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Diese Lehren muss Löw aus dem 4:4 der Nationalelf gegen Schweden ziehen

17.10.2012 | 20:44 Uhr
Sah einen kollektiven Systemausfall ab der 60. Minute: Bundestrainer Joachim Löw.Foto: Michael Sohn/AP

Berlin.  Nach dem grotesken 4:4 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Schweden rebelliert der Verstand gegen die Realität. „Ich glaube aber nicht, dass etwas Negatives hängen bleibt“, meint Bundestrainer Joachim Löw. Doch dieses Spiel legt die jüngsten Debatten auf Wiedervorlage.

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DFB-Spieler beim 4:4 gegen Schweden "wie gelähmt"

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War das wirklich so passiert? Auch einen Tag nach dem spektakulären, grotesken, irrwitzigen 4:4 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Schweden rebelliert der Verstand noch gegen die Realität. Nie zuvor hat ein DFB-Team ein 4:0 verspielt – aber vor allem: Noch nie hat eine Mannschaft, die 60 Minuten „großartig, herausragend“ (Bundestrainer Joachim Löw) gespielt hatte, einen derartig kollektiven Systemausfall.

„Ich glaube aber nicht, dass etwas Negatives hängen bleibt“, meinte Löw trotzig. Er wusste, dass dies bestenfalls die halbe Wahrheit war. Denn dieses Spektakel, dieses 4:4, legt die jüngsten Debatten auf Wiedervorlage. Die Partie bestärkte exakt die positiven wie negativen (Vor-)Urteile über diese Elf.

Absturz der DFB-Elf

Das Potenzial: Struktur, Technik, Kombinationsfluss – eine Stunde lang herausragend. Es war der beste Auftritt seit dem 3:0 im Test gegen die Niederländer im November 2011. Selten hat man eine deutsche Nationalmannschaft so schön, so traumwandlerisch sicher Fußball zelebrieren sehen wie in den ersten 60 Minuten von Berlin. Diese Mannschaft ist zu Recht die Nummer zwei der Welt – einzig Welt- und Europameister Spanien verfügt über ein derartiges spielerisches Potenzial. „Wenn wir konzentriert sind, können wir auf einem unglaublich hohen Niveau spielen. Aber nur dann“, konstatierte Löw. Und schon beginnt die Problem-Analyse.

Fehlende Konzentration: Natürlich können bei diesem irrwitzigen Verlauf mildernde Umstände geltend gemacht werden. „Wir alle haben so eine Situation noch nie erlebt“, stellte Löw korrekt fest. Doch ebenso richtig ist: Diese Mannschaft hat sich nicht zum ersten Mal selber in Bedrängnis gebracht. Bereits bei der EM gegen Griechenland oder jüngst in Österreich gestattete die DFB-Elf dem Gegner durch Schlampigkeit ein Comeback. Es sei „ein Muster“ erkennbar, befand DFB-Manager Oliver Bierhoff. In der Regel ging es am Ende gut aus – doch das Schweden-Spiel zeigte, dass auf dieses Glück nicht immer Verlass ist.

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Womöglich verführt durch das Wissen um das eigene Potenzial, wird das Team zur Nachlässigkeit verleitet, dazu „einen Schritt weniger zu machen“, wie die Spieler schuldbewusst einräumten. Das Bekenntnis kommt spät. Zu spät.

Mangelhafte Defensive: Vier Gegentore in 30 Minuten gegen einen offensiv arg limitierten Gegner sind ein ungenügendes Zeugnis. Individuelle Fehler (Bad­stuber), kollektive Schlafmützigkeit – und mit Manuel Neuer einen Torwart, der an diesem Abend (nicht nur beim 2:4) patzte. Die Defensive bleibt – egal in welcher Besetzung – anfällig. Wer in den 13 Spielen des laufenden Kalenderjahres 22 Gegentore kassiert, wer in den vergangenen 24 Spielen nur viermal ohne Gegentor bleibt, der hat eine Unwucht in seiner Statik. Zum Vergleich: Die für ihr kreatives Offensivspiel gepriesenen Spanier kassierten in den zwölf Duellen 2012 drei Gegentreffer.

Fehlendes Coaching: Der Bundestrainer wirkte paralysiert. „Wenn das Spiel in so eine Phase gerät, ist es schwierig, von außen noch den richtigen Einfluss zu nehmen“, bat Löw um Nachsicht. Zu seiner Hilflosigkeit gehörte auch, die letzte Wechsel-Option ungenutzt verstreichen zu lassen. Es bleibt sein Geheimnis, warum er – allein schon aus Zeitgründen – nicht in den Schlussminuten einen kopfballstarken und robusten Spieler wie Benedikt Höwedes in die Partie brachte. So vergab Löw die Gelegenheit, den Spielfluss der Schweden zu durchbrechen. Erinnerungen wurden wach an das EM-Halbfinale gegen Italien, als Löw regungslos zusah, wie sein Plan scheiterte.

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Führungsspieler: Die Debatte über Haudegen, die in kritischen Situationen die Übersicht behalten, wird neu belebt. Niemand kann sich ernsthaft die Zeiten des ergebnisorientierten Rumpelfußballs zurückwünschen. Dennoch hat die Frage nach den Führungsspielern ihre Berechtigung. „Das ist der Fußball, es gibt solche kuriosen Momente“, meinte Kapitän Philipp Lahm. Mehr hatte der Spielführer zu dem Zusammenbruch nicht zu sagen. Er war am Ende dieses grotesken Spektakels ebenso im fußballerischen Nirwana entschwunden wie Bastian Schweinsteiger. Bei einem Blick auf den deutschen Kader drängt sich die Frage auf: Wer könnte in solchen Momenten die Figur sein, an der sich das wankende Kollektiv aufrichtet? Reus, Götze, Kroos, Müller, Özil? Alles keine Autoritäten. Bliebe Sami Khedira, der sich beim Weltklub Real behauptet – und der in Berlin fehlte...  

Das Fazit: „Das war ein Lernspiel“, so Löw. „Es wird uns eine Lehre sein, für alle Zeiten.“ Kann es sein, dass ein Team, gespickt mit Profis aus München, Dortmund,  Madrid und London, noch als Truppe von Auszubildenden behandelt wird? Die Schonfrist dieser begabten Mannschaft geht zur Neige. Nur ein Titel kann das Versprechen, das diese Mannschaft trotz allem ist, einlösen.

Dirk Graalmann

Kommentare
18.10.2012
13:19
Diese Lehren muss Löw aus dem 4:4 der Nationalelf gegen Schweden ziehen
von bestianegra | #22

Ohne die letzten 30 Minuten zu beschönigen: man kann doch nicht so tun als hätte es die erste Stunde nicht gegeben. Das war das Beste, was ich je von...
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1 Antwort
Ja ja...
von westfaIenborusse | #22-1

Warum hat nicht mal ein Bayern-Fan den Ar*** in der Hose und sagt "ja, es waren 7 Bayern-Spieler auf dem Platz. Ja, Badstuber und Neuer waren ab der 62.Minute
völlig von der Rolle. Ja, die Fehler haben in erster Linie unsere Bayern gemacht." ??

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http://www.derwesten.de/sport/fussball/diese-lehren-muss-loew-aus-dem-4-4-der-nationalelf-gegen-schweden-ziehen-id7204456.html
2012-10-17 20:44
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