So hat Joachim Löw den DFB-Kader für die EM zusammengesetzt

Das Personalpuzzle ist fertig: Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag in Südfrankreich.
Das Personalpuzzle ist fertig: Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag in Südfrankreich.
Foto: AFP
Was wir bereits wissen
Das wichtigste Kriterium für den Bundestrainer ist: Fällt einer aus, sollen mehrere Spieler dazu in der Lage sein, dessen Position zu übernehmen. Es ging bei der EM-Kadernominierung darum, ein 23 Köpfe starkes Ensemble für ein Spiel zusammen zu bringen. Es ging um Mathematik ohne Zahlen.

Tourrettes.. Den Sonntag hat der Bundestrainer so verbracht wie die meisten Motorsportfans. Er war nicht gemeinsam mit der Nationalmannschaft in Monaco. Er hat das Rennen der Formel eins nicht live verfolgt. Er hat vor der Glotze gesessen und mitgelitten. Vor allem mit Cacau. Joachim Löw wusste ja, wie schwer den Stuttgarter seine Entscheidung treffen würde. Eingeladen in den erweiterten EM-Kader. Mit Hoffnungen in die Trainingseinheiten gestürmt. Und am Ende, am Ende ausgeladen, als einziger Spieler jenseits der 30 unter diesen gerade 20-Jährigen, nicht einmal 20-Jährigen, diesen Marc-Andre ter Stegens, Sven Benders und Julian Draxlers, die noch so viel Fußballzukunft haben.

EM 2012 Bereits am Sonntag, bei der Sichtung der laufenden Bilder, hat sich der Bundestrainer gegen den Deutsch-Brasilianer entschieden. Aber erst am Dienstag gewährte Löw einen Einblick in sein Innenleben: „Diese Entscheidung mitzuteilen, war extrem schwierig. Weil ich einfach den Menschen Cacau über alles stelle.“ Nur: Es ging gar nicht um den richtig wirklichen Menschen Cacau. Es ging darum, ein 23 Köpfe starkes Ensemble für ein Spiel zusammen zu bringen, bei dem die Gewinnchance steigt, wenn man für elf mögliche Positionen jeweils erste, zweite, dritte, vierte Optionen zur Verfügung hat. Es ging um: Mathematik ohne Zahlen. Es ging um: Mathematik mit irgendwie abstrakten Menschen.

Löws Rechnungen mit Unbekannten

Mehr als zwei Trainingslager-Wochen lang hat der Bundestrainer deshalb Rechnungen mit mehreren Unbekannten durchgeführt. Miroslav Klose war nach langer Verletzungspause mit wenig Spielpraxis angereist. Wie würde er sich präsentieren? Und könnte wohl Marco Reus, offiziell als Mittelfeldakteur geführt, neben dem etablierten Mario Gomez eine weitere Alternative für die Rolle im Auge des Sturms sein? Und wären drei Männer für einen Posten denn nicht ausreichend, wenn doch in der Not auch Thomas Müller oder Lukas Podolski nach ganz vorne geschoben werden könnten?

Dem Personalchef hat die 3:5-Klatsche gegen die Auswahl der kleinen Schweiz also wertvolle Erkenntnisse geliefert. Miro wird funktionieren. Marco auch. Cacau muss gehen. „Ich kann“, hat Löw Zwischenbilanz gezogen, „je nach Position auf zwei, drei Spieler zurückgreifen, wenn einer ausfallen sollte.“ Die Frage, die Deutschland bewegt, lautet allerdings: Wer erhält den ersten Zugriff? In der zentralen Defensive ist noch über keine Besetzung entschieden. Zwei Pöstchen, drei Anwärter mit veritablen Ansprüchen: Holger Badstuber, Per Mertesacker, Mats Hummels. „Alle drei passen hervorragend zusammen“, hat der Bundestrainer erklärt. In der Hinterhand hält er: Benedikt Höwedes. Und: Jerome Boateng. Auf der rechten Verteidigerseite könnte Philipp Lahm spielen. Aber es könnte auch Höwedes dort spielen. Und: Boateng. Auf der linken Verteidigerseite könnte Lahm spielen. Aber es könnte auch Marcel Schmelzer dort spielen. Und: Boateng. Boateng, der Bayer, wird spielen. Zunächst einmal gegen Israel, bei der letzten Testpartie am Donnerstag. Zunächst einmal auf der rechten Seite. Auch diese Erkenntnisse hat der Bundestrainer den Bildern von Basel entnommen. Rechts tritt Lahm für die Bayern an, aber ich brauche ihn links, weil ich Boateng höher einschätze als Schmelzer und Höwedes, seinen Namen aber mit einem besseren Gefühl rechts in mein Rechenkästchen schreibe.

Von Südfrankreich nach Sachsen

Mathematik mit irgendwie abstrakten Menschen. Im Mittelfeld sind fast alle Spieler qualifiziert für alle Positionen. Ilkay Gündogan zum Beispiel, den EM-Überraschungsgast, den Dortmunder, der erst in der Schlussphase der Saison im BVB-Zentrum Aufsehen erregend auftrumpfte, nennt Löw den „kleinen Schweinsteiger“. Und Bastian Schweinsteiger, der Stratege, der auch am Dienstag noch an einem Bluterguss in der Wade laborierte und nicht ins gemeinsame Training einsteigen konnte, war bekanntlich früher einmal Flügelspieler. Könnte Gündogan auch bespielen, den Flügel. Sagt Gündogan Findet der Bundestrainer. EM 2012

Am Mittwoch wird die Nationalelf nun Südfrankreich verlassen und ins Sächsische fliegen. Wer erwartet, dass dort nach dem Spiel gegen Israel ein Strich unter die große Rechnung gezogen werden wird, liegt aber falsch. Das Mannschaftsfoto ist gemacht. 23 Köpfe. Doch erst kurz vor dem EM-Ernstfall am 9. Juni gegen Portugal wird sich für Löw die erste Elf herauskristallisieren. Allerdings: „Wir wollen schon auch gewinnen.“