein Banner, das an die schaurigen Kopf-ab-Spektakel des „Islamischen Staates“ gemahnte: Ein vermummter Todes-Scherge hält in der Rechten ein Schwert und in der Linken einen abgeschlagenen Kopf – mit dem Gesicht Dufours. Daneben der Schriftzug „Rot oder Tot“.


Ist das Volksverhetzung oder gar Aufforderung zum Mord? Oder nur schlechter Geschmack, wie er auf den Tribünen des Profi-Fußballs gang und gäbe ist, wenn auch diesmal in besonders krasser Form? Das monströse Plakat – rund 500 Quadratmeter Fläche - hat eine breite Debatte ausgelöst, über die Meinungsfreiheit der Ultras und ihre Grenzen.


Fan-Skandal In der Maas-Metropole Lüttich war Dufour, heute 26 Jahre alt, einst Liebling der Massen. Schon als 19-jähriger wurde er Mannschaftskapitän, führte später das Team nach langer Durstrecke zu zwei Meisterschaften. Dann wechselte er zum FC Porto, im Sommer ging er zurück nach Belgien. Zu den „Lila-Weißen“ des RSC Anderlecht, Standards Erzrivalen. Das haben ihm die Verehrer von einst nicht verziehen. „Wir wollten Defour verdeutlichen, dass wir ihn vergötterten, dass er uns dann verraten hat und hier nicht mehr willkommen ist.“

„Rot oder Tot“ ist ihr Motto - das „Tifo“-Banner ist ihr Wahrzeichen

So steht es in einer Presseerklärung der „Standard UItras Inferno“, wie sich die Hardcore-Fantruppe der Lütticher nennt. Sie hat rund 700 Mitglieder, „Rot oder Tot“ ist ihr Motto, das „Tifo“-Banner ist ihr Wahrzeichen, mit dem sie es allen zeigen: Wir sind die Echten, die Leidenschaftlichen, die Beschützer der Seele des Fußbal!s. Entrollt wird das Tifo nur kurz, schon weil es vielen Besuchern unter dem Tuch die Sicht aufs Feld nimmt. Konzeption und Anfertigung dauern ein halbes Jahr. Mit dem islamistischen Henkertum habe das umstrittene Motiv gar nichts zu tun gehabt, versichern die Ultras. Es stamme vielmehr aus dem Horror-Film „Freitag, der 13.“. Die Idee, dem abgeschlagenen Haupt Dufours Gesichtszüge zu geben, sei erst viel später geboren worden.


Teil des Skandals ist die wurstige Reaktion der Lütticher Offiziellen. Noch während des Spiels hatte Standards Marketingdirektor ein Foto des Plakats in die Welt hinaus getwittert. Auch Trainer Ivan Vukomanovic fand die Sache halb so schlimm. Wenn sich in seiner Heimatstadt Belgrad Roter Stern und Partizan beharkten, seien Schmähungen dieses Kalibers an der Tagesordnung. Und der Lütticher Spieler Mehdi Carcela meinte gar. „Das Banner hat mich zum Lachen gebracht.“

Clubs müssen sensibilisiert werden

Hooligans Angesichts der allgemeinen Empörung raffte sich die Vereinsführung am Tag danach zu einer eindeutigen Stellungnahme auf: „Wir verurteilen dieses Banner.“ Der für Sport zuständige Regionalminister René Collin erklärte, er erwarte, dass sich der Königlich Belgische Fußballverband (URBSFA) „in Bewegung setze“. Der Verband will nun Vorkehrungen gegen derartige Provokationen treffen. Welche, ist noch unklar.

„Wir sind natürlich nicht gegen Banner, die zum Gemeinschaftserlebnis Fußball gehören“, sagt URBSFA-Chef Steven Martens. „Aber man muss die Clubs sensibilisieren. Sie sind für ihre Fans verantwortlich und haben ein Interesse an einem positiven Erscheinungsbild.“ Die Inferno-Ultras verstehen hingegen die Welt nicht mehr. Was soll die Aufregung? .„Das ist schließlich nur ein Tuch. Keine Kriegserklärung oder Gewalttat.“