Friedhelm Funkel fühlt sich „für den Ruhestand zu jung“

Friedhelm Funkel will wieder an der Seitenlinie stehen.
Friedhelm Funkel will wieder an der Seitenlinie stehen.
Foto: Foto: Monika Kirsch / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Seit fast 40 Jahren ist Friedhelm Funkel eine Konstante der Bundesliga. Doch nun droht er den Anschluss zu verlieren: Seit einem Drievierteljahr ist er ohne Job. Die Kollegen von RevierSport unterhielten sich mit ihm über die Zeit des Wartens, mangelnde Anerkennung und die Erfolge eines titellosen Trainers.

Essen.. Friedhelm Funkel, haben Sie die Sorge, dass Sie endgültig vom Trainer-Karussell gefallen sein könnten?

Friedhelm Funkel: Ich habe eine tolle Zeit als Trainer bisher hinter mir und will auch noch eine vor mir haben. Für den Ruhestand fühle ich mich zu jung. Ich bin erholt und körperlich topfit. Ich warte einfach ab. Aber es ist nicht so, dass ich deprimiert bin, wenn ein Verein bei seiner Suche nicht auf mich kommt.

Wie gehen Sie denn mit der Rolle des Wartenden um?

Funkel: Man muss eine notwendige Geduld haben. Dann wird auch irgendwann etwas kommen, das passt. Ob das im Winter oder im Frühjahr ist, ob in Deutschland oder im Ausland – das kann ich nicht sagen. Aber ich habe keine Zwänge mehr und weiß, dass ich in meinem Leben nicht mehr verhungern werde. Dementsprechend kann ich ruhig und gelassen sein.

Hätten Sie 1973 geahnt, dass Sie der Bundesliga beinahe durchgängig bis heute erhalten bleiben?

Funkel: Das hätte ich noch nicht einmal zu träumen gewagt. Ich hatte das Glück, dass ich von schweren Verletzungen und Krankheiten verschont geblieben bin.

War es also nur Glück?

Funkel: Nein. Ich hatte immer den eisernen Willen, das zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe. Wenn man in diesem Geschäft so lange dabei ist, hat man vieles richtig gemacht. Es können schließlich nicht viele von sich behaupten, dass sie ihr Hobby über vier Jahrzehnte zum Beruf gemacht haben.

Gibt es Parallelen zwischen dem Trainer und dem Spieler Funkel?

Funkel: Ich bin in beiden Positionen auf- und abgestiegen, war jeweils im DFB-Pokalfinale und im Europapokal. Die größte Parallele ist aber die Art und Weise, wie ich mit meinem Beruf umgegangen bin. Ich war immer ehrgeizig, aber auch dankbar für das, was ich erreichen konnte.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Trainer werden wollen?

Kommentar Funkel: Erst gegen Ende meiner Karriere. Genau genommen 1984, als Kalli Feldkamp Trainer in Uerdingen wurde. Ich habe auf dem Spielfeld schon wie ein Trainer gedacht, aber erst er hat mich darauf gebracht. Er hat mich schon in Kaiserslautern trainiert, wir haben viel über Fußball gesprochen. Und irgendwann sagte er mir: „Du wirst mal Trainer.“ Erst danach habe ich mich damit beschäftigt.

Wie ging es weiter?

Funkel: In den letzten beiden Jahren meiner Profikarriere habe ich zeitgleich meinen Stammverein VfR Neuss trainiert. Ich wollte ausprobieren, ob mir das überhaupt liegt und ob ich rüberbringen kann, was ich auf dem Platz automatisch umgesetzt habe. Wir hatten eine erfolgreiche Zeit. Und danach habe ich den Mut gefasst, in den Trainerzirkus einzusteigen.

Wie groß war Ihre Sorge, dass es schief gehen könnte?

