Hans Meyer lobt Bundestrainer Löw und erklärt den Weltmeistertitel

Hans Meyers Unterschrift auf dem Trikot ist genauso begehrt wie die der Gladbach-Spieler. Das Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach im Interview.
Hans Meyers Unterschrift auf dem Trikot ist genauso begehrt wie die der Gladbach-Spieler. Das Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach im Interview.
Foto: David Nienhaus
Was wir bereits wissen
Seit Mittwoch steht fest: Bundestrainer Joachim Löw bleibt bis 2016 in der Verantwortung bei der Nationalmannschaft. Hans Meyer freut das. Der ehemalige Trainer und jetzige Vorstand von Borussia Mönchengladbach spricht im Interview über seine Vorahnung in Sachen Löw, den WM-Titel und kritisiert ganz nebenbei die Medien.

Rottach-Egern.. Hans Meyer kommt in die Lobby des Luxushotels "Hotel Überfahrt" am Tegernsee. Braun gebrannt, gut gelaunt und im kurzen T-Shirt nimmt das Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach im schwarzen Ledersessel Platz. Unser Redakteur David Nienhaus spricht mit dem 71-jährigen ehemaligen Bundesligatrainer über die Fußball-Weltmeisterschaft, Christoph Kramer und natürlich Gladbachs Erfolgsarchitekten Lucien Favre und Max Eberl.

Herr Meyer, vor vier Jahren haben Sie Bundestrainer Joachim Löw als "hervorragenden Trainer" bezeichnet und in höchsten Tönen gelobt. Haben sie immer an den Erfolg dieses Nationaltrainers geglaubt?

Hans Meyer: Das ist gar nicht meine Art. Die Medien übertreiben immer gleich. Ich habe nur meine Meinung gesagt und Sie wissen gar nicht, was bei mir "in höchsten Tönen" ist. Ich habe realistisch festgestellt, dass man nicht genau sagen kann, von wem in der Ära Jürgen Klinsmann und Joachim Löw als Bundestrainer die größeren Impulse ausgegangen sind. Klinsmann hat eine klare Auffassung vom Leistungsfußball und das muss man auch hoch anrechnen.

Aber?

Meyer: Schon 2004, als die beiden das Amt übernommen haben, wusste man nicht, wer mehr von seinen Stärken einbringt. Da war ich schon damals der Meinung, dass sich Jürgen Klinsmann nicht zufällig den Löw zur Seite genommen hat. Klinsmann hat aus taktischen Dingen schon vom Jogi profitiert.

Der Weltmeistertitel unter Bundestrainer Löw ist für Sie also keine Überraschung?

Meyer: Wenn man im Fußball tief drin steckt und den deutschen Fußball ein kleines bisschen über Jahrzehnte beobachtet, ist das, was jetzt passiert ist, die Krönung mit dem Weltmeistertitel, kein Zufall. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren richtig etwas unternommen in unseren Förderbedingungen im Nachwuchsbereich. Dadurch haben wir eine Breite an hochklassigen Spielern hervorgebracht, so dass jeder Trainer, der im deutschen Fußball arbeitet, daran seine Freude hat.

Wenn sie die zehn Jahre unter Joachim Löw Revue passieren lassen, zu welchem Schluss kommen Sie?

Meyer: Der Weg von Klinsmann und vor allem Löw war keine kontinuierliche Linie. Ich glaube sogar, dass er es als Rückschlag genommen hat, was bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine passiert ist (Deutschland schied im Halbfinale gegen Italien aus, Anm. d. Red.). Das wird er schon genau analysiert haben, ohne dass er mit den Medien darüber gesprochen hat.

Was waren die Fehler damals?

Meyer: Löw hat es immer geschafft, ein fantastisches Team zu schaffen. Da stimmt es immer in der Mannschaft. Aber genau dieser Punkt hat 2012 nicht gestimmt. Der Einzige, der es angesprochen hat, war Bastian Schweinsteiger Monate später.

Lucien Favre hat Christoph Kramer Selbstvertrauen mitgegeben - und mehr

Woran machen Sie das fest?

