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EM 2012

Löws Kunst der Mannschaftsaufstellung

12.06.2012 | 18:43 Uhr
Hat sich das Vertrauen Fußballdeutschlands in Aufstellungsfragen verdient: DFB-Trainer Joachim Löw.Foto: imago

Danzig.  Ob bei der EM 2008, der WM 2010 oder im ersten Deutschlands-Spiel der EM 2012: Jogi Löw hat trotz einiger Zweifel immer bewiesen, dass er bei der Auswahl seiner Mannschaft den richtigen Riecher hat. Seine Entscheidungen sind mal rational, mal aus dem Bauch heraus.

Auf Joachim Löw muss die Frage wie ein schlechter Witz gewirkt haben. Weil es in etwa so ist, als würde man einen Sternekoch ganz überrascht fragen, wie er seine Dorade dieses Mal so gut hinbekommen hat. Und dass, obwohl ihm die Dorade doch immer ganz hervorragend gelingt. Die Frage also lautete sinngemäß: Wie machen Sie das eigentlich Herr Löw, dass Sie immer die richtigen Personalentscheidungen treffen?

Der Bundestrainer lächelte milde und trug vor, dass er die Spieler ja schließlich andauernd auf dem Trainingsplatz sehe, dass er sie bei den Übungen und auch neben dem Platz genau beobachte, dass er mit ihnen rede und dass all das dann meistens zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengesetzt werden kann. Ein Bild, das die Antwort ist auf die Frage: „Wer kann im Moment die Aufgabe am besten erfüllen?“ Es ist in den meisten Fällen eine rationale Begutachtung .

Löw, der Spieler-Flüsterer

Löw entschied sich gegen Portugal zum Beispiel für Jerome Boateng als Rechtsverteidiger. Der junge Mann war direkt vor dem Turnierbeginn in eine nächtliche und schlagzeilenträchtige Silikon-Affäre verwickelt. Löw zählte den Mann vom FC Bayern München öffentlich an: Nein, das habe ihm nicht gefallen und, nein, so etwas wolle er lieber nicht über einen seiner Elite-Kicker in der Zeitung lesen . Und, gewiss, ja, es könne auch jemand anderes auf dieser Position spielen. „Das war nicht in Ordnung. Er weiß, dass er jetzt in der Lage sein muss, sich zu zerreißen.“ Und Boateng zerriss sich, schaltete Cristiano Ronaldo fast komplett aus. Löw, der Spieler-Flüsterer, hatte die letzten paar Prozent aus seinem Schützling herausgekitzelt.

„Es gibt aber auch Fälle, in denen ich überlege, das dann alles beiseite schiebe und aus dem Bauch heraus entscheide“, sagt Löw. Es war nur ein Gefühl, dass Stürmer Miroslav Klose und Abwehr-Recke Per Mertesacker nach ihren Verletzungen vielleicht doch noch nicht weit genug sein könnten und dass Mario Gomez und Mats Hummels die beiden Löw-Lieblinge gut würden vertreten können. Gomez köpfte das Siegtor, Hummels war am Samstag der beste Mann auf dem Platz.

"Vielleicht habe ich ja noch eine Eingebung"

Löw Amusement deutet darauf hin, dass er es für eine Selbstverständlichkeit hält, dass ein Trainer seine Mannschaft richtig zusammenstellt . Aber die Erfahrung aus der Bundesliga zum Beispiel lehrt, dass das offenbar gar nicht immer so einfach ist. Aber Löw lag bislang eigentlich fast immer richtig. Er machte aus Arne Friedrich und Thomas Müller tragende Säulen der grandiosen WM 2010 und Simon Rolfes zu einem wichtigen Faktor auf dem Weg ins EM-Finale 2008. Diese Reihe ließe sich beinahe beliebig fortführen.

Im weiteren Turnierverlauf wird er vor weitere Aufgaben gestellt werden. Möglicherweise schon im nahenden Spiel gegen Holland. Was passiert mit Bastian Schweinsteiger, der von seiner Normalform noch ein gutes Stück entfernt scheint? Muss er Lukas Podolski oder Thomas Müller durch eine frische Kraft ersetzen? „Ich möchte mich nicht festlegen. Vielleicht habe ich ja noch eine Eingebung“, sagt Joachim Löw. Er hat sich verdient, dass man ihm vertraut . Denn so richtig misslungen, so dass er die verkohlten Reste seiner Dorade aus der Pfanne hätte kratzen müssen, ist ihm wirklich noch nichts.

Die Trikots der DFB-Elf seit 1954

 

Daniel Berg



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