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Interview

Warum die Bundesliga Gladbach zu Yann Sommer gratuliert

23.04.2015 | 23:00 Uhr
Ein Bild mit Symbolkraft. Borussia Mönchengladbachs Nummer eins und Torwarttrainer Uwe Kamps über "moderne Torhüter".Foto: David Nienhaus

Mönchengladbach.   Borussia Mönchengladbach hatte ein Problem, als Marc-André ter Stegen den Verein verließ. Doch dann kam Yann Sommer. Ein Interview über den "modernen Torhüter".

Als letzter verlässt Uwe Kamps den Trainingsplatz im Schatten des Stadions. Die Spieler vom Tabellenvierten Borussia Mönchengladbach sind schon lange geduscht und zwischen den Einheiten auf dem Weg zum Mittagessen. Nur Torwarttrainer Kamps und seine Nummer eins Yann Sommer sind geblieben. Für ein heiteres Gespräch über das „moderne Torwartspiel“, Mentaltrainer und Marc-André ter Stegen.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie dafür verantwortlich sind, dass ein Geräusch im Stadion langsam ausstirbt: Das Raunen der Fans, wenn der Ball zum Torwart zurückgespielt wird.

Uwe Kamps: Ja, das gab es zu meiner Zeit immer (lacht).

Yann Sommer: Ich habe das letztens gegen Frankfurt auch noch gehört, als es ein bisschen knapp war. Ganz ausgestorben ist das nicht (lacht).

Kamps: Au, war der knapp. Aber ganz ehrlich: wenn es dann trotzdem klappt, war es einfach gut. Fertig.

Gladbachs Keeper Sommer: Es kann ruhig Duelle im Fünfer geben

Und schon sind wir mitten im Thema: Der „moderne Torwart“. Wie hat sich das Torwartspiel verändert in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten?

Uwe Kamps: Dazu kann ich am Besten was sagen, weil ich ja alle Stufen durchlaufen habe. Ich war damals in meiner aktiven Zeit noch in der glücklichen Situation, dass ich den Ball zehn Mal hintereinander aufnehmen durfte. Anrollen, aufnehmen, anrollen, aufnehmen. Ich habe das Torwartspiel genau so gelernt und konnte auch deshalb nur mit einem Fuß ordentlich spielen; den anderen hatte ich, damit ich nicht umkippe.

Borussias Torwart-Legende Uwe Kamps ist bei den Gladbach-Fans genauso gefragt, wie die Profi-Spieler - vielleicht bei einer etwas älteren Generation. Foto: David Nienhaus

Das Spiel hat sich dann verändert. Erst durfte man nach einem Einwurf den Ball noch aufnehmen, dann gar nicht mehr. Früher wurde als erste und einzige Option alles nach vorne geflockt. Das war schon eine enorme Umstellung für uns Torhüter, als die Rückpassregel eingeführt wurde.

Yann Sommer: In der Jugend, mit elf oder zwölf Jahren, durften wir auch noch den Ball aufnehmen. Es war mein Glück, dass ich noch sehr jung war, als die Regel geändert wurde. Meine Generation wurde so ausgebildet, dass wir mit links oder rechts lange Bälle spielen oder auch passen können. Das sind die Basics, die schwer zu lernen sind, wenn man nicht früh damit angefangen hat.

Dann gab es mal eine Regel, dass der Torwart den Ball nur ein paar Sekunden in den Händen halten darf.

Kamps: Ach, die war aber nur ganz kurz aktuell. Damit wollte man das Spiel schneller machen. Grundsätzlich ist es vernünftig, das Tempo zu forcieren. Das Torwartspiel geht ja schon lange nur über den Abwehrbereich hinaus. Es geht um Spieleröffnung, Konterfußball, defensiv – durch die Regeländerung – eben auch um die Möglichkeit, den Schlussmann anzulaufen und die Abwehrreihe mit Pressing unter Druck zu setzen.

Wie wichtig ist der Schutz für den Torwart im eigenen Fünfmeterraum?  

Kamps: Das habe ich auch noch anders erlebt. Wir wurden früher mehr angegangen; heutzutage braucht ein Spieler den Torwart ja nur noch in der Luft zu streifen und es wird direkt gepfiffen. Da gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen, nennen wir es internationaler Härte und dem, was in der Bundesliga Standard ist. Ich denke, unsere Torleute könnten schon etwas mehr Härte vertragen. 

Ein Plädoyer für etwas mehr Härte? Herr Sommer, bei Ihrem robusten Körper wäre das kein Problem, was Ihr Torwarttrainer vorschlägt.

Sommer: So lange es fair bleibt, darf es ruhig Duelle geben im Fünfer. Das Problem ist, dass bei den Luftduellen meistens die Ellbogen dabei sind und der Gegenspieler versucht häufig, den Torwart aus der Balance zu bringen. Da reicht nur ein Kontakt, um die Koordination zu stören.

Was könnte das Torwartspiel noch weiter revolutionieren – oder sind wir mit dem Status quo jetzt am Ende des Regelwerks angekommen?

Kamps: Die Bälle wurden ja schon verändert... Das Tor könnte größer gemacht werden, damit noch mehr Tore fallen (lacht).

Pro & Contra
Hat Gladbach mit Sommer den richtigen Torhüter verpflichtet?

Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach hat einen Nachfolger für Marc-André ter Stegen gefunden: Der Schweizer Yann Sommer wird kommende Saison...

Sommer: Dann wird es für meine Körpergröße aber schwierig (lacht).

Sommer ist der richtige Torwart für Borussia Mönchengladbachs System

Wie wichtig ist es als „moderner Torwart“ ein guter Fußballer zu sein?

Sommer: Es kommt immer darauf an, was für ein System dem Trainer vorschwebt, welche Philosophie gepredigt wird und was der Coach von seinem Torhüter erwartet. Wenn man beispielsweise nach England schaut, gibt es nicht viele Mannschaften, in denen der Torwart Fußball spielen können muss. Die Teams spielen einen ganz anderen Fußball. Lange Bälle...

Kamps: … dort wird viel auf den zweiten Ball gespielt...

Sommer: Wir haben mit Lucien Favre einen Trainer bei Borussia Mönchengladbach, der das Spiel von hinten heraus sehr pflegt. Der Trainer legt sehr viel wert darauf, dass der Spielaufbau qualitativ hoch und auch mit einem gewissen Risiko betrieben wird, um den Gegner zu überraschen. Für dieses System braucht er natürlich einen Torhüter, der mitspielen kann. 

"Manuel Neuer hat das Torwartspiel revolutioniert" , heißt es nach der Weltmeisterschaft in Brasilien. Unterschreiben Sie das?

Sommer: Vor allem bei der WM hat er extrem offensiv gespielt. Er hat alles richtig gemacht, es hat alles funktioniert und ihm, sowie der Mannschaft ist alles gelungen. Es gab aber einige Situationen, die können auch anders laufen; da war das Risiko enorm, das fiel mir als Torwart natürlich auf.

Und er spielt immer noch so.

Sommer: Jetzt, in der Bundesliga, hat er es etwas zurückgeschraubt mit dem riskanten Rauslaufen. Er macht das immer noch sehr gut, aber ein bisschen Risiko hat er rausgenommen. Manuel ist ein unglaublicher Torhüter .

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Warum die Bundesliga Gladbach zu Yann Sommer gratuliert
Warum die Bundesliga Gladbach zu Yann Sommer gratuliert
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2015-04-23 23:00
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