Funkel: Ich habe mich keinen Illusionen hingegeben, als ich 1991 nach einem Jahr als Assistent Cheftrainer bei Bayer Uerdingen wurde. Wenn ich in meiner ersten Station gescheitert wäre, dann wäre es sehr schwierig geworden. Ich bin glücklicherweise direkt im ersten Jahr in die Bundesliga aufgestiegen und habe in dem Geschäft Fuß gefasst.

Sie waren früh festgelegt auf die Rolle des Trainers, der nach dem Abstieg den Wiederaufbau betreibt.

Funkel: Ich habe es fünf Mal geschafft, Vereine zurück in die Bundesliga zu bringen. Und mit Frankfurt ist es mir immerhin gelungen, den Verein fünf Jahre dort zu halten.

War es im Nachhinein falsch, Eintracht Frankfurt zu verlassen?

Funkel: Das war meine schönste Zeit. Die Zusammenarbeit mit der Mannschaft und den Verantwortlichen um Heribert Bruchhagen war einfach phantastisch. Aber fünf Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Und irgendwann wurden die Ansprüche höher. Man war nicht mehr mit einem achten, neunten oder zwölften Platz zufrieden. Da wurde auch mir gegenüber ein großer Frust spürbar. Daher war es die richtige Entscheidung, zu gehen.

War es eine späte Genugtuung für Sie, dass der Verein ohne Sie abgestürzt ist?

Funkel: Ja, mit Sicherheit – jedenfalls das, was damit einherging. Anderthalb Jahre nach der Trennung steckte der Verein in Abstiegssorgen. Von denen, die mich damals kritisiert hatten, habe ich dann gehört: „Wenn du noch da wärst, würden wir nicht absteigen.“ Das sind versteckte Komplimente, die ich gerne mitgenommen habe. Manchmal weiß man eben erst, was man an jemandem gehabt hat, wenn er nicht mehr da ist.

Beim 1. FC Köln waren die Erwartungen direkt zu groß

War es in Köln ähnlich?

Funkel: Der FC ist das beste Beispiel für einen Klub, bei dem die Erwartungen nach dem Aufstieg direkt zu groß geworden sind. Nach neun Spielen hat man mich beurlaubt, weil wir 14. oder 15. waren. Danach ist der FC gnadenlos abgestiegen. Die Entscheidung war also nicht richtig, und das haben mir die Verantwortlichen hinterher auch gesagt.

Wurmt es Sie, dass man Ihnen offenbar nicht zutraut, mit mehr als Durchschnittsmannschaften zu arbeiten?

Funkel: Natürlich hätte ich gerne mal einen Spitzenverein trainiert, aber es hat sich nicht ergeben. Dem trauere ich auch nicht nach. Ich bin im Beruflichen keiner, der unrealistische Träume hat. Ich bin mit meinem Leben und mit dem, was ich erreicht habe, hundertprozentig zufrieden.

Kann auch eine titellose Trainerkarriere eine sehr erfolgreiche sein?

Funkel: Ja, absolut. Es kommt immer darauf an, was man aus den vorhandenen Möglichkeiten macht. Ein Aufstieg ist genauso gut wie der Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit den Bayern. Für mich war im letzten Jahr nicht Jürgen Klopp der Trainer des Jahres, sondern Jos Luhukay, der mit Augsburg sensationell die Klasse gehalten hat. Das war wesentlich schwerer als die Titelverteidigung des BVB mit dieser Topmannschaft. Oder wie Dieter Hecking den 1. FC Nürnberg Jahr für Jahr in der Bundesliga hält. Das ist eine tolle Leistung. Leider wird das in Deutschland nicht immer so anerkannt.

Gibt es eine Vereinsauswahl, die Sie sich im Nachhinein lieber gespart hätten?

