Wie realistisch ist die Meisterschaft für Gladbach?
30.01.2012 | 22:38 Uhr 2012-01-30T22:38:21+0100
Mönchengladbach. Günther Netzer und Co. trauen Gladbach die Meisterschaft zu – aber davon will bei der Borussia niemand etwas wissen. Wie gut ist Gladbach wirklich? Wächst das Anspruchsdenken? Und wo lauern die Gefahren? Eine Analyse.
Wer über sich selbst schreibt, ist gut beraten, vorsichtig zu formulieren. Es ist ja nicht sympathisch, sich in den Vordergrund zu schieben. Aber was will man machen, wenn man für Borussia Mönchengladbach arbeitet? Ist Zurückhaltung überhaupt noch möglich? Offenbar ja. Die Schlagzeile „Beeindruckende Serienbrecher“, die gestern auf der Klub-Homepage nach dem 3:0-Sieg beim VfB Stuttgart stand, war beinahe emotionslos verglichen mit den euphorischen Stimmen, die es überall zu hören gab.
Wächst das Anspruchsdenken?
Es ist verrückt, mit jedem Sieg mehren sich die Stimmen, die einen Titelgewinn für möglich halten. Interessanterweise sind es auch jene Menschen, die der Gladbacher Führung vor kurzem noch Vorwürfe gemacht hatten. Horst Köppel, unlängst Mitglied einer Oppositionsgruppe, die zum Umsturz bei Borussia aufrief, meint nun: „Man muss dieser taktisch überragenden Truppe sogar den Titel zutrauen.“ Und auch Günter Netzer, der im vergangenen Sommer noch jedes Forum genutzt hatte, um über Personen und Prozesse bei seinem Ex-Klub zu schimpfen, ist jetzt umgeschwenk t und findet: „Die Gladbacher gewinnen ihre Spiele und machen das Beste aus ihrer Situation, am Ende könnten auch sie Meister werden.“
Sprechen die Borussen vom Titel?
Nach dem 3:0 in Stuttgart rangiert Gladbach einen Zähler hinter dem punktgleichen Führungstrio mit Spitzenreiter Bayern München, Meister Borussia Dortmund und Schalke 04. Borussen-Trainer Lucien Favre will die Fohlen-Euphorie aber dämpfen.
„Das Ziel ist der Nicht-Abstieg, der Traum ist, Meister zu werden“, räumte Patrick Herrmann in Stuttgart ein. Der junge Aufsteiger preschte damit vor. Er erlaubte sich, was sich andere Gladbacher öffentlich noch versagen: Nämlich einen Traum zu thematisieren. Ansonsten gilt nach wie vor der stete Satz des Trainers : „Wir werden trotz des Sieges weiter nur von Spiel zu Spiel denken. Unser Ziel ist, so viele Punkte wie möglich zu sammeln“, betont Favre unverdrossen. Und Max Eberl sagt schlicht: „Wir wollen nicht abheben.“
Wie gut ist Gladbach wirklich?
Gladbach ist gut, sehr gut sogar. Es ist unübersehbar. Das Spiel, das die Borussen in diesen Tagen aufziehen, ist zugleich intelligent und mitreißend. Die Vorgaben lauten: möglichst keine Fouls, flaches Spiel aus einer tief stehenden, perfekt organisierten Defensive und immer bereit sein, blitzschnell zu kontern und auf maximales Tempo umzuschalten, um die individuelle Klasse der Offensivspieler optimal nutzen zu können. Im aktuellen Sprachgebrauch heißt das Systemfußball, der offenbar funktioniert, weil die Balance in Gladbachs Team zu stimmen scheint: die kreativen Individualisten im Angriff werden perfekt von technisch immer besser werdenden Abräum- und Aufbauspielern unterstützt.
Ist der Titelgewinn realistisch?
Das ZDF hat die Gladbacher gestern auf der eigenen Internetseite als das „Klein-Barcelona vom Niederrhein“ bezeichnet. Das klingt gut in den Ohren der Anhänger. Und tatsächlich ist es der Borussia auch in Stuttgart gelungen, „das eigene Spiel durchzudrücken“, wie es Max Eberl formuliert hat. Diese Mannschaft arbeitet als Einheit und ist derart straff organisiert, dass selbst Leistungsträger wie Dante (gegen die Bayern) oder Filip Daems (in Stuttgart) ohne erkennbaren Qualitätsverlust ersetzt werden können. Andererseits: Verglichen mit der individuellen Klasse, über die Schalke, Borussia Dortmund und vor allem Bayern München verfügen, muss es sich verbieten, ernsthaft an einen Titelgewinn zu glauben.
Der aktuelle Stand?
Günther Netzer, ehemaliger Spieler von Borussia Mönchengladbach, traut seinen Nachfolgern den Bundesliga-Titel zu. Der langjährige TV-Experte fühlt sich vom modernen Fußball der Mannschaft von Trainer Lucien Favre berauscht. Und er sieht noch weiter Potenzial.
