Englands schwieriges Team-Klima

Terry (rechts) hatte den Vorzug vor Ferdinand.
Terry (rechts) hatte den Vorzug vor Ferdinand.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Kaum übernahm Trainer Hodgson im Mai das Amt des Nationaltrainers, musste er schon Streit zwischen Terry und Ferdinand lösen. Hinzu kamen viele personelle Probleme. Um bei der EM gut abzuschneiden, steht England vor einem enormen Kraftakt.

Essen.. Die Vorzeichen könnten besser stehen. Offensivstar Wayne Rooney ist gesperrt, Abwehrroutinier Rio Ferdinand durfte erst gar nicht mitkommen, und Rechtsverteidiger Kyle Walker musste verletzt passen. Vor dem Start ins Turnier steht England vor vielen Problemen, für die der neue Trainer Roy Hodgson schon nach wenigen Wochen Einarbeitungszeit Lösungen finden muss. Denn gleich im ersten Gruppenspiel warten die wiedererstarkten Franzosen.

Obwohl England in der EM-Qualifikation ungeschlagen durchmarschiert ist, sind die Erwartungen auf der Insel gedämpft. Vom Titel sprechen nur wenige. Doch Hodgson weiß, wie schnell sich das ändern kann: "In England ist man geneigt zu sagen, dass nur der größtmögliche Erfolg zählt." Es ist ein Pendeln zwischen Hoffen und Bangen. Hoffen auf den Überraschungscoup. Bangen um das englische Selbstverständnis. Denn ein englisches Team, das nicht als Mitfavorit gehandelt wird, war im Mutterland des Fußballs lange nicht vorstellbar.

Gerrard soll zentrale Rolle spielen

Nach der verpassten Teilnahme an der EM 2008 und der bitteren Achtelfinal-Pleite gegen Deutschland bei der WM 2010 stehen die "Three Lions" in der Pflicht. Für erfahrene Kräfte wie Frank Lampard, Ashley Cole oder Steven Gerrard, die mit über 30 ein gehobenes Fußballeralter erreicht haben, dürfte es die letzte Chance sein, England den lang ersehnten Traum vom ersten EM-Titel zu erfüllen.

Doch Hodgson denkt lieber in kleinen Schritten und hat sich zunächst das Überstehen der Gruppenphase vorgenommen. Dabei setzt er vor allem auf den Teamgeist der Mannschaft und auf den neu ernannten Kapitän Gerrard: "Er wird mir helfen, das Team zu einer Einheit zu formen und eine Atmosphäre zu schaffen, die wir für den Erfolg brauchen", sagt der 64-Jährige über seinen Mittelfeldchef.

Hodgson trifft brisante Entscheidung

Um die Harmonie in der Mannschaft war es vor dem Turnier eher schlecht bestellt. Nachdem John Terry Rio Ferdinands Bruder Anton von den Queens Park Rangers rassistisch beleidigt haben soll, nahm ihm der englische Verband (FA) die Kapitänsbinde ab. Trainer Fabio Capello trat daraufhin zurück.

"Der Rücktritt von Capello hat die Situation ein wenig verändert", sagt Hodgson über die Ausgangslage. Er selbst trat sein Amt erst einen Monat vor dem Turnierbeginn an und musste direkt eine brisante Entscheidung treffen. In der Innenverteidigung hatte er die Wahl zwischen Terry und Ferdinand. Die Nominierung beider wäre wohl Gift für das Mannschaftsklima gewesen. Er entschied sich für Terry, den Innenverteidiger des FC Chelsea, der trotz seiner defensiven Fähigkeiten umstritten ist, da er als Unruhestifter gilt.

In der Abwehr hat Hodgson zudem das Problem, dass sich der fest eingeplante Rechtsverteidiger Kyle Walker von Tottenham Hotspur kurz vor dem EM-Start einen Zeh brach und absagen musste. Im Angriff sieht es durch die Sperre für Rooney nicht besser aus. Der 26-Jährige kann wegen seines Platzverweises in der letzten Partie der EM-Qualifikation erst im letzten Gruppenspiel wieder eingreifen. Dennoch überwiegt bei Hodgson die Hoffnung auf ein langes Turnier, mit Rückkehrer Rooney in vorderster Front.

Zudem muss Hodgson auch auf Abwehrspieler Gary Cahill verzichten. Beim 1:0-Länderspielsieg am Samstag in London gegen Belgien erlitt der Mann vom FC Chelsea einen doppelten Kieferbruch. Nachnominiert wird der Liverpooler Martin Kelly (22), der bislang einen Länderspieleinsatz zu Buche stehen hat.

Die personellen Probleme der Three Lions werden damit immer größer. Aber Hodgson ist bekannt dafür, sich Herausforderungen zu stellen. Diese dürfte groß genug für ihn sein.