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Trauer

Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod

11.11.2009 | 16:35 Uhr
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod

Hannover. Auf einer mutigen Pressekonferenz öffnete Robert Enkes Witwe Teresa ihr Herz. Und berichtete über das jahrelange Versteckspiel und die Depressionen ihres Mannes. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte sich der Nationaltorhüter für seine "Täuschungen" gegenüber Familie und Freunden

Robert Enke - wie ihn seine Fans kannten. Foto: Nigel Treblin/ddp

Das Meer der Traurigkeit ist an diesem Mittag so atemraubend tief, dass sogar Fische darin ertrinken würden. Teresa, die Frau von Robert Enke, sitzt im Stadion des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 und spricht über den Selbstmord ihres Mannes. Hinter dem Fenster ragen die Tribünen in den Himmel. Der Nationaltorwart hat sich am Abend zuvor vor einen Zug geworfen.

Teresa Enke kämpft mit den Tränen. Die Großbildjäger haben sie umzingelt, die Kameras laufen, aber die Frau in dem schwarzen Pullover hält durch.

Die Krankheit über Jahre weg verborgen

Ihr ist wichtig, dass die Welt die Wahrheit erfährt. Die Wahrheit über den Tod des 32-Jährigen ist eine, die im glitzernden Kosmos der Fußball-Profis zu den Tabu-Themen gehört. Homosexualität ist so ein Thema, oder eben Depressionen. Enke litt unter Depressionen, aber er versuchte seit Jahren, seine Krankheit zu verbergen. Sein Arzt Valentin Markser erklärt, wie der Torwart das schaffen konnte: „Robert hat über Jahre hinweg erfolgreiche Abwehrstrategien entwickelt.”

Er konnte sogar seinen Psychiater täuschen. Markser beteuert, dass er keine konkreten Hinweise auf einen Selbstmord gesehen habe. Noch am Tag seines Todes soll Enke in einer Klinik angerufen haben, um eine empfohlene stationäre Behandlung abzusagen: Ihm gehe es wieder besser.

Am Bahnhof von Eilvese haben Fans Blumen, Kerzen und andere Dinge für den verstorbenen Hannover 96-Torwart Robert Enke niedergelegt. Fünfhundert Meter vom Bahnhof in Richtung Hannover, hatte sich Enke am 10.11.2009 das Leben genommen. Foto: Dennis Straßmeier/WAZ

Szenenwechsel. In Eilvese, 25 Kilometer vor Hannover, hat der Tag schon am Morgen seine Farbe verloren. Im Grau des Regens durchsuchen sechs Polizisten in Warnwesten die Büsche neben der Bahnstrecke, an der sich Enke in den Tod gestürzt hat. Der Lokomotiv-Führer hat psychologischen Beistand erhalten. Ein ICE donnert über die Gleise. Man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn ein Zug einen menschlichen Körper trifft. Am Bahnhof von Eilvese haben Fans Kerzen aufgestellt. Die Gaststätte „Am Bahnhof” hat geschlossen. Die Menschen stehen in der Kälte, sie reden und rauchen.

Die Familie Enke wohnt nur zwei Kilometer von Eilvese entfernt auf einem Bauernhof. Auch der Friedhof, auf dem Enkes Tochter begraben liegt, ist nicht weit weg. Lara ist 2006 mit zwei Jahren an einem angeborenen Herzfehler gestorben.

Fußball war sein Lebens-Elexier

Wieder zurück in Hannover. Die Mannschaftskollegen von Enke haben die Zugbrücken zu ihren Herzen hochgezogen. Keiner von ihnen will etwas sagen, das Training fällt aus. Am kommenden Montag soll das Leben auf dem Platz wie gewohnt weiter gehen. Teresa Enke spricht über die Bedeutung des Fußballs für ihren Mann: „Es war sein Lebens-Elixier.”

Enkes Witwe Teresa Enke und sein Psychologe Valentin Markser bei der Pressekonferenz. Fotos: Dennis Strassmeier

Trotzdem reichte dieses Elixier nicht, um Enke im Leben zu halten. Auch Leila, die achtmonatige Adoptivtochter der Enkes, war Quell der Freude und zugleich wohl auch Ursache für ein quälendes Problem. Enke hatte Sorge, dass das Jugendamt das Sorgerecht für Leila wieder aberkennen könnte, wenn der Vater unter Depressionen leidet. Das Versteckspiel ging weiter. Die Bürde des Menschen ist antastbar – in der Öffentlichkeit sogar gnadenlos. Und genau daher wollte der 32-Jährige sein Schicksal nicht mit der Öffentlichkeit teilen.

