Gladbachs Trainer Favre will von Rückschlag nichts wissen
05.02.2012 | 17:24 Uhr 2012-02-05T17:24:00+0100
Wolfsburg. Borussia Mönchengladbach büßte mit dem 0:0 beim VfL Wolfsburg Boden gegenüber Spitzenreiter Borussia Dortmund ein. Gefragt, ob dies ein Rückschlag im Kampf um die Meisterschaft sei, fragte Gladbachs Trainer Lucien Favre zurück: „Sind Sie verrückt?“.
Manchmal, wenn Lucien Favre wirklich verblüfft ist, zieht er die Augenbrauen weit nach oben. Am Samstag, nach dem 0:0 beim VfL Wolfsburg , gab es diesen Moment gleich zweimal. Zuerst hatte ein TV-Reporter unmittelbar nach dem Abpfiff gefragt, ob dieses Unentschieden ein Rückschlag im Titelrennen war, und Minuten später, während der offiziellen Pressekonferenz, hatte ein anderer Journalist exakt diese Frage in gleichem Wortlaut wiederholt. Beide Male hatte der Trainer von Borussia Mönchengladbach aus ganz großen Augen geguckt und die Gegenfrage gestellt: „Sind Sie verrückt?“
Man weiß es ja nie in diesem Geschäft: War der Fußball-Lehrer ernsthaft erstaunt, oder hat er auch ein wenig geschauspielert, um zu verdeutlichen, für wie absurd er die Frage hält? Die Antwort kann der Schweizer nur persönlich geben. Aber man darf schon mutmaßen, dass Favre ein Unentschieden bei dem hochgetunten Team aus der VW-Stadt für ein durchaus achtbares Ergebnis hält. „Mit dem Punkt hier“, hat er wissen lassen. „kann ich gut leben.“
Gladbacher waren dem Sieg näher als die Wolfsburger
Die Analysen nach dem Abpfiff belegen ohnehin nur den Gladbacher Aufschwung. Vor knapp zwölf Monaten hat der Trainer in seinem zweiten Spiel mit der Borussia noch mit 1:2 in Wolfsburg verloren, und bis auf Logan Bailly, Tobias Levels und Mo Idrissou hat am Samstag das gleiche Team auf dem Rasen gestanden. Damals war die knappe Niederlage als Fortschritt gewertet worden – und heute? Ist ein Punktgewinn bei einer Millionentruppe plötzlich ein Rückschlag?
Es ist nicht so einfach. Fest steht, die Gladbacher waren dem Sieg näher als die Wolfsburger. Der insgesamt enttäuschend spielende Marco Reus lief einmal unbedrängt auf Wolfsburgs Torhüter Diego Benaglio zu und vergab die große Superchance („Das habe ich richtig schlecht gemacht“) beinahe kläglich, als er Mike Hanke übersah und beim anspruchsvollen Versuch scheiterte, den Ball mit dem Außenrist um den Schlussmann zu schlenzen.
Trotzdem hätte es zum dreifachen Punktgewinn kommen können, wenn Patrick Herrmann in einer anderen Situation auf den den völlig freistehenden Juan Arango gepasst hätte oder wenn der Linienrichter kein Abseits gesehen und seine Fahne unten gehalten hätte, als Hanke schon vor der Pause ein vermutlich reguläres Tor erzielte.
Ein Sieg gegen diesen defensiv sehr kompakt stehenden Gegner hätte womöglich zu einer vergleichsweise nachsichtigen Analyse geführt, so aber ging Lucien Favre hin und warf seinem Team vor, zu kompliziert gespielt zu haben: Zu wenig Tempo, zu viel durch die Mitte, zu viele hohe Bälle durch die Luft.
Am Mittwoch im Pokal in Berlin
Die Kritik hat Sinn. Am Mittwoch tritt die Borussia im Pokal bei Favres altem Klub in Berlin (19 Uhr, live im DerWesten-Ticker) an, und der Trainer wollte offenbar das Gefahrenbewusstsein seiner Profis schärfen, nachdem Sportdirektor Max Eberl von einer „machbaren Aufgabe“ gesprochen hatte: Man dürfe die aktuelle Niederlagenserie der Hertha, so Favre, nicht überbewerten. Der Pokal sei „ganz anders als die Bundesliga“, zumal der Hauptstadt-Klub wieder mit Raffael antreten werde. „Das macht einen großen Unterschied.“
Favre versicherte: „Jetzt denke ich an Hertha, aber Mittwoch, direkt nach dem Schlusspfiff, werde ich sofort wieder an die Bundesliga denken.“ Schließlich gibt’s am kommenden Samstag ein Wiedersehen mit Schalke, das nach dem Pokal-Aus noch eine Rechnung offen hat mit den Gladbachern. Auf dem Programm steht ein Spiel zweier Spitzenmannschaften, wenn man der Tabelle glauben will.
Tatsächlich haben die Gladbacher ihr erklärtes Saisonziel vorzeitig erreicht. 40 Punkte. Doch die Tatsache, dass in Wolfsburg niemand aus eigenen Stücken über diese Ausbeute sprach, machte nur deutlich, dass eben nicht nur die Ansprüche der Öffentlichkeit, sondern auch die eigenen gestiegen sind.
Ob man am Abend feiern werde, wurde Mike Hanke gefragt. Der Stürmer guckte erstaunt aus großen Augen, ehe er die Anspielung auf das Saisonziel verstand und lächelnd erwiderte: „Wir haben nicht gut gespielt. Wir haben zwei hundertprozentige Chancen nicht genutzt, es gibt keinen Grund zu feiern.“

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