Ein Idol aus Gelsenkirchen
16.06.2008 | 16:24 Uhr 2008-06-16T16:24:00+0200
Er ist Türke. Und in der Türkei genießt er, nachdem er bei der Europameisterschaft alle drei Treffer zum 3:2-Erfolg über Tschechien und zum Einzug ins Viertelfinale vorbereitet hat, Helden-Status. Aber ist er nicht auch Deutscher? „Ich fühle mich als Junge des Ruhrgebiets”, sagt Hamit Altintop, Nummer 22 der türkischen Nationalmannschaft und Profi des Deutschen Meisters FC Bayern München.
25 Jahre ist er alt, in Gelsenkirchen ist er geboren und in einer türkischen Großfamilie aufgewachsen, in der „die Mama”, wie Hamit Altintop immer sagt, nach dem frühen Tod des Vaters allein die Verantwortung tragen musste – und für die es unerträglich ist, dass ihre Söhne in verschiedenen Vereinen spielen. „Entsprechend hoch ist die Handy-Rechnung”, sagt er. Und wenn er erzählt, dass er zum Kühlschrank wandert und Fruchtzwerge isst, wenn er nachts wach wird, kommt man kaum auf den Gedanken, dass dieser Mann beim Istiklâl Marsi, dem Unabhängigkeitsmarsch, die Hand aufs Herz legt und die türkische Nationalhymne singt: laut und voller Stolz.
Hamit Altintop, dessen Karriere 1992 wie die seines zehn Minuten jüngeren Zwillingsbruders Halil bei der DJK Schwarz-Weiß Gelsenkirchen-Süd begann, ist für die junge türkische Generation, von der viele das Land ihrer Staatsbürgerschaft noch nie gesehen haben, ein Idol. Er ist ihr Stellvertreter. Und das liegt auch daran, dass er sich nicht in Phrasen flüchtet, wenn er gefragt wird. Er mag deutliche Worte. So wie nach dem Sieg über Tschechien. Wie kam es zur Wende? „Der Trainer hat uns einen Arschtritt verpasst. Der war auch nötig”, sagt Hamit Altintop. „Auch die taktischen Umstellungen waren ausschlaggebend.”
Die Umstellungen. Hamit Altintop, der schon mal während seiner Zeit beim FC Schalke 04 rechter Verteidiger hatte spielen müssen, durfte endlich ins Mittelfeld. „Jeder weiß, dass ich gern offensiver spiele”, sagt er. Er käme aber nie auf die Idee zu murren. Damals auf Schalke nicht – und schon gar nicht in der türkischen Nationalelf.
Eine andere Nationalmannschaft, die deutsche, war für Hamit Altintop nie ein Thema. Obwohl er als junger Fußballer kein türkisches Vorbild hatte, sondern ein französisches und ein deutsches – Zinedine Zidane wegen dessen Spielweise und Oliver Kahn wegen dessen Ehrgeizes. „Der türkische Verband kam zuerst auf mich zu, da dachte ich nicht daran, dass ich vielleicht auch für Deutschland spielen könnte”, sagt er. „Das war gleich ganz klar, weil ich halt Türke bin.”
Zudem komme die türkische Spielkultur seiner Auffassung von Fußball näher. Mehr Leidenschaft. Mehr Emotion. Er ist – anders als sein Bruder Halil – der Impulsive und manchmal auch der Hitzkopf. Er sagt aber auch: „Wenn ich für die Türkei gar nicht gespielt hätte und eine Anfrage vom DFB gekommen wäre, hätte ich vielleicht für Deutschland gespielt. Dann hätte ich heute vielleicht auch einen anderen Stellenwert in der Bundesliga und einen ganz anderen Marktwert.”
Einen Marktwert, um den er sich in der Türkei überhaupt keine Gedanken mehr zu machen bräuchte, wenn sich die Erfolgsgeschichte am Freitag in Wien fortsetzte. Und davon ist Hamit Altintop überzeugt. „Die Kroaten haben eine sehr erfahrene Mannschaft”, sagt er. „Aber wenn wir den Ball gut laufen lassen, bin ich sehr optimistisch.”
Vorher wird er wohl wieder mit Hannes Bongartz telefonieren, dem wichtigsten Mann in seiner Fußballer-Laufbahn. „Er hat uns bei der SG Wattenscheid 09 von der A-Jugend in die erste Mannschaft hochgezogen”, sagt Hamit Altintop. „Dank seiner Vorbereitung konnten wir bereits mit 20 in der Bundesliga Fuß fassen.”
Hamit Altintop wird auch mit seinem Bruder Halil telefonieren, den Trainer Fatih Terim nicht für die Europameisterschaft nominiert hat. Und der Schalker Stürmer ist trotz seiner Fußball-Trauer glücklich über die Entwicklung seines Bruders. „Hamit hat bei den Bayern so viel Selbstvertrauen bekommen”, hat Halil gesagt, „dass er kaum noch stottert.”
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