„Das war Wahnsinn”, sagt seine Frau. „Jetzt kommt ja doch alles raus.” Aber sie hat das Versteckspiel mitgemacht, das im Jahr 2003 begann. In seiner Zeit beim FC Barcelona spürte Enke die Versagensängste, er begann seine Therapie bei Valentin Markser. „Nach mehreren Monaten war Robert stabil”, so der Mediziner. Enke kehrte 2004 nach Deutschland zurück und unterschrieb beim Bundesligisten Hannover 96.

Eine Virus-Erkrankung zog Enke wieder hinunter

Markser verlor den Kontakt, doch vor sechs Wochen, so berichtet er, habe sich Enke wieder bei ihm gemeldet. Durch eine Virus-Erkrankung, die seine Leistungen beeinträchtige, war der Keeper erneut in eine tiefe Krise gerutscht.

„Diese Phasen waren eine schwere Zeit”, sagt seine Frau. „Robert fehlten Antrieb und Hoffnung. Aber nachdem wir Laras Tod verkraftet hatten, haben wir gedacht: Wir schaffen alles. Wir dachten: Mit Liebe geht das.” Aber es ging nicht.

In den Tagen vor seinem Tod gab sich Enke extrem positiv. Noch am Mittag trainierte er mit der Mannschaft. Für Markser war dies ein Teil des Täuschungsmanövers: „Robert hat auf diese Weise die Zeit nutzen können, um seinen Tod vorzubereiten.” In seinem Abschiedsbrief entschuldigt sich Enke bei seiner Familie und bei seinen Freunden für diese Täuschungen.

Es sind Momente, in denen einem allein beim Zuhören der Atem stockt.

Und dann ist alles gesagt. Teresa Enke verlässt den Raum. Sie will zu Leila. Der Papa wird nicht mehr kommen. Abschied ist ein scharfes Schwert.

Am Abend dann nehmen 1500 Fans bei einem Trauergottesdienst Abschied von Robert Enke. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hatte zu der Andacht in die Marktkirche eingeladen.

Ralf Birkhan

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Kommentare
30.08.2010
13:38
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von A. Pass | #37

Ich kann verstehen, dass Betroffene mit ihrem Problem Depression ungern an die Öffentlichkeit gehen. Andererseits kann man jene Öffentlichkeit nicht pauschal dafür verurteilen, dass sie die Probelmatik nicht erkannt hat. Für viele ist es schon schwer nachzuvollziehen, was eine Depression in der Theorie bedeutet. Noch schwieriger ist es, wenn sie in ihrem Umwelt einen Menschen mit Depression erleben.
Der Vorwurf an z. B. die Familie ist leicht gesagt, aber wer macht sich Gedanken, ob diese überhaupt informiert ist - geschweige denn über die Problematik aufgeklärt.
Wer Hilfe möchte, muss auch Gelegenheit dazugeben..... Das wiederum ist kein Vorwurf an Betroffene, lediglich eine evtl. neue Sichtweise.

21.02.2010
15:31
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von Roy heußner | #36

Ich muß sagen der Fußball und die menschheit haben bis heute daraus nichts gelernt. Deprssionen sind für alle ein Tabu.
Nur wer es selbst einsieht und Freunde hat der läßt sich auch helfen.
Meine Eltern, Geschwister ,Verwandschaft, haben sich über mein Krankheitsbild abartig verhalten! Meine Frau, Kinder,Kirche,Bekannte,Freunde haben zu mir gehalten. Ich wünsche alle Glück mit dieser krankheit zu leben. Auch Stars die ganz hoch in der Medien stehen, sollten lieber an Ihre gesundheit denken als Kaerre...........

