In Hiddinkgrad
25.06.2008 | 16:50 Uhr 2008-06-25T16:50:00+0200
Varsseveld. Eben noch war das Örtchen südkoreanisch, dann war es australisch, und nun ist es russisch. Dabei kann dieses Dorf, um das sich schon in der Varusschlacht Römer mit Germanen schlugen, mit Käselädchen, Fahrrädern und der Matjesbude vor der Kirche holländischer kaum sein.
Und doch wechselt es die Farben wie sein berühmtester Sohn die Nationalmannschaften, die er in die Weltspitze führt: Mit Russlands Trainer Guus Hiddink ist wenigstens ein Holländer im Halbfinale noch dabei. „Und was für einer”, sagen die Leute im ehemaligen Varsseveld.
Denn Varsseveld heißt jetzt „Hiddinkgrad”. Es hieß auch schon mal „Hiddinktown”, aber das Ortsschild über der Kneipe „De Ploeg” (Die Mannschaft), ist frisch überklebt, und auf der Karte stehen dort neuerdings „Russische Eier” und „Husarenbrötchen”. Mit dem Hoffnungsschimmer namens Hiddink hat man den Tag überlebt, als der eigene Sohn das eigene Land aus dem Wettbewerb schoss, die Oranje-Flagge eingeholt und dafür die russische gehisst. Und den ehemaligen Bondscoach, eben noch australisch „das Känguru”, zum „Zar” erhoben. Kürzlich nämlich soll er selbst eine SMS so unterschrieben haben: „Gruß, der alte Zar.”
Weil er aber bereits vorher der König von Gelderland war, hat sein Bruder Hans ihm eine neue Hymne gedichtet. Schon zu australischen Zeiten hatte der Musiker eine Ode an Guus geschrieben auf die Melodie von „Waltzing Mathilda”: „Folg Australien mit Guus, wir werden kicken wie die Kängurus”; nach der Vorrunde erschien nun „Midnight in Moskau” mit einem Text auf Guus und den schönen Torschuss. Der Trainer hat selbst mitgesungen; seither sagt man ihm nach, dass er besser „voetballen” kann als singen. Und trotzdem ist Varsseveld nicht für Russland, sondern für Hiddink: „Das ist etwas anderes”, sagt Henny Dokter, der in Bruders Band „Hot and Sweet” die Basstuba spielt.
Er muss das öfter tun in diesen Tagen; die Russen rücken an. Sie wollen sehen, wo ihr Trainer herkommt, sein Lied hören und Hans Hiddink am Banjo. Sie fallen ein in die Kneipe und stehen ungläubig: vor Hans, der seinem Bruder so ähnlich sieht, vor dem Pianisten, der tatsächlich eine Fellmütze aufgesetzt hat, und vor diesen holländischen Dörflern, die zum Jazz Kasatschok tanzen und „Kalinka” singen. „Hiddink ist ein Held bei uns”, sagt eine junge Russin und dass sie ihm am liebsten den russischen Pass geben würden, „damit er nie mehr nach Holland zurückgeht”.
In Varsseveld kann sie damit niemanden mehr schocken. Als Guus Hiddink vor sechs Jahren die Mannschaft Südkoreas ins Halbfinale der Weltmeisterschaft brachte, überfielen danach südkoreanische Touristen den 6000-Seelen-Ort. „Busladungen voll”, erinnern sie sich im Fremdenverkehrsbüro. Eilig räumten Dorfbewohner damals ihre Zimmer für „Bed-and-Breakfast”, und legten eine Hiddink-Radtour auf: 15 Kilometer, vom Geburtshaus, wo der kleine Guus mit seinen fünf Brüdern zwischen Buchsbäumchen das Ballspiel lernte, zum Bolzplatz. Auch ein „Guuseum” haben sie damals eingerichtet. Guus, über den später die Australier schrieben, sein Name klinge wie ein Schotte mit einem Frosch im Hals, habe allen seinen „großen Fußball gebracht”, sagt Hans Hiddink stolz, „das kann man doch nur genießen”. Was auch Mutter Hiddink, 88, noch immer tut: „Ich finde es wunderbar, wenn mein Sohn gewinnt.”
Ob das auch heute wieder gelingt? Hans Hiddink mag darauf nicht antworten. Er hat das von den Koreanern gelernt: dass es unhöflich ist zu behaupten, die eigene Mannschaft siegt. „Die sagen, Fußball ist ein Geschenk, und man soll das nicht zu früh auspacken.” Wenn Russland es aber schafft gegen Spanien, dann wird ganz Varsseveld die russischen Farben anlegen, die praktischerweise dieselben sind wie die niederländischen. Vielleicht vielleicht schließen sie auch das „Guuseum” wieder auf, das nun schon zwei Jahre leer steht. Aber das ist noch nicht sicher. „Die Mentalität” der Russen, heißt es vorsichtig, sei so anders.
Hans Hiddink macht das nichts; er findet großartig, dass sein Bruder dauernd neue Kulturen nach Hause bringt in die kleine calvinistische Enklave: „Es ist doch gut, dass die Welt zusammenwächst.” Und sei es nur in Varsseveld, Niederlande.
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