Europäer beraten Blatter-Nachfolge

Die Buchung eines großen Konferenzraumes im Nobel-Hotel in Berlin konnte sich Michel Platini sparen. Die geplante Sondersitzung der 54 UEFA-Mitglieder für eine gemeinsame Strategie bei der Neuordnung des Fußball-Weltverbandes wurde vom UEFA-Chef abgesagt.

Zürich.. Vor dem Champions-League-Finale wird auf den Fluren und in Hinterzimmern des UEFA-Hotels in der Hauptstadt aber von den Europäern dennoch über das Vorgehen nach der ersehnten Rücktrittsankündigung von FIFA-Chef Joseph Blatter beraten.

Platini braucht Zeit, einen Plan zu schmieden, womöglich auch, um die erwartete eigene Kandidatur auf sichere Füße zu stellen. "Da täglich neue Informationen ans Tageslicht kommen, denke ich, dass es klüger ist, sich Zeit zu nehmen, um die Situation besser einzuschätzen, um dann gemeinsam Position zu beziehen", sagte Platini.

Seinem deutschen Freund und Kollegen Wolfgang Niersbach gehen die endgültige Ablösung von Joseph Blatter an der FIFA-Spitze und die erhoffte Neuordnung des Fußball-Weltverbandes nicht schnell genug. "Wenn ich das höre, dass ein außerordentlicher Kongress der FIFA erst im Frühjahr des kommenden Jahres stattfinden soll, dann sage ich spontan: Das ist äußerst problematisch, das so zu halten", sagte der DFB-Präsident. "Ich würde ganz klar dafür eintreten, diesen Prozess zu beschleunigen."

Die Meldung vom Rückzug des Dauer-Regenten Blatter hatte auch den Chef des Deutschen Fußball-Bundes überrascht. "Was ist denn passiert zwischen den vier Tagen, in denen er gewählt wurde, bis zu seinem Rücktritt? Ich darf, will und möchte da nicht spekulieren", sagte Niersbach und richtete seinen Blick pragmatisch nach vorn.

Der große Wunsch des deutschen Spitzenfunktionärs: Ein gemeinsamer europäischer Kandidat für die Blatter-Nachfolge. Den hatte die UEFA für die letztlich obsolete Wahl am vergangenen Freitag nicht aufbieten können. Niersbach hält den Niederländer Michael van Praag, der zuletzt zugunsten von Prinz Ali bin al-Hussein zurückgezogen hatte, weiter für einen idealen Kandidaten.

Wie kompliziert die weltweit ersehnte Neuordnung des von Skandalen permanent erschütterten Weltverbands werden könnte, wurde schon am Mittwoch deutlich. Mehr oder weniger seriöse Nachfolgeoptionen wurden gehandelt - von Platini über al-Hussein bis hin zu Fantasiekandidaten wie Diego Maradona.

So groß die Sehnsucht nach Veränderung bei der FIFA und auch nach einer Neuvergabe der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar auch sind, letztlich regeln die gültigen FIFA-Statuten den Fahrplan zum Wandel. Für eine neue WM-Vergabe gibt es mit oder ohne Blatter keine rechtliche Grundlage. Die Verträge der FIFA sind nicht an den Präsidenten gebunden. Nur wenn die Schweizer Justiz bei ihrer Suche nach Unregelmäßigkeiten fündig wird oder im Report des früheren Ethikermittlers Michael Garcia doch mehr steht als bislang zugegeben, kann sich dies noch ändern.

Niersbachs Wunsch nach einer raschen Neubesetzung des Chefpostens hängt auch vom Willen Blatters ab, der eine außerordentliche Sitzung des Exekutivkomitees einberufen könnte. Das Gremium könnte dann sofort einen außerordentlichen Kongress einberufen, der dann wiederum frühestens vier Monate später einen neuen Präsidenten wählt. Dann wäre ein Neuanfang im Spätherbst möglich. Eine solche Eile hat Blatter aber nicht erkennen lassen.

Blatters Organisator für den Wandel, Compliance-Chef Domenico Scala, braucht auch noch Zeit. Der Italiener soll für Blatter Reformen ausarbeiten, durch die die FIFA-Führung grundlegend anders operieren müsste. Amtszeitbeschränkung für Präsident und Exko-Mitglieder, Verkleinerung des Exekutivkomitees, Wahl des Gremiums durch den FIFA-Kongress statt durch die Kongresse der Konföderationen und eine Leumundsprüfung durch die FIFA statt durch die Kontinentalverbände. All dies hätte Blatter früher durchsetzen können - wenn er es als FIFA-Präsident gewollt hätte.