In Südafrika herrscht das Fußball-Fieber
10.06.2010 | 19:11 Uhr 2010-06-10T19:11:00+0200
Johannesburg.Am Tag vor dem WM-Start hat das Fußball-Fieber in Südafrika neue Rekordhöhen erreicht. Die Anhänger der Nationalelf „Bafana Bafana“ können das Eröffnungsspiel gegen Mexiko kaum erwarten.
Ähnlich gespannt wie den Auftritt ihrer Mannschaft im WM-Eröffnungsspiel gegen Mexiko erwarten die Südafrikaner am Freitag Informationen zur Tagesplanung von Nelson Mandela. Wird dem 91-Jährigen von seinen Ärzten und seiner Familie gestattet, das Spiel gegen Mexiko anzusehen? Oder wird er nur „10 bis 15 Minuten ins Stadion kommen, um Mannschaft und Fans zu grüßen“, wie sein Enkel Nkosi Mandela angekündigt hat? In jedem Fall ist das Erscheinen des ersten schwarzen Präsidenten des Landes ein Akt größter Symbolkraft.
Denn Mandela hat ein feines Gespür dafür, wie der Sport für eine größere Sache nutzbar ist. Für den Frieden und den südafrikanischen Weg zu einer gerechteren Gesellschaft zum Beispiel. 1995, in seinem ersten Jahr als Präsident, trug er beim Finale der Rugby-WM das Trikot der südafrikanischen „Springboks“. Für viele Schwarze war dies lange ein Skandal. Rugby ist ein Sport der Weißen, doch Südafrika schlug damals die favorisierten Neuseeländer, und dann umarmte Mandela Francois Pienaar, den weißen Kapitän der Mannschaft. Schwarze und Weiße jubelten gemeinsam, es war einer der zauberhaftesten Momente nach dem Ende der Apartheid. Nun fiebert das Land einem neuen großen Augenblick entgegen. Nur einem ist es zu viel mit der enormen Aufladung des Turniers: Trainer Carlos Alberto Parreira.
Südafrika erreicht das Finale
„Diesem historischen Druck setze ich mich erst gar nicht aus, und ich werde nicht zulassen, dass meine Spieler damit behelligt werden“, hat Parreira vor einigen Tagen gesagt. Dass die Mannschaft am Mittwoch in einem offenen Bus umjubelt von 100.000 Menschen durch Johannesburg gefahren ist, hat dem Brasilianer gar nicht gefallen: „Zwei Tage vor einem wichtigen Spiel können wir so etwas nicht gebrauchen“.
Ähnlich unangenehm dürfte ihm dann der Besuch Jacob Zumas nach der Parade gewesen sein. „Als Optimist sage ich, wir werden das Finale erreichen und meine Hände jucken, den Pokal an Kapitän Aaron Mokoena zu übergeben“, sagte der heutige Präsident unter dem Applaus der Mannschaft.
Kein Wunder, dass Parreira fürchtet, seine sportliche Mission werde überfrachtet mit unerfüllbaren Sehnsüchten. Denn längst ist der Traum von einer erfolgreichen WM in Südafrika viel größer als das Potenzial der Mannschaft. Selbst die kleine Erfolgsserie von zuletzt zwölf Spielen ohne Niederlage ist mittlerweile eine Last. „Die Geschichte zeigt, dass die Ergebnisse von Freundschaftsspielen keine Aussagekraft haben“, sagt Parreira, doch solche Worte der Vernunft sind nicht gefragt in diesen Tagen. „Bafana Mania!“ titelten gestern gleich mehrere große Tageszeitungen.
Gleichwohl hat sich sportlich einiges entwickelt beim Gastgeber. „Die Mannschaft hat körperlich zugelegt“, Parreira spricht nur noch von „zwei, drei ungelösten Problemen“. So fehlt es der Offensive an Durchschlagskraft, zuletzt benötigte das Team immer wieder Elfmeter, um Tore zu erzielen. Außerdem ist den meisten Spielern das Niveau neu, auf dem sie bei dieser WM gefordert sind. Steven Pienaar vom FC Everton war in der abgelaufenen Saison der einzige Spieler, der regelmäßig in einer europäischen Topliga eingesetzt wurde, und die Testspielgegner waren Thailand, Kolumbien, Jamaika, Guatemala ...
Vor allem sind es die Mittel des Underdogs, mit denen Südafrika dieses Turnier prägen möchte: Zusammenhalt, der Heimvorteil und der Krach der Vuvuzela, mit der die Gegner aus dem Stadion geblasen werden sollen.
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