Fußball-Bundesliga
Ende einer Ära beim FC Bayern München
27.11.2009 | 12:27 Uhr 2009-11-27T12:27:00+0100
Essen. Man mag ihn oder man mag ihn nicht: Uli Hoeneß wird nach 30 Jahren vom Manager zum Präsidenten beim deutschen Rekordmeister Bayern München und beerbt damit Franz Beckenbauer.
Ein Wintertag vor zwanzig Jahren. Uli Hoeneß sitzt im Hotel Bachmair am Tegernsee. Die Profis des FC Bayern München, die auf das Heimspiel gegen Köln warten, liegen um Mitternacht oben in ihren Hotel-Betten. In der Bar bestellt Hoeneß noch einen Campari Orange, der Manager fühlt sich schon den ganzen Abend unwohl.
Er diskutiert mit fünf Chefredakteuren von Frauen-Zeitschriften. Ein neuer Sponsor, der seinen Gesundheits-Trank vermarkten möchte, hat den für Fußballer ungewohnten Abend gewünscht. Hoeneß redet und redet. Er wirkt misstrauisch, bis er merkt: Er hat die Runde im Griff. In diesem Moment lächelt er, und es wird klar: Was gut für den FC Bayern ist, ist gut für Uli Hoeneß.
Es ist nicht immer leicht, Uli Hoeneß zu sein. Manchmal scheint es sogar zwei von ihm zu geben. Erst schaut er so friedlich, als wolle er gleich einen Verein zur Beobachtung von Schmetterlingen gründen. Dann redet er so wuchtige Sätze, dass die Spieler beim Training vermutlich die Druckwellen im Rücken spüren.
Er liebt den Fußball, wie er früher war
Eine doppelte Persönlichkeit? Doktor Uli und Mister Hoeneß? Wer das glaubt, der malt mit dem Einfaltspinsel. Es gibt nur einen Uli Hoeneß, aber der pendelt zwischen den Welten. Er liebt den Fußball, wie er früher war. Doch er war es auch, der den FC Bayern in die Moderne geführt hat.
Ein Beispiel dafür:
In den 70er Jahren saß Stürmer Hoeneß mit den Bayern-Stars Gerd Müller, Sepp Maier, Franz Beckenbauer und „Bulle” Roth im Mannschaftsbus der Münchener, der vom Bremer Weserstadion zum Flughafen fahren sollte. Doch die Werder-Fans blockierten den Bus, und einer im grün-weißen Trikot brach einen Scheibenwischer vom Bus ab.
Hoeneß erzählt immer mal wieder, wie es damals weiter ging. Der Fahrer öffnete die Türs, Maier und Roth sprangen heraus, schnappten sich den Fan, zogen ihn in den Bus, und die Tür ging wieder zu.
Und dann?
„Der Bursche ist mitgefahren bis zum Flughafen”, so Hoeneß. Es sei eine unruhige Fahrt gewesen. Hoeneß hat Spaß an dieser Anekdote. Sie spiegelt den Fußball von früher, das direkte Miteinander und Gegeneinander von Profis und Fans.
Doch Hoeneß ist nicht unschuldig an der Verschiebung des Wertesystems. Er hat die Bayern zum reichsten Klub Deutschlands gemacht, und andere Vereine haben ihm nachgeeifert. Nach der Hoeneßisierung der Bundesliga würde die Geschichte mit dem Bus heute anders enden. Keiner der Stars würde mehr aussteigen, und spätestens am Sonntag würde der Fan den abgebrochenen Scheibenwischer im Internet bei Ebay versteigern.
Hoeneß findet das nicht gut, aber er durchschaut das Geschäft und spielt mit. Manchmal, wenn ihn vermeintlich die Wut packt, nimmt sein Gesicht die Farbe und den Ausdruck tschetschenischer Milizen an, es wird gefährlich. Allerdings gab der Manager jetzt zu, dass seine Wutanfälle geplant sein können. Als er über den entlassenen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann spottete „Wenn Klinsmann Obama ist, bin ich Mutter Teresa”, hatte er sich den Satz zurecht gelegt.
„Das war keine spontane Eingebung”, so Hoeneß im SZ-Magazin. „Ich habe einige Leute vorher gefragt, ob ich das bringen kann. Die meisten waren der Meinung: Ja!”
Abteilung Attacke
Nach außen tobte vor den Fernseh-Kameras also wieder die Abteilung Attacke, doch in Wahrheit sah die Öffentlichkeit nur wieder ein weiteres Mosaiksteinchen aus der Persönlichkeit von Uli Hoeneß, der sogar seine Wut orchestriert. Er ist ein so sorgfältiger Mensch, dass er wahrscheinlich sogar den Fahrplan auswendig lernt, bevor er zum Bahnhof geht.
Nur: Das erkennt eben nicht jeder. Ist auch nicht nötig, denn Hoeneß ist auch gerne jemand, der polarisiert wie wenige sonst. Man findet ihn und die Bayern gut, oder man findet sie furchtbar.
Eins hat Hoeneß damit in der Unterhaltungs-Industrie Fußball geschafft. Er hat die Bayern positioniert. Egal, wo gerade wieder ein Gespräch stockt. In der Mittagspause, an der Theke oder im Zugabteil. Auf eine Frage hat so ziemlich jeder etwas zu sagen: Was ist eigentlich gerade wieder bei den Bayern los?
Zum Beispiel heute ein Wechsel, der bedeutender als jeder Trainerwechsel sein wird: Nach 30 Jahren legt Uli Hoeneß sein Amt als Manager nieder und wird auf der Jahreshauptversammlung der Bayern zum Präsidenten gewählt.
Irgendwann wird er darauf eine Flasche Rotwein öffnen. Campari Orange wie an dem Wintertag vor zwanzig Jahren trinkt er nicht mehr. Die Zeiten ändern sich.
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