Erleichterung bei U21 - "Wollen Europameister werden"

Auch als Kabinen-DJ Leonardo Bittencourt die "Samba do Brasil" einwarf, kam bei den Mannschaftskollegen nicht wirklich Partystimmung auf. Rio de Janeiro war für die deutschen Fußball-Junioren nach der historischen Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 noch zu weit weg.

Prag.. Vielmehr überwog die Erleichterung, das Halbfinale bei der U21-EM nach einem nicht gerade souveränen 1:1 (0:0) gegen Gastgeber Tschechien erreicht zu haben. "Ich fühle mich jetzt super. Ich bin glücklich, dass wir im Halbfinale stehen und das Olympia-Ticket in der Tasche haben", sagte Trainer Horst Hrubesch.

Das Weiterkommen ist allerdings mit einem Umzug und einer Zugreise nach Olmütz für das Spiel am Samstag (18.00 Uhr MESZ) gegen Portugal verbunden, da die DFB-Auswahl den Gruppensieg verpasste. In Prag spielen Dänemark und Schweden um den Einzug ins Endspiel.

"Einerseits ist es schade, dass wir nicht gewonnen haben und umziehen müssen. Andererseits ist es geil, dass wir das Ticket gezogen haben", sagte Stimmungskanone Bittencourt, der als Sohn eines gebürtigen Brasilianers den Kollegen das südamerikanische Feeling vermittelte: "Ich habe direkt eine brasilianische Musik aufgelegt, damit die Jungs wissen, was nächstes Jahr auf sie zukommt."

Ansonsten gingen alle Beteiligten im deutschen Lager vergleichsweise nüchtern mit der Tatsache um, dass sich erstmals seit 1988 in Seoul eine deutsche Mannschaft für ein olympisches Fußball-Turnier qualifizierte. Für Hannes Löhr, der das damalige Team um die späteren Weltmeister Jürgen Klinsmann und Thomas Häßler zu Bronze führte, war das überfällig. "Das war ja höchste Zeit. Ein olympisches Turnier ist nicht irgendwas", sagte der 72-Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur und lobte das Team: "Ich finde, dass es eine tolle Mannschaft ist, die sich vor keinem zu verstecken braucht. Horst Hrubesch ist ein Mann, der mit jungen Leuten gut umgehen und sie gut motivieren kann."

Hrubesch hatte die U21 2013 auch deswegen wieder übernommen, weil er sich den Olympia-Traum erfüllen wollte. Wichtiger ist für aber nun der Titelgewinn in Tschechien. Gerade nach dem EM-Titel mit den U21-Junioren 2009 und dem WM-Triumph 2014 in Brasilien sind die Trophäen und weniger die Zwischenstationen das Ziel. "Das ist nur ein Etappenziel. Wir wollen Europameister werden. Und das beinhaltet die Olympia-Teilnahme", sagte Weltmeister Matthias Ginter. Dem stimmte Emre Can zu: "Wir sind froh, die Qualifikation geschafft zu haben. Aber jetzt wollen wir Europameister werden."

DFB-Sportdirektor Hansi Flick sah es ähnlich. Man habe das "Minimalziel" erreicht. "Wir haben immer gesagt - und da ist die DFL mit im Boot -, dass wir nach Rio wollen", sagte der ehemalige Assistent von Bundestrainer Joachim Löw. Nun gelte es aber, "den großen Traum des Finales und des Europameistertitels wahrwerden zu lassen". Denn acht Spieler im gegenwärtigen Kader wollen ganz besonders einen krönenden Abschluss, weil sie 2016 für Rio aus Altersgründen - Ausschlusskriterium ist der Stichtag 1. Januar 1992 - nicht mehr infrage kommen. Zudem sind Torwart Marc-André ter Stegen oder Kevin Volland im Blick von Löw für die EM 2016. Volland will sich zukünftig vor allem "auf Verein und A-Nationalmannschaft konzentrieren".

Horst Hrubesch darf drei Spieler mitnehmen, die älter als 23 Jahre sind. So sieht es das Reglement vor. Dafür haben angeblich die zurückgetretenen Weltmeister Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker Interesse angemeldet. "Vorstellen kann ich mir alles, ob es dann so kommt, weiß ich noch nicht", sagte er.

Einzig Leonardo Bittencourt fand im Stimmungs-Mischmasch nach der Ernüchterung am Dienstagabend, als die U21 vor 18 068 Zuschauern im Stadion Eden das 1:0 durch Nico Schulz (55.) nicht ins Ziel bringen konnte, mehr Gedanken zu Olympia. "Meine ganze Familie dreht durch. Die haben schon gebucht. Ich muss jetzt schon beim DFB Tickets anfordern, damit ich genug für meine Familie habe", sagte er.