10.12.2009
19:35
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von Ingrid Linnemann | #35

Robert Enke ist keinen Heldentot gestorben, er hat sich fortgeschlichen , seine Angehörigen, vor allem seine Frau hat er mit dem Gefühl der Schuld, des Versagens zurückgelassen.
Wie wird Sie jetzt mit dem Gefühl Hoffnung umgehen das sie solange aufrecht gehalten hat!!
Mut ist, wieder aufstehen, er hätte unsere gleichgültige Gesellschaft mit seiner Botschaft aufrütteln können. Depressionen -
Es kann jeden treffen, arm,reich ,erfolgreich. looser....
die Chance ist leider vertan..
Ich fühle mit seiner Frau und seiner Tochter , und mich erfüllt unendliche Traurigkeit, das er es sich nicht Wert war zu kämpfen, ein so junges Leben verschenkt.
Ich glaube an Wedergeburt, wer in diesem jetzigen Leben nichts aufarbeitet, wird auch im nächsten Leben leiden.
Leben heißt mit allen Höhen und Tiefen, mit Glück und Krankheit, mit Arbeitslosigkeit und Erfolg zu wachsen, bis der Kreis sich schließt.
Das ist der Sinn des Lebens, und der Sinn für den Aufenthalt auf diesem, unserem wunderbaren Planeten...

13.11.2009
06:51
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von immerrwe1907 | #34

Meine Wut ist unaussprechlich und ich muss mich zusammenreissen nicht allzusehr über die Strenge zu schreiben. Da sind plötzlich alle ganz überrascht, das Robert Enke depressiv war und dieses geheim zu halten versuchte. Hört, hört, hat da nicht der Therapeut auf der Pressekonferenz gesagt, man hätte es merken müssen, besonders, wenn man sich mit ihm befasst hätte. Da sagte seine trauernde Frau, der Fussball und die Mannschaft gaben im den nötigen Halt. Da frage ich mich, welchen Halt hat ihm der DFB gegeben, der den Teamgeist so hoch hält? Enke hat ein Zeichen gesetzt und alle schreien, die Suche nach den Schuldigen sei geschmacklos. Nee, gerade hier sollte man mit dem Finger auf die Dinge zeigen, die einen Menschen in den Tod getrieben haben und versuchen die Ursache zu analysieren. Enke hat sich den Zeitpunkt seines Freitodes nicht einfach so ausgesucht. Er hat an diesem Tag mitbekommen, wie seine Nationalmannschaft die neuen Trikots mit viel Presse und Pompom vorgestellt hatte. Ich möchte nicht wissen, wenn ein Ballack oder früher der Kahn nicht dabeigewesen wären, selbst, wenn sie nicht gespielt hätten. Dafür brauche ich kein Psychologe zu sein, um zu wissen, wie ausgegrenzt sich der Robert Enke an diesem Tag gefühlt hat. Besonders, wenn man die Vergangenheit kennt. Selbst, wenn er nicht depressiv gewesen wäre, hätte er in Bonn dabei sein müssen. Das Thema Homosexuallität im Fussball möchte ich gar nicht ansprechen. Möchte nicht wissen, warum so mancher nicht in der Nationalelf gespielt hat oder auf Verdacht gar nicht erst nominiert wurde. Klasse Teamgeist beim DFB. Da läuft mir ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn ich daran denke. Übrigens, grosszügige Geste gegenüber Enke, das Länderspiel abzusagen. Ich nenne das Freikaufen von menschlichen Fehlern. Man mag mich wegen dieser Offenheit schelten. Ich stehe zu dem was ich denke, auch, und gerade, weil Robert Enke noch nicht beerdigt wurde. Alle Reden nur noch von seiner Depressivität und nicht von der Ursache und wie es zu so etwas kommen konnte.

13.11.2009
04:12
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von TrailerPort | #33

Das vorauseilende Mitleid mit dem armen Lokführer ist aber auch bemerkenswerte Ablenkung. Hat denn irgendjemand schon mit ihm gesprochen? Vielleicht ist der ja gar nicht im Jammertal und er wird doppelt benutzt - nun als Alibi, sich nicht mit dem Suizid auseinandersetzen zu müssen!?

12.11.2009
14:08
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von Silke 69 | #32

Da muß erst ein Promi sich das Leben nehmen damit Depressionen wieder ins gerede kommen.Andere mit seinem Selbsmord zu belasten finde ich unerhört,Der arme Lokführer.Mein Vater hat sich auch wegen Depressionen umgebracht ohne andere da mit reinzuziehen.Bei uns war auch kein Politiker.Wir waren alleine.

12.11.2009
13:23
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von jenny182 | #31

Ich war im ersten Moment auch sehr geschockt,aber je länger ich drüber nach denke des so ungerechter finde ich es das dieses Thema jetzt so in der Luft zerissen wird.In meiner Familie mussten wir auch schon einige schwere Schicksalsschläge hin nehmen.Aber Frau Merkel kamm nicht vorbei :-(...Klar ist das traurig aber irgendwo ist auchmal gut.Mein Gott ist bestimmt für die jenigen die am intensivsten trauern auch nicht prikeln jetzt überall damit konfrontiert zu werden.ES WAR EIN MENSCH WIE JEDER ANDERE AUCH

12.11.2009
11:19
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von Die LINKE kann es nicht besser | #30

Am 14ten Spieltag ist Robert Enke längst Geschichte und alles geht seinen gewohnten Gang!! Macht euch doch nicht selber etwas vor!

