Kanadier nehmen wenig Notiz von ihrer Heim-WM

Dass die Frauenfußball-WM in Kanada die Massen elektrisiert, kann man nicht behaupten. Nicht einmal in den sechs Spielorten Moncton, Montreal, Ottawa, Winnipeg, Edmonton und Vancouver herrscht WM-Stimmung oder gar Begeisterung.

Montreal.. Obwohl es viele ausländische Fans gibt. Die vielen Kneipen, Restaurants und Sportbars sind gut gefüllt, aber nur wenige interessieren die über die Leinwände flimmernden WM-Spiele der Frauen.

Die Deutsche Presse-Agentur beleuchtet die Atmosphäre.

ZUSCHAUER: Die fünf Spiele von Gastgeber Kanada waren fast alle ausverkauft. Die Vorrunde absolvierte das Team um Superstar Christine Sinclair in Edmonton und Montreal, Achtel- und Viertelfinale in Vancouver vor jeweils mehr als 50 000 Fans. Die Stimmung bei den Partien der Kanadierinnen war prächtig, die Unterstützung durch meist jugendliche Fans oder ganze Familien groß. Das Entsetzen im Land nach dem Viertelfinal-Aus gegen England hielt sich aber in Grenzen.

Der Besuch der übrigen Spiele ist gut, aber nicht sensationell. Was den Zuschauerschnitt angeht, liegt die WM in Kanada nach offiziellen FIFA-Angaben mit einem Schnitt von 24 917 Fans pro Spiel hinter den Weltmeisterschaften in den USA 1999 (37 319), China 2007 (37 218) und Deutschland 2011 (26 428) auf Rang vier.

TV-PRÄSENZ: Der übertragende kanadische TV-Sender TSN bietet mit großem Aufwand eine 24-Stunden-Rundumversorgung: Berichte, Analysen, Zusammenfassungen, Gesprächsrunden mit Experten - alles wie 2011 in Deutschland. Auch andere TV-Anstalten bringen WM-Kurzberichte und Nachrichten. Mit dem Aus des Gastgebers wurde die Berichterstattung angepasst. Seit Montag gilt die größte Aufmerksamkeit dem Tennisturnier in Wimbledon.

ZEITUNGEN: Auch in den heimischen Blättern nimmt die Frauen-WM immer weniger Raum ein und ist von den ersten Seiten im Sportteil weit nach hinten gerückt. Am Dienstag hatte die französisch-sprachige "La Presse" in Montreal auf der dritten Sportseite gerade mal eine Story über das US-Team vor dem Halbfinale gegen Deutschland. Die landesweit erscheinende "The Globe and Mail" widmete der WM noch einen kleinen Kommentar auf der ersten und zwei Spalten auf der fünften Sportseite. Direkt daneben die Todesanzeigen - ein Bild mit Symbolcharakter?

KNEIPEN/SPORTBARS: Restaurants, Pubs und Sportbars sind voll - aber das wären sie auch ohne Fußball. Die Kanadier gehen gerne aus zum Essen oder auf ein paar Bier. Noch dazu finden fast in jeder Stadt im Sommer Musik-Festivals statt. In Montreal, wo die DFB-Elf am Dienstag ihr Halbfinale gegen die USA bestritt, lockt derzeit eines der größten Jazz-Festivals der Welt Hunderttausende Besucher an.

STIMMUNG: Die Gastfreundschaft ist groß, die Atmosphäre locker und entspannt. Überall in den Kneipen gibt es große TV-Schirme und Leinwände, über die auch WM-Spiele flimmern. Doch im Land des Pucks schauen die Kanadier lieber ihren Nationalsport Nummer 1, (Eis)Hockey, oder Baseball und American Football. "Soccer" ist zwar im Kommen. Allerdings wissen geschätzt 90 Prozent der Kanadier nicht, dass eine Frauenfußball-WM in ihrem Land stattfindet.

Auch Emilie aus Montreal, investigative Journalistin vom staatlichen Radio- und TV-Sender Radio Canada, weiß mit Fußball nicht viel anzufangen. Die kurzfristig organisierte Eintrittskarte für das Viertelfinale zwischen Deutschland und Frankreich wurde nur 45 Minuten lang genutzt. "Ich verstehe das Spiel nicht", sagte Emilie später. Sie hatte das Olympiastadion bereits in der Halbzeit verlassen, um mit einer Freundin eine Grillparty zu veranstalten.