Meyer: Das sah man an solchen Situationen, als Mesut Özil damals dem Nationaltrainer bei der Auswechslung den Handschlag verweigert hatte. Das haben die Medien nicht vernünftig kommentiert. Dieser junge Mann, der froh sein kann, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, verweigert dem Trainer die Hand. 2010 sind dieser Özil und Toni Kross nicht einmal nach einem Ballverlust stehen geblieben, zwei Jahre später kam das reihenweise vor.

Aber kurioserweise haben diese Spieler jetzt den Titel geholt.

Meyer: Das ist doch unabhängig voneinander. Ich habe doch nur gesagt, dass es damals im Team nicht gepasst hat.

Und das hat Löw wiederum zwei Jahre später wieder gerade gerückt.

Meyer: Dass ich 2010 genauso positiv über ihn spreche, wie heute auch, hängt damit zusammen, dass er weiß, was er will und dass er das Wichtigste beherzigt: Er lässt das spielen, was er an Spielern zur Verfügung hat. Außerdem trifft er mutige Entscheidungen.

Inwiefern?

Meyer: Ich weiß nicht, wie die Medien reagiert hätten, wenn das schief gegangen wäre. Den Mut zu haben, im Endspiel den jungen Mann von uns, Christoph Kramer, aufzustellen, obwohl noch andere, erfahrenere Spieler draußen auf der Bank saßen, das ist eine ganz große Sache. Da gehört Mut dazu, diese Entscheidung durchzusetzen. Natürlich spricht das auch für unseren jungen Mann und übrigens auch für unseren Trainer Lucien Favre, der Christoph innerhalb eines Jahres so viel Selbstvertrauen und auch andere Dinge mitgegeben hat. Das ist eine Sensation. Die Medien sprechen so oft von "Sensationen" - DAS ist eine Sensation, was sich bei Kramer in der Zeit getan hat.

Hans Meyer erklärt Löws Maßnahmen um DFB-Kapitän Lahm

Ist der Titel also ein Ergebnis aus Mut, Planbarkeit und spielerischer Idee?

Meyer: Als Klinsmann und Löw ihr erstes Länderspiel absolviert haben, 2004 gegen Österreich in Wien, hat man gesehen, was sie vorhaben: So wollten das Fußballspiel in der Gesamtheit aktiver angehen. Pressen und nach Ballverlust stören. Damals haben sie damit begonnen und das haben sie kontinuierlich durchgezogen. Nicht kontinuierlich, wie es draußen der Laie erwartet, weil natürlich auch die Spieler, die zur Verfügung stehen, in unterschiedlicher Verfassung sind. Der Bundestrainer, wie übrigens auch der Vereinstrainer, ist darauf angewiesen, mit welchen Spielern er planen kann.

Sie sprechen von Formtiefs und Verletzungen.

Meyer: Wenn ich daran denke, was für eine fantastische Rolle der Schweini bei der Weltmeisterschaft gespielt hat. Ich darf mal daran erinnern, dass er bei allen größeren Turnieren in den letzten Jahren immer wieder mit Verletzungen zu tun hatte und immer wieder Zeit brauchte, um wieder reinzukommen. Das gilt beispielsweise auch für Sami Khedira, der Weihnachten noch mit einer Kreuzbandoperation ausgefallen ist. Vor ein paar Jahren hätte man noch gesagt: "Aus, Schluss".

Und in Brasilien spielt er plötzlich wieder – auch wenn man das Khedira eigentlich nicht zugetraut hätte.

Lahm-Rücktritt

Meyer: Und wie. Wie Khedira über 60 Minuten gegen Brasilien gespielt hat, ist sensationell. Aber es spricht doch für Jogi, dass er für schwierige Situationen die richtigen Lösungen findet. Nirgends habe ich die Erklärung gelesen, warum Löw Philipp Lahm erst auf die Sechs gestellt hat. Wissen Sie das?

Bundestrainer Löw ist den Medien nicht hörig

Sagen Sie's mir.

Meyer: Sie machen ein Riesenfass auf, dass Jogi Löw, „dieser blinde Mann“, die Mannschaft total durcheinander würfelt und den einzigen Weltklasse-Verteidiger aus der Abwehrreihe ins Mittelfeld tut.

Bei Bayern München hat er dort überzeugt.

