Laborchef Löw ist beim DFB-Team in der Experimentierphase

Experimentierfreudig: Bundestrainer Joachim Löw.
Experimentierfreudig: Bundestrainer Joachim Löw.
Foto: Getty Images
Was wir bereits wissen
Dreierkette installieren, Neulinge integrieren - Der Bundestrainer schraubt am Grundgerüst der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Und geht damit bewusst ins Risiko.

Kaiserslautern.. Nachdem klar war, dass sich der Weltmeister vom Ergebnis her doch noch auf Augenhöhe mit dem Asienmeister befand, ging Joachim Löw erneut auf seine Experimentierfreudigkeit ein. Es ist ja bekannt, dass den Bundestrainer seit dem vergangenen Sommer die Lust und Neugierde gepackt hat, das vermeintlich beste Team der Welt zu verändern, es für alle bevorstehenden Angriffe anderer Nationen als Folge des WM-Titels in Brasilien zu wappnen. Dass dies nicht hopplahopp funktioniere, sei normal, befand also Joachim Löw, als er nach dem dürftigen 2:2-Test Deutschlands gegen Australien das Labor oben auf dem Lauterer Betzenberg verlassen hatte und im Presseraum über die gesamte Versuchsanordnung samt viel diskutierter Dreierkette referierte. “Es wird Zeit benötigen, wenn wir Veränderungen vornehmen und flexibler werden wollen”, blieb der 55 Jahre alte Fußball-Lehrer gelassen, selbst wenn es zum Gelingen des Umbruchs “eineinhalb oder sogar drei Jahre” benötige: “Ich bin bereit, das Risiko einzugehen.”

Das ist zeitlich weit gedacht, mindestens bis zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich, wenn nicht sogar schon bis zur angedachten WM-Titelverteidigung 2018 in Russland. Der auf eine Halbzeit begrenzte und klar misslungene Abwehr-Test zum Länderspielauftakt 2015 lenkt das Bewusstsein jedoch auf kurzfristige Aufgabestellungen, sich überhaupt erstmal für die kontinentale Endrunde im nächsten Sommer zu qualifizieren - was im deutschen Lager allerdings nicht infrage gestellt wird, da aller Voraussicht nach ein Trio aus der deutschen Quali-Gruppe nach Frankreich fahren darf und der Weltmeister derzeit ja noch Dritter ist. Vom größten Titel im Mannschaftssport beseelt, wird die oberste Dienststelle des Deutschen Fußball-Bundes nun also kaum ihren Leitenden Angestellten Löw zur Räson rufen. Spiele wie gegen Australien seien dazu da, um sich Fehler folgenlos mal erlauben zu können, sagte der Bundestrainer. Ihm fiel es daher leicht, die Unzulänglichkeiten der Seinen offen einzugestehen.

Khedira kündigt "gierige Mannschaft" an

“Darüber müssen wir mit der ganzen Mannschaft nochmal sprechen”, sagte Flügelflitzer Karim Bellarabi, bevor der deutsche Tross am Mittwoch kurz vor Mitternacht zurück ins schicke DFB-Refugium, der Villa Kennedy in Frankfurt, aufbrach. Genügend Raum und Zeit fand dort Joachim Löw, um seine Mannschaft auf das EM-Qualifikationsspiel am Sonntag (18 Uhr MEZ/LIVE bei uns im Ticker) gegen Georgien einzustimmen. Nach einer Trainingseinheit am Freitagmorgen hebt der Flieger um 14 Uhr in Richtung Tiflis ab. “Niemand muss sich Sorgen machen”, versuchte Sami Khedira zu beschwichtigen, “wir haben am Sonntag eine andere, eine gierige Mannschaft auf dem Platz.”

Der Weltmeister kann es nämlich nicht gebrauchen, dass vor dem “heißen Herbst” (Löw) mit den Partien gegen Polen, Irland und Schottland noch Punkte im Kaukasus liegen gelassen werden. Georgien wird der deutschen Elf aller Wahrscheinlichkeit sehr defensiv entgegentreten - was aber nichts heißen darf, wenn Christoph Kramer schon Australien als Gegner eingestuft hat, “gegen den ein 5:0 und dann ist gut vorgesehen war”. Auf die Dreierkette, in der Benedikt Höwedes, Skhodran Mustafi und Holger Badstuber gegen “mutige, freche Australier” in Zweikämpfen “keinen richtigen Zugriff bekamen” und die die Spieleröffnung “nie gänzlich in Griff” hatte, wird Löw wohl verzichten, das deutete er bereits an. Sie wirkte gegen Australien tatsächlich auch wie ein Anfängerkurs in Löws Experimentalunterricht.

Dreierkette im Fokus der DFB-Scouts

In den vier Monaten seit der letzten Zusammenkunft beim Weltmeister-Ball in Spanien hatten sich auf Geheiß des Bundestrainers Chef-Scout Urs Siegenthaler und seine Helfer in Chile und Italien über die unterschiedlichen Interpretationen der Dreierkette schlau gemacht. Aus Löws Einlassungen zu dieser Form der Verteidigung stachen bisher vor allem die Vorteile für die Offensivabteilung hervor. Bastian Schweinsteiger hatte deshalb schon vor der Begegnung zurecht bemerkt, als Weltmeister solle man schon mehrere Systeme beherrschen, aber doch bitte zunächst einmal auf das Abwehrvermögen achten.

Der neue Kapitän wird gegen Georgien ebenso sicher in die Startelf zurückkehren wie Manuel Neuer, Thomas Müller, Jerome Boateng, Toni Kroos und Mats Hummels, die das Treiben gegen die “Socceroos” von der Bank aus verfolgten. Von dort erkannten auch sie, dass die Dortmunder Rückkehrer Ilkay Gündogan (“Wir haben noch Luft nach oben”) und Marco Reus, neben Lukas Podolski deutscher Torschütze beim hektischen 2:2, bald wieder an glanzvolle vergangene Tage anknüpfen können. “Jetzt werden wir die Spannung in Richtung Georgien erhöhen”, beruhigte Löw, “und mit noch mehr Konzentration antreten.” Auf Experimente sollte er dann verzichten.