Besiktas-Spieler Roberto Hilbert warnt Gladbach vor Fenerbahçe

Roberto Hilbert (m.) ist bei den Fans von Besiktas Istanbul beliebt. Der ehemalige Nationalspieler weiß, was Borussia Mönchengladbach am Donnerstag erwartet.
Roberto Hilbert (m.) ist bei den Fans von Besiktas Istanbul beliebt. Der ehemalige Nationalspieler weiß, was Borussia Mönchengladbach am Donnerstag erwartet.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Der ehemalige deutsche Nationalspieler Roberto Hilbert kann sich in die schwere Lage von Borussia Mönchengladbach hineinversetzen. Für den Spieler von Besiktas Istanbul war es zu Stuttgarter Zeiten auch schwer, von "Barcelona auf Bielefeld" umzuschalten. Am Donnerstag trifft Gladbach auch Besiktas Stadtrivalen Fenerbahçe. Hilbert weiß, was dei Fohlen in der Europa League erwartet. Ein Interview.

Essen/Istanbul.. An seinem freien Tag genießt Roberto Hilbert das Familienleben mit Frau und Kindern etwas außerhalb der Stadt. Den Trouble der türkischen Metropole Istanbul empfindet der Mittelfeldspieler von Besikas Istanbul manchmal als „anstrengend“. In der Stadt auf zwei Kontinenten ist „sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag“ immer was los. Der ehemalige deutsche Nationalspieler trägt im zweiten Jahr das Trikot des Traditionsvereins und will nach einem „durchwachsenen“ Jahr in dieser Saison wieder angreifen. Am Wochenende trifft Hilbert mit Besiktas auf den Stadtrivalen Fenerbahçe – dem Gegner von Borussia Mönchengladbach in der Europa League. Wir sprachen mit dem 27-Jährigen über „Fener“, Gladbach und das Leben in der Türkei.

Herr Hilbert, ist es in dieser riesigen Stadt Istanbul überhaupt möglich, einen Tag in Ruhe zu verbringen?

Roberto Hilbert: Das ist schon möglich. Auch wenn hier sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag immer etwas los ist, man lernt damit umzugehen. Außerdem leben wir in dieser sehr schönen Stadt auch etwas abgeschieden und zu Hause kann mich keiner stören.

Man kennt die Bilder, wenn neue Spieler, neue Stars am Flughafen frenetisch gefeiert werden. Wie begegnet man Ihnen in den Straßen Istanbuls?

Hilbert: In den vergangenen beiden Jahren ist mein Popularitätsgrad extrem gestiegen. Es ist ein Zeichen von Respekt und Anerkennung, wenn man auf der Straße erkannt wird. Manchmal ist das ein wenig anstrengend. Aber wenn man weiß, wie man mit den Menschen umgehen muss, ist das okay.

Wie muss man mit den Türken umgehen?

Hilbert: Wichtig ist, dass man jedem Menschen Respekt entgegen bringt. Die Leute merken, wenn man ihnen auch ein Stück weit entgegen kommt und freundlich ist. Die Türken sind extrem emotionale Fußball-Fans, sie sind sehr begeistert und für sie ist Fußball sehr wichtig im Leben. Ich bin bis zu einem gewissen Punkt sehr offen und gebe gerne Autogramme und mache Fotos mit den Fans. Das merken die Menschen auch und geben das mit großem Herzen zurück.

Wie ist der Stellenwert des Fußballs in der Türkei im Vergleich zu Deutschland?

Hilbert: Das ist eine schwierige Frage, weil es hier anders ist als in Deutschland. In Deutschland ist es die Sportart Nummer eins. In der Türkei ist es mehr eine Art Lebensaufgabe. Man gehört von klein auf einem Verein an und das wird quasi vererbt oder mit der Muttermilch weitergegeben. In der Türkei ist es generationsübergreifend, dass man Besiktas-, Fenerbahçe- oder Galatasaray-Fan ist.

Als Besiktas-Fan hat man es momentan aber nicht wirklich leicht.

Hilbert: Ich behaupte, dass wir immer noch der Klub Nummer eins in Istanbul sind. Wir haben die traditionsreichste Geschichte. Klar, die vergangenen beiden Jahre waren nicht ganz so erfolgreich wie gehofft. Aber wir befinden uns auf einem schweren Weg, den man gemeinsam geht. Besiktas ist mitten in einem Umbruch und gehört dennoch zu den Top-Vereinen in der Türkei. Wir sollten nicht anfangen, uns hinten anzustellen.

„Schwerer Weg“, weil der Verein auch wegen des „Financal Fair Plays“ in dieser Saison vom europäischen Wettbewerb ausgeschlossen wurde.

Hilbert: Ich ärgere mich als Spieler über den Ausschluss aus der Europa League. Das ist einfach ärgerlich, weil man um den Lohn der harten Arbeit gebracht wird. In der vergangenen Saison hatten wir so viele Spiele und Englische Wochen und jetzt kann ich mich nicht mal mehr an das letzte Spiel unter der Woche erinnern. Das ist für uns und auch die Fans sehr bitter. Bei diesem Verein ist man es gewohnt, international zu spielen. Wir können es aber nicht ändern und müssen jetzt umso mehr darum kämpfen, in der kommenden Spielzeit wieder auf der europäischen Bühne dabei zu sein.

