Warum Italien Englands Fußball bewundert

Englands Torhüter Joe Hart verwehrt sich gegen die „Anti-Fußball”-Schublade.
Englands Torhüter Joe Hart verwehrt sich gegen die „Anti-Fußball”-Schublade.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Auf der Insel wächst der Glaube an den Titel. Italien ist zwar ein Angstgegner, hat aber selber großen Respekt vor dem Team von Trainer Roy Hodgson. Weil die Engländer inzwischen italienischer spielen als Italen.

Krakau/Kiew.. Daheim, auf der Insel, wächst der Glaube, dass England nach den bereits in der Vorrunde übertroffenen Erwartungen bei dieser EM der ganz große Coup gelingen könnte, beinahe minütlich. „Wir halten alle zusammen, wir haben eine eine gute Chance”, sagt Stürmer Wayne Rooney von Manchester United vor dem Viertelfinale gegen Italien am Sonntagabend (20.45 Uhr/ARD und im DerWesten-Ticker) in Kiew. Hat der ungewohnt große Teamgeist im Lager der „Three Lions” damit zu tun, dass auf Geheiß von Trainer Roy Hodgson alle die Hymne singen? Was noch vor Monaten als leicht verzweifelte Maßnahme empfunden worden wäre, erscheint im Licht der drei Siege in der Vorrunde nun als Geniestreich. Wie alles, was Hodgson macht.

Roberto Mancini, Meistertrainer mit Manchester City, erteilte dem früher bei Internazionale und Udinese beschäftigten Hodgson nun sogar das ultimative Kompliment. „Er ist ein italienischer Engländer”, sagte Mancini, „sein England wartet auf den Gegner und schlägt dann mit Kontern zu. Wir waren lange selbst die Meister dieses Fußballs.” Fast scheint es, als ob die beiden Fußballnationen in diesem Turnier ein wenig die Identitäten getauscht hätten. Cesare Prandelli liebt grundsätzlich das offensive Spiel, Hodgson dagegen ist der ultimative Pragmatiker.

Der Zweck heiligt bei dieser EM die Mittel

Englands Torhüter Joe Hart verwehrt sich zwar gegen die „Anti-Fußball”-Schublade („Es ist nicht so, dass wir hinten wie die Hunde verteidigen und vorne hoffen, dass der Ball irgendwie rein rollt”), doch auch der 25-Jährige gibt zu, dass der Zweck bei dieser EM die Mittel heiligt.

Hodgson hatte sich im Vorfeld eigentlich auf ein Duell gegen Spanien vorbereitet, Englands Gruppensieg hatte ihn selbst überrascht. „Ich habe keine Ahnung, wie Italien spielt”, sagte der Nationaltrainer unmittelbar nach dem Einzug ins Viertelfinale. Intensives Videostudium wird mittlerweile Abhilfe geschafft haben. England wird für seinen Fußball nicht geliebt, auch in Italien nicht. Aber mit viel Genugtuung hat man in Englands Quartier in Krakau festgestellt, dass der defensiven Organisation und dem zähen Kampfwillen dieses Teams von den Italienern viel Respekt entgegen gebracht wird. „Sie spielen nach italienischer Art”, sagte Roma-Mittelfeldspieler Daniele De Rossi ehrfürchtig.

Fünf Spieler sind vorbelastet

Hodgson hat fünf mit Gelb vorbelastete Spieler aufgefordert, gegen die Italiener keine Rücksicht auf eine mögliche Sperre im Halbfinale zu nehmen. Gegen sein Team spricht allerdings die Statistik. Besser: Sie schreit. Italien, den zweiten Angstgegner nach den Deutschen, hat England seit 35 Jahren nicht besiegt. Die Schreckensbilanz hat aber auch ihr Gutes. Schon der Einzug ins Halbfinale würde alle Leistungen seit der EM 1996 (Halbfinal-Aus gegen Deutschland) in den Schatten stellen. „Hodgsons Elf scheint alles zuzutrauen zu sein”, schreibt der Independent und fragt: „Warum soll sie nicht alle Regeln brechen?”