Funkel: Ja: Alemannia Aachen. Das war ein Fehler, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen war es falsch, nach der Beurlaubung in Bochum so schnell wieder woanders anzufangen. Und zum anderen habe ich mich nicht so über den Verein informiert, wie ich das sonst gemacht habe. Ich habe Aachen immer nur aus der Entfernung wahrgenommen und habe dann zu früh ja gesagt. Danach musste ich erkennen, dass vieles im Argen lag.

Bis dahin galten Sie als treue Seele. Anschließend waren Sie der Mann, der innerhalb weniger Tage zwei Klubs trainiert.

Funkel: Ich habe mich vom Namen Alemannia Aachen leiten lassen, dem Stadion und all dem. Ich habe nicht gründlich überlegt und zu wenig analysiert, welche Spielertypen zur Verfügung stehen und wie die Infrastruktur ist. Das war nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.

Gibt es Momente, in denen Sie den Fußball lieber hinter sich gelassen hätten?

Funkel: Der Fußball hat mein Leben sehr, sehr stark geprägt. Und die Entscheidung, Trainer zu werden, habe ich keine einzige Sekunde bereut. Ich habe so schöne Momente erlebt wie die Aufstiege. Die Abstiege waren bitter, aber die gehören zum Fußballgeschäft dazu, ebenso wie Beurlaubungen. Da gab es von meiner Seite nie böse Gedanken oder Worte gegenüber den Verantwortlichen. In dem Moment ist es schwierig, die Entscheidung zu verstehen. Aber ich weiß ja, dass sie sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben.

Haben Sie ein Patentrezept entwickelt, um mit Rausschmissen umzugehen?

Funkel: Ich habe es von Anfang an so gehalten, dass ich wusste, dass es dazu gehört. Das passiert eben, und manchmal passiert es viel zu früh. Darüber muss man nicht trauern, sondern sollte offen damit umgehen. Außer Jürgen Klopp gibt es schließlich keinen erfolgreichen Trainer, der noch nie beurlaubt worden ist.

Wie überbrücken Sie die Zeit der Arbeitslosigkeit?

Funkel: Ich mache vieles, für das ich sonst keine Zeit habe. In den letzten Jahren ging es immer permanent weiter. Da habe ich einige Dinge vernachlässigt, zum Beispiel, dass ich mich mit Freunden treffe. Das mache ich jetzt mehr und gehe auch häufiger zu Veranstaltungen, ob nun auf Konzerte oder zu Eishockeyspielen. Und ich bin permanent von Freitag bis Montag in den Bundesligastadien, um auf dem Laufenden zu bleiben – sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga.

Nun sind Sie schon seit einigen Monaten ohne Job. Warten Sie ständig auf das eine Angebot?

[kein Linktext vorhanden] Funkel: Nein, so bin ich nicht. Ich gönne keinem Trainer die Beurlaubung. Auf der anderen Seite rücke ich natürlich erst auf einen Posten, wenn woanders jemand gehen muss. Aber deswegen warte ich nicht darauf.

Gab es denn schon konkrete Angebote?

Funkel: Ich hatte schon zwei, drei Anfragen aus dem Ausland. Aber wenn ich ins Ausland gehe, dann muss schon alles passen. Nach Japan oder China zu gehen, das ist nichts für mich. Das bin ich nicht. Wenn man irgendwo hingeht, sollte man auch gerne dort hingehen. Daher habe ich die Anfragen dankend abgelehnt.

Also bleiben Sie auf ewig in Deutschland?

Funkel: Ich könnte mir durchaus vorstellen, mal innerhalb Europas zu arbeiten oder vielleicht mal ein Nationalteam zu trainieren. Aber ich gebe ohne Umschweife zu: Am liebsten würde ich in Deutschland bleiben, ganz klar.

Wann sind Sie denn wieder in Amt und Würden?

Funkel: Das kann man nicht planen. Ich denke mir nicht: „Hoffentlich verliert der Verein noch mal, dann wird der Trainer beurlaubt und du hast vielleicht eine Chance.“ Das weiß man doch eh nicht vorher.