Meyer: Das können Sie getrost vergessen. Das ist für Löw maximal ein Randaspekt. Er hat es deshalb gemacht, weil eine Fußballmannschaft mit der Balance steht und fällt. Im defensiven Mittelfeld gehen Schweinsteiger und Khedira angeschlagen ins Turnier und sind mit einem riesigen Fragezeichen versehen. Wenn man mit Kroos und Özil spielt und niemanden auf dem Platz hat, der die Rückraumabsicherung ausgleicht, sind die beiden Klasseleute auch nur die Hälfte wert. Deshalb hat er Lahm dahin gestellt.

Um dann gegen Frankreich doch umzustellen.

Meyer: Als Khedira und Schweini ihr Leistungsmaximum erreicht haben, hat er den Lahm zurückbeordert. Ganz sicher nicht, weil die Presse ihm das geraten hat. Sondern aus Überzeugung. Das habe ich in der Form nirgendwo gelesen.

Hans Meyer übt Medienkritik - Gesetz des Marktes vs. Moral

Immer wieder spricht das Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach von "die Medien". "Sind wir alle gleich?", fragt sich der Autor dieser Zeilen. Kann man "uns Medien" alle über einen Kamm scheren?

Woran liegt das? Gibt es zu viele Ahnungslose im Fußballbereich?

Meyer: Nein, es ist hier und da ziemlich gezielt eine Fehlinformation. Die Variante, dass der Bundestrainer Fehler macht, gefällt doch auch manchen. Es gibt so viel schleichende und unsachliche Kritik, da ist nicht nur Unwissenheit dabei, sondern auch Böswilligkeit. Nicht als Weltmeister. Da sind wir jetzt alle Freunde.

Sehen Sie denn da eine Vermischung des Boulevards mit den sogenannten seriösen Medien?

Meyer: Das hat mit einer einzigen Sache zu tun. Die Gesetze des Marktes gelten auch für die seriösen Medien. Es ist bekannt, dass du spektakuläre Nachrichten besser verkaufst als seriöse Sachen. Wir müssen uns aber jetzt nicht über Moral im Journalismus unterhalten.

Schade. Dann lassen Sie uns doch darüber sprechen, was der Weltmeistertitel mit Fußball-Deutschland idealerweise macht.

Gladbach

Meyer: Es wird eine ganze Menge Positives mit unserem Land machen. Es hat bei der Anzahl von Menschen, die immer wieder in überheblicher Art und Weise unser Deutschtum nach vorne kehren, natürlich auch ein paar Negativfolgen haben. Aber die kannst du getrost vergessen, bei der großen Anzahl von positiven Nebeneffekten, die es haben wird.

Werden Sie konkret.

Meyer: Das fängt bei den ganz Kleinen an, die jetzt das Final-Tor von Mario Götze auf den Bolzplätzen nachstellen wollen. Es wird einen fantastischen Effekt auf die Basis haben, die mir immer viel zu kurz kommt, wenn es um die positiven Aspekte des Fußballs geht. Dort geht es um Integration, Spaß, und der Sport verbindet. Wenn die irgendwann mit 40 oder 50 Jahren mit dem Volkssport aufhören und sich an die Zeit des Fußballs erinnern, sagen die meisten, es war die schönste Zeit. Das kommt nicht über die Lokalpresse hinaus.

Meyer hält WM-Party auf der Fanmeile für übertrieben

Was denken Sie, wenn Sie die 500.000 Menschen in Berlin auf der Fan-Meile sehen?

Meyer: Ich sag mal so: Das ist etwas, was ich im Grunde genommen nie völlig verstehen werde. Nichtsdestoweniger finde ich das dennoch großartig, dass sich Menschen so mit einer Sache identifizieren können und diese Jungs so würdigen. Ich werde diese Art von Würdigung aber immer für übertrieben halten.

Warum?

Meyer: Weil ich mit den Jungs, also nicht mit den Nationalspielern, sondern auf einer bisschen niedrigeren Ebene umgegangen bin und weiß, wie sehr, sehr normal sie sind. Die Spieler können das sehr gut einschätzen, was der Jubel im Fußball zu bedeuten hat. Philipp Lahm gehört da ganz sicher zu. Die Begeisterung kann ganz schnell in Ärger und Bissigkeit umschlagen.

