Heute gilt: Verlieren streng verboten!
25.04.2008 | 23:09 Uhr 2008-04-25T23:09:15+0200Siegen. Uneinigkeit in der Vereinsführung, Trainerdiskussion, Gerüchte um einen Rauswurf des amtierenden Vorstandes - die Vorzeichen für einen Aufschwung bei Sportfreunde Siegen stehen vor dem heutigen Schicksalsspiel im Leimbachstadion gegen den ...
... Mitkonkurrenten Hessen Kassel (14 Uhr) schlechter denn je. Wie soll ein angezweifelter Trainer Marc Fascher, wie sollen schwach geredete Fußballer der Sportfreunde Siegen heute die Wende zum Guten schaffen, wenn im Vereinsumfeld Gerüchte, Unruhen, Zweifel und Unsicherheit dazu angetan sind, das sportliche Versagen vorzuprogrammmieren? "Es ist schwer, in der jetzigen Situation die Ruhe zu bewahren. Es ist nicht ganz so leicht, sich auf das Wesentliche, auf das Sportliche zu konzentrieren", erklärte gestern Mittag Cheftrainer Marc Fascher auf der obligatorischen Pressekonferenz vor einem Heimspiel.
Dass sich diesmal die Medienvertreter auf die Vorstandspersonen stürzen wollten, konnte dem 39-jährigen Hamburger in seiner Anspannung nur recht sein. Lenkt dies doch den Blick ein wenig von seinen Problemen ab.
Vorsitzender Hansen:
"Wie man sieht, ich bin ja noch da"
Was für eine Woche: Am Montag diskutierten Vorstand und Aufsichtsrat über die Zukunft des Trainers. Der Aufsichtsrat empfahl mehrheitlich die Entlassung, der Vorstand hingegen stützt Marc Fascher, verzichtet auch auf ein "Erfolgsultimatum". Tags darauf hauen der Aufsichtsratsvorsitzende Christoph Bornebusch und Gerold Schmidt "in den Sack", sie sehen sich mit ihren Positionen offenbar allein auf weiter Flur.
Gestern der Höhepunkt der bisherigen Unruhen: Das WDR-Studio Siegen meldete am Morgen, dass der Aufsichsrat den Vorstand zum Rücktritt gedrängt habe und sowohl der Vorsitzende Christoph Hansen als auch der für die Finanzen zuständige Dirk Röckinghausen bereits ihre Schreibtische geräumt hätten. Das Vereinskontrollorgan wolle den Rauswurf - so der Radiosender - erst nach dem Spiel am heutigen Samstag gegen Hessen Kassel bekannt geben.
Diese Meldung hatte dann zahlreiche Medienvertreter um 11.30 Uhr in die Geschäftsstelle zur Pressekonferenz angelockt. Doch großes Erstaunen: Christoph Hansen leitete die Konferenz, der erklärte aber, nur Fragen zum Spiel gegen Hessen Kassel und zur Mannschaft würden beantwortet. Eine Stellungnahme zur Meldung einer Vorstandsentlassung, werde er nicht geben. Hansen sagte zur WR: "In der Sache sage ich nichts, oberste Priorität hat das Spiel gegen Kassel. Aber, wie man sieht, bin ich ja noch hier." Mehr noch, er verabschiedete sich mit den Worten: "Bis morgen beim Spiel."
Wie kurz die Halbwertszeit von Posten und Funktionen derzeit bei den Sportfreunden ist, erkennt man beim Blick ins aktuelle "Sportfreunde echo". Dort beschreibt Andreas Helmrath als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender die Faktenlage mit klaren Worten: "Was wir brauchen, ist ein Sieg gegen Hessen Kassel und sonst nichts!"
Doch gestern war Helmrath bereits als neuer Vorsitzender des Aufsichtsrates ein viel gefragter Mann: "Wir werden nichts zum Thema Vorstand erklären. Wir warten das Spiel gegen Kassel ab und werden am Dienstag eine Erklärung abgeben," sagte er auf WR-Nachfrage.
"Mannschaft will die Schlappe von München vergessen machen"
Auch die Halbwertszeit von Nachrichten ist in diesen Tagen kurz: Am Nachmittag musste der WDR ein Stück zurückrudern, erklärte wörtlich: "Sportfreunde-Vorstand leitet Pressekonferenz trotz Rücktritts" und auch von der Darstellung, die Vorstands-entlassung werde erst nach dem Spiel gegen Hessen Kassel offiziell verkündet, wurde schon am Nachmittag auf nächste Woche datiert.
Wenn das Gezerre um Macht und Einfluss, die Querelen überhaupt etwas Gutes haben können, dann dies: Trainer und Mannschaft rücken aus dem Fokus, der Überdruck des Erfolgs wird gemindert. "Das Sportliche ist unser Job, deswegen versuchen wir, so professionell wie möglich die Situation zu meistern", erklärte Marc Fascher und fügt kämpferisch an, "die Mannschaft will die Schlappe von München vergessen machen, will am Samstag richtig Gas geben".
Überaus konzentriert hätten die Spieler gearbeitet, man werde eine "Trotzreaktion" zeigen. Und auch diese Worte kannte man von dem Nordlicht bisher nicht: "Der Gegner ist keiner, vor dem wir uns fürchten müssten."
Verzichten muss Fascher auf Kapitän Enrico Gaede, der mit der 5. gelben Karte ein Spiel Sperre absitzen muss. Auf die Frage der WR, wer denn die Rolle des "Häuptlings", des Führungsspielers übernehmen wird, ob Christian Pospischil oder Alexander Blessin, antwortete Fascher: "Wir werden einen triftigen Grund haben, die Stelle des Kapitäns mit dem richtigen Spieler zu besetzen."
Gegen den Gast aus Nordhessen könnte Marc Fascher einen "Neuling" im Kader begrüßen. Nach seinem Syndesmosebandriss im rechten oberen Sprunggelenk ist Markus Unger nun wieder im Mannschaftstraining. Doch der Trainer bremst: "Man muss abwarten, wie er das Abschlusstraining übersteht."
Die sportlichen Vorzeichen müssen nicht noch mal verdeutlicht werden - doch soviel: Nach zwei Niederlagen in Folge braucht Siegen nichts als den Sieg, um die letzten Chancen auf den Klassenerhalt zu wahren.
"Bei jedem einzelnen muss am Ende die Lunge brennen"
Die Mannschaft spielt heute - vor vielleicht 6 000 Zuschauern - um den Kopf des Trainers, um die Köpfe des Vorstandes, um die Zukunft des Vereins und vor allem um die eigene Ehre als Fußballer - oder, um es mit den Worten des Aufsichtsrates Andreas Helmrath zu sagen: "Bei jedem einzelnen muss am Ende die Lunge brennen. Alle Vorschusslorbeeren und alte Verdienste sind mittlerweile aufgebraucht. Heute kann die Mannschaft zeigen, dass sie Charakter hat und jeder einzelne kann beweisen, dass er sein Geld wirklich wert ist."
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