Die Lehmann-Brothers hören auf
30.03.2010 | 21:41 Uhr 2010-03-30T21:41:00+0200
Essen.Sollte Jens Lehmann im Anschluss an seine Torhüterkarriere ein Engagement im Filmgeschäft anstreben (und auszuschließen ist bei ihm ja: nichts), dann wäre er für Produzenten von Polizeithrillern eine kostendämpfende Besetzung. Die Rollen des „good cop“ und des „bad cop“ vereinigt der 40-Jährige mühelos.
Für keinen anderen Fußballer dürften Journalisten in den vergangenen mehr als 20 Jahren öfter nach Beschreibungen für eine seltsam gespaltene Persönlichkeit gesucht haben. „Lehmann-Brothers“: um auszudrücken, dass in diesem Körper mehr als ein Mensch hausen muss. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“: um noch etwas genauer auszudrücken, dass es einen höflichen, wohlerzogenen Lehmann gibt und einen schlimmen Buben.
Auch deshalb, weil Jens Lehmann immer das Gegenbild des im Windkanal geformten Blablub-Profis war, wird er der Bundesliga fehlen. Wer reist heute schon noch während eines Spiels mit der S-Bahn nach Hause, weil er vom Trainer vom Feld genommen wurde? (1993 als Schalker bei Bayer Leverkusen.) Und wie lange musste man warten, bis endlich ein Mutiger die Pinkelpause hinter der Werbebande einführte? (2009 beim Spiel in der Champions League mit Stuttgart gegen Urziceni.)
Der Familienrat hat beschlossen
All diese verqueren, diese in großer Kontinuität über weite Zeiträume hinweg in die Welt geschriebenen Stories werden von Lehmann bleiben. Und auch die Bilder seiner aggressiven Ausbrüche, denen stets ein mysteriös verschraubtes Erklären des eigenen Fehlverhaltens folgte. Dass 32,6 Prozent der vom Sportinformationsdienst kürzlich nach ihrem Torhüter für die WM Befragten anworteten, dass Bundestrainer Joachim Löw Lehmann reaktivieren solle, war aber der Ausdruck puren Respekts. Vor dem überragend talentierten und besessen an sich arbeitenden Sportler.
Lehmann wuchs in Essen auf. 1987 wechselte er von Schwarz-Weiß zum FC Schalke 04. Er hat mit den Königsblauen den Uefa-Pokal gewonnen (1997) und später mit dem schwarz-gelben Erzkonkurrenten Borussia Dortmund die Deutsche Meisterschaft gefeiert (2002). Mit Arsenal London holte er den englischen Titel (2004). Und in der Nationalmannschaft setzte er sich spät gegen Oliver Kahn durch. Ein dritter Platz bei der WM 2006 und Platz zwei bei der EM 2008 rundeten seine Karriere nicht ab. Er wäre gern noch dabeigewesen, bei der WM 2010.
Doch der Anruf Löws blieb aus. „Die Entscheidung ist gefallen“, hat Lehmann wohl auch deshalb am Mittwoch verkündet, „der Familienrat hat beschlossen: Am 8. Mai mache ich mit Stuttgart in Hoffenheim mein letztes Spiel.“
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