Was meinen Sie, ist dieser schmale Grat auch ein Grund dafür, dass Lahm aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist?

Meyer: Ich glaube, dass Sie den Fehler machen, aus Eigenempfinden viel zu sehr zu grübeln. Hier passiert etwas ganz Logisches. Er spielt immer noch bei Bayern, um seinem Ego zu genügen und er bleibt auf ewig in der Nationalmannschaft mit einem fantastischen Ruf zurück.

Aber was könnte der Grund sein?

Meyer: Er hat damals um die Kapitänsbinde gefightet, wollte sie nicht wieder hergeben und ich glaube, dass er mitbekommen hat, dass diese Rolle als Kapitän gerade in der Darstellung auch eine Belastung ist. Eine Frau am Trainingsplatz hat es ganz gut zusammengefasst. Sie fragte: „Hat er genug Geld? Ja, hat er. Hat er genug Ruhm und Ehre? Ja, hat er. Hat er eine Frau und ein Kind? Er wäre doch dumm, wenn er nicht jetzt mal etwas egoistischer ist.“ Und sie hat Recht. Mit welchem Recht nehmen wir uns raus, diese Jungs immer nur total für uns zu vereinnahmen. Akzeptiert seine Entscheidung doch einfach mal.

Kann Löw Lahm im DFB-Team ersetzen?

Meyer: Der Fußball hat es immer geschafft, ganz Große zu ersetzen.

Hans Meyer will realistische Zielsetzungen für Gladbach

Hans Meyer guckt auf die Uhr. "Wir müssen bald fertig werden", sagt er. Um 16 Uhr spielt die Borussia gegen den französischen Klub Stade Rennes in Rosenheim. Hans Meyer hat die Eintrittskarten für seine Kollegen und will natürlich nicht zu spät sein. Der Redakteur plant um. Statt weiterer Fragen zur WM und Christoph Kramer kommt nun im Schnelldurchgang der Themenblock "Gladbach". Viel mehr Zeit ist nicht.

Herr Meyer, was bringt Gladbach den Erfolg?

Meyer: Überall dort, wo gute Leute kontinuierlich arbeiten können, ist der Erfolg zwar nicht vorprogrammiert; aber um es umgekehrt zu sagen: Wo Erfolg ist, stimmt das. Die dreieinhalb Jahre mit Lucien Favre und den Erfolgen sind eine herrliche Sache.

Sie sind ein Freund der deutschen Sprache. Was sagen Sie zum, mit Verlaub gesagt, etwas sperrigen Begriff: "Etablierung der Einstelligkeit"?

Meyer: Wie überall, so sollte sich auch im Fußball die deutsche Sprache einfach gestalten. Ich werde immer sagen, dass ich mich auf eine Aufgabe konzentriere und nicht fokussiere. Warum muss ich da irgendwelche pseudointellektuellen Fremdwörter nehmen. Aber wenn es natürlich alle sagen... Aber Sie wollen doch auf etwas anderes hinaus.

Gladbach hat mit Juan Arango einen wichtigen Mann verloren

Nämlich was?

Meyer: Ich persönlich halte Zielstellungen einer Mannschaft immer für gut, wenn sie realistisch sind und im Vorhinein schon einplanen, dass nicht immer alles rund läuft. Beispielsweise muss man jetzt Juan Arango, der uns in den vergangenen Jahren richtig geholfen hat, ersetzen. Es ist ein permanenter Umbruch. Würden Max Kruse mit einer Schulterverletzung und auch Branimir Hrgota länger ausgefallen und würde Gladbach schlecht starten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den sechsten Platz wiederholen kann, geringer.

Eine Zielsetzung bedeutet im Umkehrschluss permanenter Druck für die Spieler?

Meyer: Ich weiß, was im Fußball passiert, und ich finde es gut, dass wir weder intern noch extern einen unnötigen Druck auf Jungs erzeugen, die sowieso das Beste wollen. Und wenn eine Zielstellung überboten wird, ist jeder ehrgeizige Fußballer zufrieden. Die komische Formulierung, dass man nichts Hohes erreichen kann, wenn man keine hohen Erwartungen hat, ist völliger Schwachsinn.