12.11.2009
08:23
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von kaufmannvonhoentrop | #29

Selbstmörder sind Leute, die die Öffentlichkeit suchen, sonst würden sie es heimlich tun und ihre Mitmenschen nicht damit hinreißen. Auch wenn psychische Krankheiten, weil man sie ja nicht sehen kann, nicht in der Öffentlichkeit anerkannt sind, sind psychisch Kranke (Depressive) Erwachsene, die für sich und ihre Angehörigen verantwortlich sind. Enke, der so lange - wahrscheinlich aus Eitelkeit - viel zu lange an seiner Verantwortung getragen hat, hat in seinem Selbstmord alle Verantwortung abgegeben, an die Frau, die sich Vorwürfe macht, ob sie genug geholfen hat und an den Lokführer, der sich fragt, hätte ich das verhindern können - und warum passiert das gerade mir - , an die Sportkollegen, die ihm helfen wollten und nicht zu letzt an den Psychologen. Alle haben versucht zu helfen und Enke hat die ihm gemachten Angebote nicht angenommen in freier Entscheidung. - Das ist traurig, aber da gibt es nichts zu bedauern, sonst hätte man ihn entmündigen müssen! Die anderen müssen mit seinem Tod und ihren quälenden Fragen weiterleben.

12.11.2009
08:04
Ein Meer der Traurigkeit nach Robert Enkes Tod
von Gelle | #28

Zunächst möchte ich mal meinen Respekt und die verdiente Anerkennung an Frau Teres Enke aussprechen. Eine solche starke Partnerin kann sich ein jeder nur wünschen.

Nach der PK muss ich für mich aber feststellen, dass ich mich als alleinerziehender berufstätiger Vater, täglich mit Versagensängste und Entzugsängsten der Kids auseinander setzen muss. Und ich bin mit Sicherheit nicht er einzige.

Seit 2003 ist Herr Enke in Behandlung und hat bis dato mehr als 3 schwere Tiefschläge zu verarbeiten bzw. überwunden und hat nun Angst davor mit 32 Jahren zu versagen? Jetzt wo er auf dem Zenit seiner Karriere ist ? Aber berechtigt mich das einen Suizid durch zu führen? Mit so einem Freitod neben seiner Familie dann auch noch andere unschuldige Menschen wie den Lokfahrer, Fahrgäste Helfer zu belasten ?

Bei aller Betroffenheit und Sorry aber das berechtigt keinen Menschen zu dieser Handlung. Und erst recht nicht eine solche extreme Aufmerksamkeit seiner Tat.

Denn wir sollten eines nicht vergessen, es war trotz seiner schweren Depression, ein ganz bewusster Selbstmord auf einer geplanten Art & Weise. Er hat es geschafft, bewusst einen Abschiedsbrief zu schreiben und er hat es geschafft Kollegen, Freunde, Familie und Partnerin bewusst zu täuschen, belügen und zu hintergehen, sowie dann zu verletzten. Also ist dies keine Affekthandlung. Spätestens hier ist eine Kritik auch angebracht. Denn wer dies so bewusst macht denkt auch über die Konsequenzen nach, wie er mit der Entschuldigung im Abschiedsbrief nur unterstreicht. Somit hätte er dies auch für sich allein, sei es von einer Brücke oder sonstiges, wählen können.

Bei aller Anerkennung die Herr Enke zu Recht in seinem Leben als sozial angagierter steh auf Mensch erworben hat. So sollten wir mit Sicherheit daraus lernen auch solche Krankheiten und Menschen anzu erkennen aber dann doch bitte die Vorbildfunktion nicht mit Hilfe dieser von Ihm gefürchteten Medien verklären. Denn wenn ich ehrlich bin, gibt es mit Sicherheit wichtigeres und schlimmere Dinge im Leben welche eine solche Aufmerksamkeit verdient hätten.

Ruhen Sie in Frieden Herr Enke und der Familie sowie Frau Enke wünsche ich viel viel Kraft den erneuten Tiefschlag im Leben zu verarbeiten.

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