Der Blick auf die Tabelle verrät: Durch den Sieg in Stuttgart hat sich, wenn man ausschließlich nach vorn schaut, nicht viel verändert. Der Abstand auf Bayern, Dortmund und Schalke beträgt nach wie vor einen Punkt. Viel aufschlussreicher ist somit der Blick auf die Verfolger. Festzuhalten ist: Die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb wird zunehmend wahrscheinlich. Acht Punkte Vorsprung auf Rang fünf, zwölf Punkte Vorsprung auf Rang sieben sind mehr als nur ein ordentliches Polster. Sogar der Traum von der Champions League hat gute Chancen, Wirklichkeit zu werden. Zumal wenn es stimmt, wovon Lucien Favre („Wir haben noch viel Details zu verbessern“) und Marco Reus („Wir sind noch nicht am Limit“) überzeugt sind.
Wo lauern die Gefahren?
Viel besser als erwartet hat Gladbach die Nachricht weggesteckt, dass Marco Reus und Roman Neustädter den Klub im Sommer verlassen werden. Offenbar kann die Mannschaft nichts mehr schocken nach einer Saison, die man nach monatelanger Abstiegsangst erst in allerletzter Sekunde einigermaßen schadlos überstehen konnte. Es spricht also nicht viel dafür, dass sich die Profis noch verrückt machen lassen. Sieht man von möglichem Verletzungspech ab, droht Gefahr von spielerisch unterlegenen Gegnern. Gladbach verlor zwar auf Schalke, aber richtig weh taten die Niederlagen in Freiburg, Hoffenheim und Augsburg.
Wie geht es weiter?
Samstag müssen die Borussen erneut reisen. Zum Auswärtsspiel beim neureichen VfL Wolfsburg. Wieder steht die Frage auf dem Spielplan, ob es zu einem Einbruch des Überraschungsteams kommen kann. Sicher ist derzeit vor allem eins: Die Wölfe müssten gewarnt sein.

10:52
Als Dortmund-Fan kann ich Gladbach nur beglückwünschen zu der Saison, die meiner Meinung nach zu den Platzen 2 bis 4 führen wird.
Ganz hervorragend ist dieser Artikel geschrieben!
18:18
Die Antwort auf diese Frage ist sehr vielschichtig und zum jetzigen Zeitpunkt auch glücklicherweise nicht endgültig zu beantworten.
Für einen Titelgewinn spricht: Die hohe Intelligenz des Trainers und der Mannschaft, die Tatsache, dass alle drei übrigen Aspiranten sich noch gegenseitig Punkte wegnehmen und die Tatsache, dass die meisten unsere Borussia nach wie vor nicht auf dem Zettel haben.
Nur der VfL Borussia!
13:39
Vor Beginn der Rückrunde, vor den Spielen gegen Bayern und Stuttgart, war ich sehr skeptisch und habe damit gerechnet, dass es im ungünstigsten Fall zwei Niederlagen setzt.
Die Mannschaft beweist aber auch jetzt, dass sie nicht nur diese Bezeichnung verdient, sie beweist auch, dass sie taktisch sehr diszipliniert und technisch mittlerweile auf einem recht hohen Niveau spielt und sowohl Bayern als auch den VfB recht schlecht aussehen liess.
Sollte sich die Borussia gegen Wolfsburg und Schalke durchsetzen und ggfls. sogar 6 Punkte holen, traue ich den Jungs alles zu. Überraschen würden sie mich jedenfalls nicht mehr.
14:56
Wenn man die Borussia über die gesamte Saison neutral beobachtet hat ,sieht ,wie diese Mannschaft funktioniert .Wenn man sieht,wie jeder einzelne sich bedingungslos in das System Favre eingliedert und seine Aufgaben erledigt ,dann kan man zu dem Schluß kommen , warum sollten die Gladbacher eigentlich nicht Meister werden können .
Ich erinnere nur mal an Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit .Kaiserslautern als Aufsteiger ,Wolfsburg,Dortmund ,Stuttgart hatte keiner der Experten auf dem Schirm.Das ist das schöne an der Buli ,das der Meister sich das in 34 Spielen erarbeiten kann und muß , und nicht vorher schon so gut wie feststeht wie in vielen anderen Ligen Europas .
13:10
die meisterschaft ist für gladbach zumindest realistischer, als der klassenerhalt in der vorigen saison.
09:35
Ich glaube gar nicht. Dennoch ist es wunderschoen, ein Team, dass letztes Jahr beinahe in die Zweite Liga abgerauscht waer und sich auch die Jahre zuvor, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, so spielen zu sehen. Und das Ganze mit einem Team, dass nahezu unveraendert in die neue Saison gestartet ist. Anfang des Starts im letzten Jahr dachte ich erst noch: Glueckssieg, aber mit zunehmender Spielzeit, hat man so einige wirklich wunderbar herausgespielte Siege gesehen.
Dennoch glaube ich nicht, dass die Mannschaft den langen Atem/die Kondition hat, um am Ende, bei einem hoffentlich spannenden Kopf an Kopf-Rennen um die Meisterschaft mitzuhalten. Das finde ich aber auch gar nicht schlimm. Ein fester Platz im internationalen Wettbewerb, sollte aber auf jeden Fall drin sein.