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Die Asche stirbt im Revier - das bedroht manche Fußballvereine

11.03.2016 | 12:25 Uhr
Zur Asche gehören bei Regen Pfützen, Matsche und dreckige Trikots. Foto: WP/Knepper

Ruhrgebiet.  Es ist eine Untergrund-Revolution: Die Sportplatz-Asche stirbt im Ruhrgebiet einen langsamen Tod. Der Kunstrasen kommt – für manche Vereine aber zu spät.

Peter Bartow schüttelt den Kopf. Kunstrasen? „Nein, das bräuchte ich nicht. Ich habe ja noch auf schwarzer Asche gespielt, da hat man die Kohlestücke gesehen.“ Trotzdem hat der Geschäftsführer des TV Brechten über drei Jahre für das künstliche Grün gekämpft. Er ist losmarschiert, hat Klinken geputzt, Politiker ins Boot geholt und zuletzt sogar den Ex-BVB-Profi Lars Ricken als Unterstützer gewonnen. Und Bartow hat es geschafft. Seit dieser Saison hoppelt der Ball nicht mehr über die Asche, in Dortmund-Brechten liegt nun ein Kunstrasenplatz . „Ansonsten hätte der Verein nicht überlebt“, sagt der 66-Jährige.

Es tut sich was auf den Sportplätzen im Ruhrgebiet – der Fußball erlebt eine Untergrund-Revolution. Über ein Jahrhundert lang gehörten in dieser Region der Ball und die Asche zusammen. Doch immer mehr alte Tennenplätze werden zu Kunstrasenplätzen umgewandelt, die bei den Minustemperaturen nicht knüppelhart werden, auf denen bei Regen keine Pfützen entstehen und der Ball nicht unkon­trolliert verspringt. In Dortmund liegen bereits 42 künstliche Rasenplätze (drei werden gebaut) und nur noch elf Aschenfelder, in Essen ist das Verhältnis 34 zu 35, in Bochum 21 zu 33. Alle großen Ruhrgebietsstädte bestätigen: Der Kunstrasen ist auf dem Vormarsch.

Über 55 Millionen Euro verbaut

Und das, obwohl so ein Platz in der Regel mindestens 500.000 Euro kostet. Allein in Dortmund, Essen, Bochum und Duisburg wurden so schon jetzt rund 57,5 Millionen Euro verbaut. Die Städte lassen sich die Modernisierung ihrer Anlagen einiges kosten. Die Gründe fasst Annika Vößing von der Stadt Bochum zusammen: „Kunstrasenplätze ermöglichen einen weitestgehend witterungsunabhängigen Ganzjahresbetrieb auf den Sportanlagen und garantieren somit eine wesentliche bessere Auslastungsquote der Sportplätze.“

So wie in Mülheim, die Vorzeigestadt in Sachen künstlichem Grün. Durch das „Perspektivkonzept Fußball“ existieren hier bereits 13 Kunstrasenplätze, zwei weitere sind in Planung. Im Frühjahr 2017 soll es nur noch zwei Aschenplätze geben. Doch ausgerechnet Mülheim produziert auch einen Verlierer: den TSV Broich.

Die schönsten Aschenplatz-Bilder

Jugendleiter Bernd Bechtle kann derzeit dabei zusehen, wie seine Nachwuchskicker nach und nach zu den Nachbarvereinen rennen. Denn der TSV spielt an der Prinzeß-Luise-Straße auf einem der letzten Aschenplätze der Stadt. „Zuletzt ist unsere komplette C-Jugend abgewandert“, sagt Bechtle und ergänzt: „Bei den anderen Vereinen werden die Klamotten nicht dreckig, die Knie gehen nicht kaputt.“

Noch hat der TSV Broich zwei Jugendteams. Sollten im Frühjahr 2017 alle Mülheimer Kunstrasenplätze fertiggestellt sein, wären die Broicher die letzten Mülheimer Kicker, die auf die Asche müssen. Ob es den Verein dann noch gibt, kann Bechtle derzeit nicht sagen: „Wir krebsen am Existenzminimum.“

Ohne besseren Sportplatz "hat der Verein keine Zukunft mehr"

Mit ähnlichen Problemen hat auch der SuS Haarzopf zu kämpfen . Der Essener Bezirksligist ist auf dem Sportplatz am Föhrenweg zu Hause. Eine städtische Anlage, die in Eigenverantwortung vom Verein genutzt wird. 460.000 Euro würde der Bau eines Kunstrasenplatzes kosten, mindestens 100.000 Euro muss der Klub selbst auftreiben. Zu viel. Mit zahlreichen Spendenaktionen wurden zwar bereits 65.000 Euro aufgetrieben, doch das reicht eben nicht. „Wir haben einen der schlechtesten Plätze in ganz Essen. Wenn es nicht zeitnah mit einem Umbau klappt, dann hat der Verein keine Zukunft mehr“, erklärt Seniorentrainer Heiko Tüting.

So ein Ende drohte auch dem TV Brechten. „Anfang 2012 hat sich eine komplette Jugendmannschaft abgemeldet“, sagt Peter Bartow. Und das, obwohl der Brechtener Fußballplatz mitten im Zentrum des ruhigen Dortmunder Vororts liegt, in den viele Familien ziehen. Nachwuchsprobleme sollte es hier nicht geben. „Die Eltern wollten ihre Kinder aber nicht mehr auf den roten Schlamm schicken“, berichtet Bartow, dem damals klar war: „Wir brauchen einen Kunstrasenplatz, um zu überleben.“

Ohne Hilfe geht es nicht

Deswegen gründete Bartow einen Förderverein und gewann als Unterstützer auch den in Brechten aufgewachsenen Lars Ricken – über 10 000 Euro wurden so gesammelt. Den Löwenanteil der Kosten von knapp 500 000 Euro stemmte allerdings die Stadt Dortmund. Das zeigt: Ohne öffentliche Hilfe können die meisten Amateurvereine keinen Kunstrasenplatz bauen. Bartow: „Aber es lohnt sich. Wir haben jetzt wieder Mannschaften in allen Altersklassen.“

Der 66-Jährige denkt aber schon wieder an die Zukunft. Durch gute  Pflege soll der neue Platz rund 20 Jahre halten. Spätestens dann muss er erneuert werden. Die Frage ist nur: Wie wird das dann finanziert?

Kommentare
11.03.2016
17:38
"da hat man die Kohlestücke gesehen"
von haralemm | #4

Nein, das muss heißen: "..da hat man die Kohlestücke noch *glimmen* gesehen."

Ruhrpott-Elendsmarketing ohne Übertreibung ist wie Fahrrad ohne Fisch....
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Die Asche stirbt im Revier - das bedroht manche Fußballvereine
Die Asche stirbt im Revier - das bedroht manche Fußballvereine
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http://www.derwesten.de/sport/fussball/die-asche-stirbt-im-revier-das-bedroht-manche-fussballvereine-id11632890.html
2016-03-11 12:25
Aschenplatz, Asche, Kunstrasenplatz, Amateurfußball
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