Gladbachs Krise hat "viele Aspekte und Komponenten"

Auf europäischer Bühne begegnen sich am Donnerstag auch Borussia Mönchengladbach und Fenerbahçe Istanbul.

Hilbert: Ich verfolge die Bundesliga auch hier in der Türkei und habe die Entwicklung bei Gladbach natürlich auch mitbekommen. Die Ära „Lucien Favre“ hat viel Erfolg und den Verein vom Fast-Abstieg beinahe in die Champions League gebracht. Borussia ist jetzt wieder eine Top-Adresse in der Bundesliga und das ist schön auf Grund der Tradition.

Momentan kriselt es aber bei den Fohlen.

Hilbert: Sie haben natürlich einige Spieler verloren und viele Spieler sind diesen Rhythmus der Englischen Wochen gar nicht gewöhnt. Das ist eine große Umstellung für eine Mannschaft, alle drei oder vier Tage zu spielen. Ich kenne das aus meiner zweiten Saison beim VfB Stuttgart. Wir hatten große Probleme mit dem Rhythmus und vor allem auch der Belastung. Damit hat Gladbach momentan auch sichtlich zu kämpfen.

Ist diese Belastung vielleicht auch ein Grund für mangelnde Konzentration?

Hilbert: Es kommen wahrscheinlich viele Aspekte und Komponenten dazu, dass es momentan einfach nicht läuft bei Gladbach. Es ist eine sehr junge Mannschaft, die in der Entwicklung steht und nicht nur fehlende Konzentration ist ein Punkt. Als wir damals mit dem VfB in Barcelona gespielt haben, mussten wir danach nach Bielefeld. Ich will nicht sagen, dass man den vermeintlich kleineren Gegner weniger respektiert, aber unterbewusst ist es vielleicht doch so, dass man als Spieler denkt, ‚jetzt habe ich im Camp Nou gespielt und muss nun nach Bielefeld’. Es ist nicht einfach, das umzuschalten.

Bei Fenerbahçe läuft es momentan auch nicht rund. Der Trainer steht auf der Kippe, Kapitän Alex wurde am Montag entlassen. Wie schätzen Sie „Fener“ ein?

Hilbert: Fenerbahçe gehört natürlich auch zu den großen Vereinen in der Türkei und das zeigt auch der Kader in dieser Saison mit Raúl Meireles, Egemen und Dirk Kuyt. Aber diese internationalen Top-Spieler funktionieren noch nicht zusammen. Und dass man nun den Vertrag mit Alex aufgelöst hat, spaltet den Klub, denn der Brasilianer ist eine lebende Legende bei Fener. Das sorgt für Unruhe beim Verein. Wenn diese Probleme gelöst sind, kann man in der Europa League mit diesem Team rechnen.

Worauf muss denn die Borussia aus Mönchengladbach besonders achten – Sie treffen mit Besiktas am Wochenende auf Fenerbahçe?

Hilbert: Gladbach muss einfach mit Respekt in das Spiel gehen, ohne aber Angst vor dem Gegner zu haben. Ich bin sicher, dass Lucien Favre Fenerbahçe genau unter die Lupe genommen hat und weiß, wo die Stärken und Schwächen des Teams sind. Fenerbahçe hat an Erfahrung und Qualität dazu gewonnen, aber die Mannschaft ist sicherlich zu schlagen.

Kommen wir noch mal auf Besiktas zu sprechen. Ihr Team hat einen Umbruch hinter sich und auch ein bisschen an Qualität verloren.

Gladbach Hilbert: Unser Umbruch hat natürlich auch mit den Nichterfolgen der vergangenen Jahre zu tun. Wir hatten bislang immer so ziemlich den besten Kader der SüperLig, hatten trotzdem aber keinen Erfolg. Darüber hat sich der Verein Gedanken gemacht und will jetzt wieder mehr über den Teamgeist Erfolge einfahren. Natürlich hat der Ausschluss aus der Europa League damit zu tun. Aber ich glaube, der aktuelle Weg des Vereins ist genau der richtige und freue mich, ein Teil davon sein zu dürfen.

Hilbert hofft auf neue Chance in der Nationalmannschaft

Ihr Vertrag endet im kommenden Jahr - bleiben Sie Teil des Umbruchs?

Hilbert: Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Es ist wichtig, dass ich mit Besiktas eine gute Saison spiele und dann wird man sehen, wohin der Weg führt.

In Deutschland wären Sie aber wieder näher am Radar von Bundestrainer Joachim Löw.

Hilbert: Ich bin Realist und weiß, dass ich seit vier Jahren nicht mehr für die DFB-Auswahl nominiert worden bin. Wenn ich nochmal eine Chance in der Nationalmannschaft bekommen würde, würde ich natürlich alles dafür tun, dass das nicht nur eine Eintagsfliege wird und das ich dort wieder auf Dauer bin. Aber ich zerbreche mir nicht täglich den Kopf darüber.